Schwangerschaftsabbruch Wir haben damals abgetrieben

Beschimpft, ausgegrenzt, bestraft: Frauen, die in den sechziger und siebziger Jahren ihr Kind abgetrieben haben, wurden massiv diskriminiert. Im Juni 1971 legten 374 von ihnen öffentlich ein Geständnis ab. Zwei erinnern sich nun an einen entscheidenden Moment in ihrem Leben.


Hamburg - Sie trug den halblangen, knallroten Mantel. Den mit den großen, im Sonnenlicht glänzenden Plastikknöpfen. Darunter das beige Sommerkleid ohne Ärmel und die Kette, die ihr die Eltern zur Kommunion geschenkt hatten. Den Anhänger, ein kleines silbernes Kreuz, presste Renate Weber an jenem Tag im Mai 1970 fest an sich.

Renate Weber hat abgetrieben und somit gegen den Paragrafen 218 verstoßen. Sie ist damals 21 Jahre alt, studiert Pharmazie. Sie stammt aus einem kleinen Dorf in Bayern, ihre Familie ist stolz auf sie. Eine Schwangerschaft würde ihren ganzen Lebensplan zerstören - und dann die Schmach, nicht verheiratet zu sein. Singlesein bedeutet damals, keusch zu bleiben. "Ein uneheliches Kind, so gefühllos das klingen mag, konnte ich mir nicht erlauben", sagt die heute 62-Jährige. Die Situation scheint für sie ausweglos, bis sie sich zu einer illegalen Abtreibung entschließt.

Wie ihr ergeht es damals vielen Frauen. Aus sozialer, beruflicher oder psychischer Not heraus wagen sie den gleichen Schritt. Im Juni 1971 geben 374 von ihnen im "Stern" offen zu: "Ich habe abgetrieben." Unter ihnen Senta Berger, Romy Schneider, Alice Schwarzer. Im "Nouvel Observateur" hatten zuvor 343 Frauen - darunter Jeanne Moreau und Simone de Beauvoir - einen Schwangerschaftsabbruch zugegeben.

Das Geständnis der deutschen und französischen Frauen ist der Auslöser für eine neue Frauenbewegung: Tausende gehen auf die Straße. Sie demonstrieren für die Liberalisierung des Paragrafen und gegen die Entmündigung, die Diskriminierung und die Doppelmoral. Sie wollen über ihre Sexualität selbst bestimmen. Auch Ulla Böll, die Nichte von Heinrich Böll, marschiert mit einer Flüstertüte durch Köln und ruft die Hausfassaden hoch: "Hallo Frau! Du weißt doch, was wir meinen. Sei nicht feige, reih dich ein!"

Schwanger, ja, aber keine werdende Mutter

Ulla Böll ist Anfang 20, hat ihre Ausbildung als medizinisch-technische Assistentin gerade abgeschlossen, verdient zum ersten Mal eigenes Geld, als sie bemerkt, dass sie schwanger ist. "Ich hatte gerade begonnen, ins Leben zu blicken", sagt die 65-Jährige. Sie entscheidet sich für einen Abbruch. Ihre Schwangerschaft habe nichts mit "Ich bekomme ein Kind" zu tun gehabt, sagt sie. Bereits am zweiten Tag habe sich ihr Körper spürbar verändert. Sie fühlte sich schwanger, ja, aber nicht wie eine werdende Mutter.

Wer eine Abtreibung vornehmen lässt, kann in den siebziger Jahren ins Gefängnis kommen. Auch die Ärzte machen sich strafbar. Viele Kurpfuscher mischen mit. Ein Gedanke, der den Frauen ebenso Angst bereitet wie die Horrorlegenden darüber, was ein Abbruch alles verursachen kann - von ewiger Unfruchtbarkeit, unstillbaren Blutungen und anderen bleibenden Folgen ist die Rede.

"Es war wie im Krimi", erinnert sich Ulla Böll. Das Geld habe sie sich von Freunden zusammengeliehen. "Ich musste so tun, als sei ich verheiratet, trug in der Praxis den Ehering einer Freundin", erzählt Renate Weber. Mit dem Zug fährt sie an jenem Maitag in eine deutsche Großstadt. Die Kosten von mehr als 500 Mark leiht sie sich bei ihrer Vermieterin, einer zweifachen Mutter, die großes Verständnis für ihre Situation hat. Das Geld stottert sie ein Jahr lang ab.

