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Verschmähte Lebensmittel: Gemüseparty in der Schnippeldisco

Von Simone Utler, Düsseldorf

Die Möhren sind zu krumm, die Petersilie ist zu schlapp, der Lauch zu gelb - also ab in die Tonne? Mitnichten. Lebensmittel, die wegen ästhetischer Mängel nicht in den Handel kommen, haben eine Chance auf den großen Auftritt: in der Schnippeldisco.

Event in Düsseldorf: Schnippeln gegen die Lebensmittelverschwendung Fotos
Simone Utler

Düsseldorf - Die Stars des Abends sind Kartoffeln in Herzform. Dicht gefolgt von Riesenmöhren. Handykameras werden gezückt, Fotos bei Facebook eingestellt - dann rücken die Gäste dem Gemüse mit dem Universalschäler auf die Pelle. Gut 400 Menschen sind zur ersten Düsseldorfer Schnippeldisco in eine ehemalige Fabrikhalle gekommen. Zwei DJs sorgen für Soul-Sound, die ersten Gäste legen nach einer Stunde die Messer weg und schwingen die Plastikhandschuhe durch die Luft. Zwiebeln schneiden als Happening.

Das Netzwerk Slow Food Youth will mit solchen Events ein Zeichen setzen gegen die Verschwendung von Lebensmitteln. Die Gäste schneiden verschmähtes Obst und Gemüse, das wegen Schönheitsfehlern nicht in den regulären Handel kommt, in topffertige Würfel und Scheiben. Dann wird für alle gekocht: Suppe, Salat, Dessert.

Material für solche Aktionen gibt es in Deutschland mehr als genug. "20 bis 30 Prozent der Ernte sind Ausschuss, wenn man für den Handel produziert", sagt Peter Zens, der einen Erlebnisbauernhof bei Köln betreibt. Für die Düsseldorfer Schnippeldisco hat er bei Kollegen in seiner Region Lebensmittel gesammelt. Rund 350 Kilogramm Gemüse sind zusammengekommen: krumme Möhren, Lauch mit gelben Blättern, Petersilie ohne Spannkraft. "Das ist alles noch gut, muss aber für den Handel aussortiert werden, weil es nicht dem Schönheitsideal entspricht", sagt Zens. "Aber Lebensmittel kommen nicht aus der Fabrik, sondern sind bunt und vielfältig."

Der Verein Slow Food Deutschland macht mit der Kampagne "Teller statt Tonne" gezielt auf das Problem der Lebensmittelverschwendung aufmerksam. Der Verein führt auf seiner Website eine Uno-Studie aus dem Jahr 2011 an, der zufolge die Pro-Kopf-Verschwendung von Lebensmitteln in der EU bei etwa 300 Kilogramm pro Jahr liegt. Davon werden demnach rund 100 Kilogramm im Haushalt vergeudet, der Rest bei der Erzeugung und im Handel.

"Es ist uncool, sich von Burgern zu ernähren"

Die Slow-Food-Bewegung setzt sich dafür ein, dass jeder Mensch Zugang zu Nahrung hat, die sein Wohlergehen sowie das der Produzenten und der Umwelt erhält. "Nicht jeder muss Vegetarier sein, sollte aber ein Bewusstsein für Nahrung haben", sagt Luisa Kara Ahlers, Hauptorganisatorin der Schnippeldisco. "Wir möchten den Menschen ein Bewusstsein vermitteln, aber nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Spaß."

Die 20-jährige Klara und ihre Freundinnen sind auch wegen der Botschaft hinter dem Event gekommen. "Ich achte auf meine Ernährung, kaufe nur Bio-Eier, Bio-Milch. Die ganzen tierischen Produkte sollten schon ökologisch sein", sagt die Jura-Studentin. "Es ist uncool, sich von Burgern zu ernähren." Gemüse im Bioladen sei zwar teurer: "Aber ich habe das Gefühl, dass immer mehr Menschen mehr Geld für Essen ausgeben."

Tatsächlich steigt die Zahl der Menschen, die sich bewusst ernähren. Unter Berufung auf Erhebungen des Instituts für Demoskopie Allensbach geht der Vegetarierbund von rund sieben Millionen Vegetariern in Deutschland aus. Etwa 800.000 davon seien Veganer, also Menschen, die auf sämtliche tierischen Produkte verzichten. 1983 hatten sich nach einer Untersuchung der Gesellschaft für Konsumforschung nur etwa 0,6 Prozent der Bevölkerung vegetarisch ernährt.

"Diese Katastrophe kann beendet werden"

Das Zentrum der Slow Food Bewegung in Deutschland ist Berlin. Hier wurde auch vor rund fünf Jahren die erste Schnippeldisco veranstaltet. "Von Berlin ging die Bewegung unter dem Namen Disco Soupe nach Paris und von dort weiter in die ganze Welt", sagt Buchautor Tristram Stuart, der die Schnippeldisco mitinitiierte. Inzwischen gebe es derartige Veranstaltungen unter anderem in Irland, Belgien, Großbritannien, Mexiko, Brasilien und Südkorea.

