Muslimischer Schützenkönig "Er muss nicht zurücktreten"

Muss Mithat Gedik auf seinen Thron verzichten? Die westfälische Schützenbruderschaft Sönnern-Pröbsting stellt sich hinter ihren muslimischen Schützenkönig: "Menschen stehen vor einer Satzung."

Schützenkönig Mithat Gedik: "Die Königskette gebe ich nicht zurück"
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Schützenkönig Mithat Gedik: "Die Königskette gebe ich nicht zurück"

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Hamburg/Werl - An einem heißen Tag im Juli greift Mithat Gedik zu seinem Gewehr und trifft. Die Reste eines roten Holzvogels fallen hinab, die Menge applaudiert. Händeschütteln, Schulterklopfen - im westfälischen Sönnern zweifelt niemand daran, dass hier der neue Schützenkönig steht. "Unser neuer Regent 2014", schreiben die Schützen Tage später auf ihrer Internetseite.

Das Vogelschießen ist mehr als eine Woche her, und Gediks Thron wackelt. Der 33-Jährige, aufgewachsen in der Region, verheiratet, vier Kinder, Kaufmann und Mitglied der freiwilligen Feuerwehr, wäre eigentlich ein Schützenkönig aus dem Bilderbuch. Aber er ist kein Christ, sondern muslimischen Glaubens. Und in den Augen einiger Schützen somit kein König.

Im Nachbarort Hilbeck findet Ende August das Bezirksschützenfest statt. Auch Gedik sollte dort schießen - bis der Dachverband der Sönneraner, der Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften (BHDS), Einspruch erhob. Gedik sei kein Christ, damit dürfe er kein Schützenkönig werden. Genaugenommen, so der BHDS, hätte Gedik nicht einmal Mitglied werden dürfen.

"Die Schützenbruderschaft St. Georg Sönnern-Pröbsting ist eine Vereinigung von christlichen Menschen, die sich zu den Grundsätzen und Zielen des Bundes der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften in Köln e.V. bekennen", heißt es in dem entsprechenden Absatz der Sönneraner Satzung. Unter anderem verschreiben sich die Mitglieder der "christlichen Sitte und Kultur".

"Soll er doch schießen"

Eigentlich sollte die Königsproklamation ein schönes Fest werden, sagt Manuela Rüter, Schützenkönigin des Vorjahres. Für das ganze Dorf. Doch von den Feierlichkeiten spricht in dem 900-Seelen-Ort östlich von Dortmund nun keiner mehr. Stattdessen rufen Menschen aus der ganzen Republik in Sönnern an und wollen wissen, warum der Moslem nicht König sein darf.

"Wer lesen kann, ist klar im Vorteil", kommentierte der Sprecher des BHDS die Absage an den König der Schützenbruderschaft Sönnern. Man legte den Sönneranern stattdessen nahe, ihren König zum Rücktritt zu bewegen. Oder zur Konvertierung. Über die Äußerungen können viele Mitglieder nur den Kopf schütteln. Unverschämt, lautet das Urteil. Ex-Schützenkönigin Rüter sagt: "Soll er doch schießen in Hilbeck. Ich bin auch geschieden, na und?"

Der Regent mit den türkischen Wurzeln bekommt viel Zuspruch. Auf der Seite der Schützenbruderschaft erklärten Dutzende ihre Unterstützung für Gedik - und sind bestürzt über den BHDS. Auch der Zentralrat der Muslime äußerte Unverständnis. Politiker schalteten sich in die Debatte ein. Landesintegrationsminister Guntram Schneider (SPD) sprach von einem "Stück aus dem Tollhaus", das hoffentlich bald aus der Welt geschaffen werde. Grünen-Chef Cem Özdemir schrieb auf Twitter: "In welchem Jahrh.. sind wir eigentlich? Gedik darf in Sönnern nicht #Schuetzenkoenig sein, weil er kein Christ ist!"