Spätestens, als sie dem Arzt ausgeliefert sind, treten die Ängste der Frauen in den Hintergrund. "Man musste sich in diesem Moment abspalten, bewusst schizophren sein, sonst hätte man es nicht durchgestanden", sagt Ulla Böll. "Ich dachte bis zuletzt an den Staatsanwalt, der persönlich an meiner Wohnungstür klingeln und mich in Handschellen abführen lassen würde", erinnert sich Renate Weber. Unaufhaltsam seien ihr die Tränen über die Wangen gelaufen. Die Assistentin des Arztes habe sie nach dem Eingriff tröstend in den Arm genommen.

"Es war ein Geschachere und Geeiere"

Auch auf der Straße müssen die Frauen viel aushalten. Abtreibungsgegner stellen sie mit den Nazis auf eine Stufe ("Ihr tötet wie sie!") oder unterstellen ihnen, sie wollten "nur durch die Betten hüpfen". Deutsche Bischöfe appellieren an ihr Gewissen: "Das menschliche Leben ist unantastbar."

Die Einführung der Anti-Baby-Pille im Jahr 1962 empfinden viele Frauen nicht als Befreiung. Man muss beim Arzt nachweisen, dass man verheiratet ist. Und trotzdem gibt es mit der Beratung auch meist eine moralische Strafpredigt. Viele versuchen, über verheiratete Freundinnen oder Umwege an die Tabletten zu kommen. "Es war ein Geschachere und Geeiere, so dass ich gar nicht die Gelegenheit hatte, sie zu nehmen", erinnert sich Renate Weber. "Und die meisten Männer haben sich um die Verhütung einen feuchten Kehricht gekümmert."

Immerhin steht ihr damaliger Freund ihr bei, als sie sich zum Abbruch entscheidet. Keine Selbstverständlichkeit damals, viele Frauen weihen weder den Partner noch die beste Freundin ein.

Renate Weber fühlt sich trotz Mitwissern alleingelassen. "Man ist dieser Fremdbestimmung gnadenlos ausgesetzt, das kann einem keiner nehmen." Auch Ulla Böll vertraut sich ihrem Partner und ihrer Freundin an. Deren Ehemann vermittelt ihr dann auch den Arzt, der sie unter Vollnarkose (ebenfalls keine Selbstverständlichkeit damals) behandelt.

"Dieses abgrundtiefe Gefühl von Einsamkeit blieb", sagt Ulla Böll. An dieser Einsamkeit lasse sich nichts ändern - bis heute nicht. Der persönliche Konflikt sei unabänderlich. Deshalb müsse man Frauen, die sich auch heute zu einem Abbruch entscheiden, die bestmöglichen Rahmenbedingungen für eine Abtreibung bieten.

"Verdammt, ich liebe ihn! Ich bin heterosexuell!"

Ulla Böll kämpft nach dem Eingriff bei der Frauenbewegung an vorderster Front. 1977 eröffnet sie den ersten Frauenbuchladen mit Café in Köln, das zu einem wichtigen Zentrum der Frauenbewegung wird. "Für uns Frauen war es auch eine persönliche Revolution, das blieb nicht in den Kleidern stecken."

Der Protest bringt jedoch auch Irritationen mit sich. Ulla Böll muss sich Sprüche wie "Du gehst mit deinem Feind ins Bett!" gefallen lassen, wenn sie nach einer Demonstration zu ihrem Ehemann unter die Bettdecke kriecht. "Dann dachte ich aber: Verdammt, ich liebe ihn! Ich bin heterosexuell!" Noch heute sind die beiden ein Paar.

Weder Ulla Böll noch Renate Weber begeben sich in therapeutische Behandlung, bis heute nicht. "Ich habe diese schwere Entscheidung damals getroffen, weil es für mich keine Alternative gab. Aber ich war fest in dieser Entscheidung", sagt Ulla Böll.

Renate Weber erkrankte vor Jahren an Krebs. Monatelang glaubte sie, bald sterben zu müssen. In dieser Zeit habe sie oft an jenen Tag im Frühsommer gedacht, die Abtreibung schoss ihr wie ein Kurzfilm mehrmals täglich in den Kopf. Sie sprach viel mit ihren Töchtern darüber. Deren Einstellung und Verständnis taten ihr gut.

