US-Schönheitswettbewerb für Kinder: Little Miss Sunshine

Aus Arlington berichten Fritz Habekuß und (Video)

Sie tragen Abendkleid und Make-up, lächeln um die Wette und lassen sich zu ihrer Persönlichkeit befragen: In den USA wetteifern schon Zwölfjährige um Schönheitskronen. Das sei gut für die Entwicklung der Kinder, sagen ihre Mütter.

SPIEGEL ONLINE

Die sternförmigen Ohrringe mit der US-Nationalflagge hat sich Madelyn Shivers extra für diesen Tag gekauft, sie sollen ihrem Outfit den letzten Schliff verpassen. Sie sollen die Zwölfjährige aus New Jersey schöner erscheinen lassen als die anderen Mädchen. Schöner als die Konkurrenz, die aus dem ganzen Land angereist ist, um zur Pre Teen Miss United States gewählt zu werden.

Gerade läuft die letzte Probe vor Beginn des Wettbewerbs. Die Mädchen üben den patriotischen Tanz, Kleider und Schmuck müssen dabei in den Nationalfarben gehalten werden. Madelyn trägt ein weißes Kleid mit blauem Tuch und knallrotem Lippenstift. Zu basslastiger Popmusik tanzt sie die einstudierte Choreografie. Eine Drehung links, eine Drehung rechts, ein paar Schritte vor, ein paar zur Seite. Dann winken, vielleicht ein Handkuss ins Publikum, Schlusspose und runter von der Bühne. Und nie aufhören zu lächeln.

Ein Samstagvormittag Anfang Juli, die Sonne brennt in Arlington, Virgina, schon früh herrschen mehr als 30 Grad Celsius. Im Synetic Theater werden heute, so sehen es die Veranstalter, die schönsten Kinder der USA gewählt. Im Zuschauerraum sorgt die Klimaanlage dafür, dass die rund hundert Angehörigen der Kandidatinnen nicht überhitzen.

Fotostrecke

11  Bilder
Misswahl für Kinder: "Atemberaubend", "hinreißend", "großartig"
Madelyn ist mit zwei Tanten, einer Cousine, ihrer Mutter und ihrer Großmutter aus New Jersey angereist. Sie tritt gegen 16 andere Mädchen in ihrer Altersklasse an. Parallel dazu wetteifern Acht- bis Neunjährige um den Titel der Little Miss United States. Schönheitswettbewerbe für Kinder erfreuen sich großer Popularität in den USA und sind weiter auf dem Vormarsch. Es ist ein Milliardenbusiness geworden, behaupten die Organisatoren.

In Arlington entscheidet eine fünfköpfige Jury, wer den Titel verdient und wer nicht. Chris Wilmer betritt die Bühne, er ist der Direktor des Wettbewerbs - "the very best" Direktor, so nennt ihn zumindest die Moderatorin. Wahrscheinlich hat man ihm kurz vorher auch gesagt, er sei der "Sexiest Man on Earth". Jedenfalls bewegt er sich so im Scheinwerferlicht, während er in braunen Lederslippern, einer grünen Hose und einem etwas zu weit aufgeknöpften Hemd ein paar Worte an das Publikum richtet. Er lotet dabei das volle Spektrum der Begeisterung aus: "atemberaubend", "hinreißend", "großartig".

Dann dürfen die Mädchen den patriotischen Tanz in den patriotischen Kleidern tanzen. Applaus, die Moderatorin findet das Ganze "großartig", die Kinder müssen sich anschließend im Backstage-Bereich umziehen, ohne das Make-up oder die Frisur zu ruinieren.

In der Regel übernehmen Mütter oder Großmütter das Styling, manchmal auch eigens angeheuerte Trainer. Deren Honorar kommt dann zu den Kosten für Anreise, Kleidung, Unterbringung und Teilnahmegebühr von mindestens 700 Dollar hinzu.

"Was sie hier lernt, hilft ihr im Berufsleben"

Madelyn Shivers nahm im Alter von sieben Jahren an ihrem ersten Schönheitswettbewerb teil. "Früher war ich schüchtern, das habe ich abgelegt", sagt die Schülerin. "Ich treffe viele neue Leute und kann an mir arbeiten." Ihre Mutter Monica ergänzt: "Was sie hier lernt, hilft ihr im Berufsleben, etwa bei einem Vorstellungsgespräch oder wenn sie frei reden muss."

In der zweiten Runde müssen die Kandidatinnen in weißen Sportklamotten über die Bühne laufen und Fragen beantworten. "Warum möchtest du einmal Krankenschwester werden? Was ist dein Lieblingsbuch? Erzähl uns etwas über deine Pferde!" Anschließend sollen die Juroren die Persönlichkeit der Kandidatinnen bewerten.

Während die Mädchen im Scheinwerferlicht stolzieren, wird Musik gespielt, drei Songs in Dauerschleife. In einem Lied stöhnt Britney Spears über einem wuchtigen Synthie-Beat von einer exzessiven Clubnacht. Die Kinder lächeln, die Mütter kreischen zur Unterstützung.

