Nazi-Symbole an Unfallort Der Schandfleck von Schönberg

Hakenkreuze auf einem Gehweg - genau dort, wo zuvor ein Flüchtlingskind starb: Dieser Fall aus Mecklenburg erregte bundesweit Empörung. Anwohner reagieren verunsichert, manche sind genervt.

SPIEGEL ONLINE

Von , Schönberg in Mecklenburg


Die Erinnerung an den kleinen Mazen verwelkt. Ein paar bräunliche Rosen liegen neben den Grablampen am Rande der Dassower Straße, Dreck bedeckt die Beileidsbekundungen. Man könnte meinen, hier sei vor langer Zeit jemand ums Leben gekommen - jemand, der allzu schnell in Vergessenheit geraten ist.

Das Gegenteil ist der Fall. Am 20. Juni war der neunjährige Mazen auf dem Gehweg durchs mecklenburgische Schöneberg geradelt. Plötzlich geriet er ins Schlingern und rollte auf die Fahrbahn - just in dem Moment, in dem ein stadtauswärts fahrender Traktor neben ihm fuhr. Das Fahrzeug erwischte den Jungen seitlich, er starb wenige Tage später im Krankenhaus.

Ein Verkehrsunfall mit tödlichem Ausgang ist traurig, aber leider Alltag in Deutschland: 382 Fahrradfahrer starben laut statistischem Bundesamt im vergangenen Jahr im Straßenverkehr, das entspricht rechnerisch etwa einem Todesopfer pro Tag. Dass Mazen nicht lediglich ein weiterer Einzelfall für die Statistik wurde, liegt wohl vor allem an seiner Herkunft und an den Reaktionen auf seinen Tod.

Er kam erst 2015 mit seiner Familie aus dem syrischen Bürgerkrieg nach Mecklenburg. Einige Rassisten freuten sich offenkundig über den Tod des Jungen: Im Juli entdeckten Passanten an der Unfallstelle gleich zweimal ein Hakenkreuz, jeweils etwa einen Quadratmeter groß. Beim zweiten Mal schrieben die Unbekannten mit weißer Farbe daneben: "1:0". Seitdem ist Schönberg bundesweit bekannt.

Ein paar Meter neben der Unglücksstelle steht "Ben's Corner". In dem kleinen Imbiss diskutieren an diesem Sommertag ein paar Männer über die Angelegenheit, ihre Namen wollen sie nicht nennen. "Dass man gerade an so eine Stelle so was hinschmiert, ist schon ein bisschen doll", sagt einer von ihnen. "Das gehört sich ja nicht."

Ein anderer, der mit einer Tasse Filterkaffee am Tresen steht, nickt. "Hätt ja auch eins von unseren Kindern sein können." Über die Täter sagt er: "Da brennt nicht viel Licht bei solchen Leuten." Er nippt an seinem Kaffee, zögert, dann sagt er noch was: "Wenns ein deutsches Kind gewesen wär, hätten sie nicht so ein Trara drum gemacht." Er freue sich jedenfalls, wenn bald wieder Ruhe sei im Ort, denn: "Wenn du immer dasselbe hörst, wirst du verrückt."

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Hakenkreuz-Vorfall: Eine verunsicherte Stadt

Wer sich in Schönberg umhört, bekommt auf Fragen zu dem Vorfall meist ähnliche Antworten: Natürlich sei es ein Unding, ein Hakenkreuz an solch einen Unfallort zu schmieren, da sind sich die meisten offenbar einig. Über die 40 Flüchtlinge in dem Ort mit 4400 Einwohnern freut sich trotzdem nicht jeder. Und über die viele Aufregung derzeit auch nicht.

Schönberg, eine von Hügeln umrandete Kleinstadt nahe Lübeck, ist Schauplatz einer schwer zu fassenden Rassismusdebatte: Bei den Hakenkreuz-Schmierereien handelt es sich juristisch nicht um ein schweres Verbrechen; den inzwischen gefassten Tatverdächtigen, zwei jungen Männern aus Schönberg, droht wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen und gemeinschädlicher Sachbeschädigung eine mehrjährige Haft oder eine Geldstrafe.

Im Grunde geht es nur um eines: Wie geht eine Gesellschaft damit um, wenn ein totes Kind rassistisch verunglimpft wird?