"Menschen stehen vor einer formalen Satzung"

Der BHDS zeigt sich bislang unbeeindruckt. Gedik auch. "Die Königskette gebe ich nicht zurück", zitiert der "Westfälische Anzeiger" den 33-Jährigen. Rückendeckung bekommt er von seinem Verein. "Ich stehe hinter Herrn Gedik und der Verein auch", sagt Thomas Rüter, Geschäftsführer der Sönneraner Schützen und Schützenkönig des Vorjahres. "Und er muss auch nicht zurücktreten."

Im Verein will man nun in Ruhe beraten, was zu tun ist. "Wir wollen kein Öl ins Feuer gießen", sagt Rüter. Vielleicht sei man hinsichtlich der Satzung ein wenig blauäugig vorgegangen. Im Dorf habe sich keiner Gedanken darüber gemacht. "Aber ich finde: Menschen stehen vor einer formalen Satzung."

Die Sönneraner Schützen treffen sich nun zu einer zweiten Krisensitzung. Mitte der Woche will sich der Vorstand zum weiteren Vorgehen äußern. Über einen Austritt aus dem BDHS will Rüter nicht spekulieren. "Darüber entscheiden die Mitglieder." Er ist jedoch zuversichtlich, dass man sich mit dem Bund einigt - und zwar so, dass weder die Schützenbruderschaft Sönnern-Pröbsting noch König Gedik Schaden nehmen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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mborevi 04.08.2014
1. Mich wundert, ...
Zitat von sysopDPAMuss Mithat Gedik auf seinen Thron verzichten? Die westfälische Schützenbrüderschaft Sönnern-Pröbsting stellt sich hinter ihren muslimischen Schützenkönig: "Menschen stehen vor einer Satzung." http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/schuetzenkoenig-in-soennern-mithat-gedik-bekommt-rueckendeckung-a-984432.html
... dass eine Satzung mit so eindeutig grundgesetzwidriger Klausel von der zuständigen Stelle im Regierungspräsidium überhaupt genehmigt wurde.
hannes21 04.08.2014
2.
Vereine haben in D einen großen Stellenwert im gesllschaftlichen Leben. Eine Satzung ist das Grundgesetz eines Vereins. Aber trotz aller Regeln, die sein müssen, handelt es sich hier um eine Freizeitbeschäftigung. Hier steht nicht das ständige Prüfen einer Satzung im Vordergrund. Ich finde es schlimm, wie sich in vielen Vereinen immer wieder Leute finden, die sich zu Herren über das Zusammenleben aufschwingen. Die Frage ist doch: Warum durfte dieser Mann überhaupt in dem Schützenverein Mitglied sein, wenn es der Satzung widerspricht. Als Mitglied war er gut genug, aber Schützenkönig darf er wegen seines Glaubens nicht sein?
indy555 04.08.2014
3. Herr Gedik ist Mensch.
Genau aus diesem Grunde sollte sich eher der Verfassungsschutz mit den Gesinnungen des Dachverbandes beschäftigen. Für mich ist der Schießsport nichts, aber ich sehe in Herrn Gedik ein Vorbild in unserer Gesellschaft. Auch ich bin ehrenamtlich engagiert und pfeife auf die Religion eines Kameraden, der in der Gesellschaft Gutes tut.
Martinaalanya 04.08.2014
4.
wohl weil die Satzung schon lange vor der Zeit entstanden ist, bevor die Regierungspräsidien erfunden wurden.... dass man das allerdings nie relativiert hat, ist fragwürdig. Man hätte es ja auch bei "Glaube, Sitte, Anstand" lassen können, ohne explizit eine Konfession oder eine Religion zu nennen...
RandomName 04.08.2014
5. Wieso Verfassungsschutz?
Ein Verein darf aufnehmen (oder eben nicht) wen er will. Lächerlich und schäbbig ist das Ganze dennoch, vor allem nachdem das "ungültige" Mitglied auch noch "blöderweise" gewonnen hat. Umso besser, dass sein Verein hinter ihm steht!
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