Auch Ulla Böll erkrankt schwer. Der Abbruch von einst ist in diesem Moment wieder präsent. "Ich vergesse das einfach nicht", sagt sie energisch. Und noch energischer: "Aber ich will es auch nicht vergessen!"

Vielleicht ist auch das der Grund, warum Renate Weber den roten Mantel schon zweimal aus dem Sack für die Altkleidersammlung fischte. Wie damals hängt er in ihrem Kleiderschrank, hinter den Sommerkleidern.


Die Filmautorinnen Birgit Schulz und Annette Zinkant haben im Auftrag des NDR 40 Jahre später Bekennerinnen von damals besucht. Entstanden ist eine bewegende Dokumentation, die an diesem Mittwoch um 21.05 Uhr erstmals auf Arte ausgestrahlt wird.



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Seite 1
Cadd9 08.06.2011
1. na und?
Die moderne Frau sollte weiterhin eine Entscheidung darüber haben, was mit ihrem Körper passiert. aber abgesehen davon ist durch die Entwicklung die Selektion des Menschen eh weggefallen, ich will das hier auch nicht in Frage stellen, Menschlichkeit sollte über allem stehen. Aber Menschen die wissen, dass sie nicht ein Kind erziehen können, die wissen, dass das Kind geschädigt sein wird oder sie selbst sogar, sollten das Recht haben das zu unterbinden. Lieber ein nicht gelebtes Leben, als ein nicht lebensfähiges Leben.
testthewest 08.06.2011
2.
Zitat von sysopBeschimpft, ausgegrenzt, bestraft: Frauen, die in den sechziger und siebziger Jahren ihr Kind abgetrieben haben, wurden massiv diskriminiert. Im Juni 1971 legten 374*von ihnen*öffentlich ein Geständnis ab. Zwei*erinnern sich nun*an einen entscheidenden Moment in ihrem Leben. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,767364,00.html
Ausgegrenzt und beschimpft - das gehören sie auch heute. Man bringt einen werdenden Menschen zu seinem Vergnügen erst zum existieren und danach um. Man könnte genausogut das Kind auf die Welt bringen, und zur Adoption freigeben. Das nun also gesunde Föten zum Spielball eines politischen Kampfes werden ist einfach nur schmutzig. Egal ob Feminismus oder sonst was, das Kind konnte für all die Dinge nichts dafür und muss doch den höchsten Preis zahlen.
feuercaro1 08.06.2011
3. Kind?
Es täter uns Frauen wohler, wenn in dem Artikel nicht wahrheitswirdig die Rede wäre von "einem Kind, was man abgetrieben hat". Was abgetrieben wurde, waren die Anlagen zu einem Fötus, ein Zellhaufen, aus dem ein Mensch hätte werden können. Der Artikel als Ganzes ist mir wie ein Dolch ins Herz gefahren, weil er sehr präzise das Ausgeliefertsein, die unendliche Einsamkeit vieler ungewollt schwangerer Frauen in der damaligen Zeit rüberbringt. Unvergessen auch die Theißen-Prozesse in Memmingen - und die waren deutlich später. Aber wenigstens war DA das Thema öffentlich präsent und wurde kontrovers diskutiert. Wenn ich heute im Umfeld erlebe, wie junge Frauen, denen alle Verhütungsmöglichkeiten offen stehen, ungewollt schwanger werden (wohl eher ungesteuert) geht mir der Hut hoch.
immerzu 08.06.2011
4. Dank
Zitat von sysopBeschimpft, ausgegrenzt, bestraft: Frauen, die in den sechziger und siebziger Jahren ihr Kind abgetrieben haben, wurden massiv diskriminiert. Im Juni 1971 legten 374*von ihnen*öffentlich ein Geständnis ab. Zwei*erinnern sich nun*an einen entscheidenden Moment in ihrem Leben. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,767364,00.html
Danke an diese mutigen Frauen von damals!
elisax 08.06.2011
5. Bewundernswerte Standfestigkeit!
Deutsche Bischöfe appellieren an ihr Gewissen: "Das menschliche Leben ist unantastbar." Da gilt heute noch und das sagen die katholischen Bischöfe heute noch! Wenn ich nicht schon katholisch wäre, ich würde es allein wegen der konsequenten Haltung der katholischen Kirche zur Abtreibung.
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