Ein Mädchen wird gefragt, warum sie Ärztin werden möchte. Sie schaut kurz irritiert, beginnt mit "weil ich alle Menschen mag und es mir viel bedeutet, wenn...", bricht ab. Falsche Frage. Sie möchte überhaupt nicht Ärztin, sondern Schauspielerin werden. Das erfährt der Zuschauer aber erst, nachdem die Moderatorin ihr Smartphone wieder zum Laufen bringt und die richtige Frage angezeigt bekommt.

Das Schweigen bis dahin überspielt sie mit ein paar Weisheiten aus ihrem Miss-Fundus: "Du weißt nie, was passiert, wenn du hier oben stehst", sagt sie zur Kandidatin. Spätestens jetzt wünscht man sich, die Eltern würden das Mädchen von der Bühne holen, in ein Auto setzen und ganz weit weg bringen. Stattdessen gibt es den nächsten Ratschlag: "Das Wichtigste: Immer weiter lächeln."

Madelyn geht leer aus

In der dritten Runde tragen die Kandidatinnen Abendkleider und viel Glitzer. Nach gut drei Stunden folgt dann die Siegerehrung. Madelyns Mutter ist "unglaublich nervös" und zwingt sich zum Hinsetzen. In umgekehrter Reihenfolge werden die ersten vier der Gesamtwertung bekanntgegeben. Madelyn wird nicht Vierte, aber das Lächeln bleibt. Madelyn wird nicht Dritte, aber sie applaudiert. Madelyn wird nicht Zweite, aber sie freut sich für ihre Konkurrentin. Madelyn wird nicht Siegerin, aber behält ihr Lächeln noch immer auf den Lippen.

Erst als die neue Pre Teen Miss United States gekrönt wird, lächelt Madelyn nicht mehr. Sie schaut sich um und blickt in die Runde. Sie sieht, wie ihre Mitbewerberinnen nicht aufgehört haben, zu lächeln. Und da gehen auch ihre Mundwinkel wieder nach oben.

Bevor sich Familie Shivers später auf den Weg macht, gibt Direktor Wilmer Madelyn noch einen Kuss auf die Wange: "Du siehst umwerfend aus, ganz toll", sagt er und hat sich schon umgedreht.

Die Familie macht noch ein paar Fotos und geht dann langsam durch den unterirdischen Gang zurück ins Hotel. Diesmal hat es nicht gereicht. Aber für Madelyn wird es nicht die letzte Wahl gewesen sein.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 48 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. nee
dadanchali 16.07.2013
Zitat von sysopSie tragen Abendkleid und Make Up, lächeln um die Wette und lassen sich zu ihrer Persönlichkeit befragen: In den USA wetteifern schon Zwölfjährige um Schönheitskronen. Das sei gut für die Entwicklung der Kinder, sagen ihre Mütter. Schönheitswettbewerb für Kinder: Little Miss United States - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/schoenheitswettbewerb-fuer-kinder-little-miss-united-states-a-910455.html)
Die USA ist eines der Länder die ich aufgrund ihrer merkwürdigen Verhaltensweisen, die oft mit abstrus und abstoßend nur unzureichend beschrieben werden, nie verstehen werde. Zu diesen Ländern gehören auch Pakistan, Nordkorea, Russland etc. pp.
2. Toller Artikel
mricher 16.07.2013
Das zeigt doch wieder wie schrecklich und verlogen die Amerikansche Gesellschaft ist, und das dort nur oberflächliche Werte gelten blablabla...
3. das hat uns gerade noch gefehlt
rolf1951 16.07.2013
aber bitte nur Mädchen ! Starkes Selbstbewußtsein durch eine fette Gage im Kindesalter festigen die Frauenquote ! Oder liege ich falsch ? Heute trinke ich kein Bier mehr !
4. Au weia!
artusdanielhoerfeld 16.07.2013
"Das sei gut für die Entwicklung der Kinder, sagen ihre Mütter." Und ich sage, das ist schlecht für ihre späteren Partner, die sich mit einer selbstverliebten ewigen Prinzessin herumplagen müssen!
5.
Zephira 16.07.2013
Schönheit und Erfolg wecken immer auch Neid und Hass bei Kleingeistern. Natürlich sind diese nicht ehrlich genug, zu ihren niederen Instinkten zu stehen, sondern heucheln "Sorge ums Kindeswohl", obwohl sie alles andere als kinderfreundlich auftreten. Da muss man sich als Elternteil einfach im Klaren darüber sein, dass die Neider und Hasser ganz eigene Ziele verfolgen. Ich persönlich finde dabei Intelligenzwettbewerbe sehr viel interessanter und nützlicher. Bloß wird Klugheit noch viel weniger verziehen als Schönheit...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema USA
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 48 Kommentare
  • Zur Startseite