Schnippeldiscos seine "eine Waffe im Kampf gegen die globale Katastrophe der Lebensmittelverschwendung", sagt Stuart. Ein Drittel der weltweiten Lebensmittel würde weggeworfen. "Diese Katastrophe kann beendet werden, indem wir Lebensmittel essen, die nicht perfekt aussehen."

Auch Landwirt Peter Zens appelliert an die Konsumenten: "Jeder geht einkaufen und sollte im Supermarkt nachfragen, warum es keine Herzkartoffeln gibt."

Ein großer deutscher Konzern hat schon reagiert: Edeka bot Ende 2013 Obst und Gemüse, das nicht in die Norm passte, testweise zu reduzierten Preise in einigen Filialen an. Die Kundenresonanz sei "überwiegend positiv" gewesen.

Slow Food
  • Der Verein wurde 1986 von dem Journalisten und Soziologen Carlo Petrini in der norditalienischen Kleinstadt Bra zur Erhaltung der Esskultur gegründet; die internationale Variante gibt es seit 1989.

    Das anfängliche Ziel war es, für gutes Essen, kulinarischen Genuss und ein moderates Lebenstempo einzutreten. Aus der ursprünglichen Idee erwuchs bald die Einsicht, dass auch die bäuerliche Landwirtschaft, das Lebensmittelhandwerk und eine gesunde Umwelt für eine gute, saubere und faire Esskultur unerlässlich sind. Slow Food Deutschland e.V. wurde 1992 als erster nationaler Verein außerhalb Italiens ins Leben gerufen.

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insgesamt 28 Beiträge
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1. Ist ja alles nett und schön
odapiel 10.05.2014
leider aber können sich Einkommensschwache oft genug nicht einmal handelsübliches Gemüse und Obst leisten. Da sind solche Artikel in denen Geld keine Rolle zu spielen hat reichlich daneben.
2. Die Kundenresonanz sei
gribofsky 10.05.2014
Klar, weil es verbilligt war! Könnten bitte mal der Autor und diese "Gemüsehippies" aus der Disco einfach mal im LEH in Deutschland arbeiten? Ich war drei Jahre im LEH tätig und habe gesehen was die Kunden kaufen und was sie liegen lassen. Der Handel nimmt keine unförmigen Lebensmittel weil die Kunden sich weigern sie zum regulären Preis zu kaufen. Die Gewinnspanne liegt im LEH unter 3%! Da ist kein Spielraum für Lebensmittel die nur verbilligt oder gar nicht verkauft werden können. Es hindert niemand diese Gemüsehippie oder anderweitige Weltverbesserer daran ihre Lebensmittel direkt vom Bauern oder auf dem Wochenmarkt zu kaufen. Auf dem LEH rumzuhacken, nur weil er liefert was die Mehrheit der Kunden will, ist zu einfach.
3. Nachfrage?
minsk60 10.05.2014
Zitat von sysopSimone UtlerDie Möhren sind zu krumm, die Petersilie ist zu schlapp, der Lauch zu gelb - also ab in die Tonne? Mitnichten. Lebensmittel, die wegen ästhetischer Mängel nicht in den Handel kommen, haben eine Chance auf den großen Auftritt: in der Schnippeldisco. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/schnippeldisco-in-duesseldorf-kampf-gegen-lebensmittelverschwendung-a-968568.html
Die eigentliche Frage ist doch, in welchem Maße nicht normgerechtes Gemüse auch tatsächlich gekauft würde. Einmalige Events sagen dazu nicht viel aus. Um wieviel war das besagte Angebot bei Edeka denn billiger und wie sah es mit dem Absatz aus?
4. Klasse!
zorga 10.05.2014
Eine Superaktion! Finde ich richtig klasse. Würde ich auch jederzeit hingehen. Klingt nach einer Menge Spaß :-) Ich muss aber gestehen, das ich im Supermarkt auch auf ordentlich aussehendes Gemüse achte. Ich möchte nichts kaufen was halbverottet (z.B. Porree mit gelben Blättern und labbrige Petersilie) aussieht und dafür den gleichen Preis zahlen, wie für "schönes" Gemüse. Ist es aber reduziert, dann lange ich hin. Wenn es, wie bei Kartoffeln und Möhren, allerdings nur um die Form geht, dann ist das Aussortieren von "untauglichem" Gemüse wirklich eine Schande.
5. ... das eine mit dem anderen vergleilchen...
fitpit 10.05.2014
Woher kommt denn soviel Hass auf die Vegetarier? Scheint mir recht stereotyp von Leuten zu kommen, die täglich ihr Stück Pressspanschnitzel brauchen und Angst haben, andere können das anders sehen. Dann wird gleich beleidigt. Die Sache hat natürlich Hand und Fuß und die "Gemüseverwerter" haben Recht, in dem, was sie tun. Im Übrigen: fleischlose Ernährung ist günstiger, als fleischhaltige und das ist doch genau das für die Einkommensschwachen.
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