Lutz Götze tut sich schwer mit dieser Frage. Der 68-Jährige ist Bürgermeister von Schönberg, ehrenamtlich und parteilos. "So was Perverses geht nicht in mein Hirn", sagt er über die Schmierereien an der Dassower Straße. "Sobald ich weiß, wer das war, lade ich die zu einem Gespräch ein. Was muss in deren Köpfen losgegangen sein? Das will ich verstehen."

Offenbar ist das Götzes Art, mit einem heiklen Problem umzugehen: Für die gut organisierte rechtsextremen Szene in Nordwestmecklenburg spielte Schönberg bislang keine Rolle. "Wir haben keine braune Szene hier, wir haben ja nicht mal die AfD", sagt Götze. Natürlich gebe es eine Handvoll Leute, "die so einer Ideologie anhängen". Aber doch keine Neonazis.

Bürgermeister Lutz Götze
Wolfgang Maxwitat

Bürgermeister Lutz Götze

Ein Zeichen setzen wollte Götze trotzdem: Am vergangenen Donnerstag kamen er und Gesandte aller Fraktionen der Stadtvertretung zu einer Mahnwache an der Dassower Straße. Die Integrationsbeauftragte der Landesregierung hielt eine Rede, etwa hundert Menschen nahmen Teil - reicht das?

Es muss reichen, findet Götze. Hätte die Stadt für das gestorbene Kind etwa einen Kranz an den Unfallort gelegt, so der Bürgermeister, wäre wohl eine unangenehme Debatte entstanden: Warum ist Steuergeld für einen Kranz da, wenn ein ausländisches Kind stirbt, sonst aber nicht? Das sei auch der Grund, warum er nicht den persönlichen Kontakt zur Familie des verunglückten Jungen aufgenommen habe, sagt Götze. Das überlasse er ganz bewusst den Helfern der örtlichen Flüchtlingsinitiative.

Zu den Hakenkreuzen will er am liebsten nicht mehr so viel sagen - damit die Täter nicht noch mehr Aufmerksamkeit bekommen. Ihm geht es um Rechtsextremismus im Allgemeinen. Viele Schönberger wollten zwar zur Tagesordnung zurückkehren, sagt Götze, er aber werde fortan hellhöriger sein: "Wenn so was einmal passiert, kann es wieder passieren. Und da muss man achtsam sein."

Anders als mit Rassismus kann sich der Lokalpolitiker jedenfalls nicht erklären, dass ein paar Schönberger offenbar ein Problem mit Zuwanderung haben. "Die Flüchtlinge sind alle integriert", sagt der Bürgermeister. "Die fallen gar nicht auf - und wenn doch, dann positiv: Sie gehen arbeiten und bringen sich ein."

Dass Götze nicht den Kontakt zur Familie des toten Mazen sucht, hat womöglich auch persönliche Gründe: Der Lokalpolitiker, der nebenbei als Fahrlehrer arbeitet, hat selbst ein Kind bei einem Verkehrsunfall verloren. Kaum jemand dürfte besser wissen als er, dass die Angehörigen des Jungen derzeit ihre Ruhe wollen.

"Die Eltern haben viel geweint"

Die Familie hat sich zurückgezogen - nicht nur, um in Ruhe zu trauern. Sondern wohl auch aus Angst vor erneuten Anfeindungen. Das jedenfalls erzählen drei Frauen, die an diesem Tage nahe dem Unfallort spazieren. "Wir haben die Familie nach dem Unfall regelmäßig besucht und bekocht", erzählt eine der drei - auch sie möchte ihren Namen nicht nennen.

"Die Eltern haben viel geweint", sagt die 21-Jährige. Vor allem Mazens Mutter sei wegen der Hakenkreuze sehr verunsichert. Schon zuvor seien immer wieder mal rechtsextreme Symbole oder Sprüche wie "Ausländer raus" an Bäumen und Wänden aufgetaucht. Bislang sei aber niemand persönlich angegangen worden.

Angeblich wolle die Familie nun die Stadt verlassen, so jedenfalls habe die Mutter es ihr erzählt. Ob das stimmt, lässt sich nicht überprüfen. Es wäre allerdings ein alarmierendes Signal, wenn Zugezogene aus Angst vor rassistischen Anfeindungen die Stadt verlassen.

So nachvollziehbar der Wunsch vieler Schönberger nach etwas Ruhe auch sein mag: Das sollte ihnen nicht egal sein.

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