Schweden: Sexskandale, Heckenschützen, Terroristen

Bislang galt Schweden als Inbegriff der Langeweile, doch in diesem Jahr überschlugen sich die Ereignisse: Der Stockholmer SPIEGEL-ONLINE-Autor Niels Reise fragt sich, wohin das Land steuern mag.

Stockholm: Selbstmordanschlag in der Innenstadt Fotos
AFP

"Was ist eigentlich in Stockholm los? Ist es nicht eigentlich die Rolle Schwedens unter den Nationen, sich friedlich aus den Nachrichten rauszuhalten?", stand in der SMS, die mir meine Freundin Cathy aus Washington in der Nacht zum 12. Dezember schickte - wenige Stunden nachdem sich Taimour Abdulwahab aus dem småländischen Tranås in Stockholms Fußgängerzone in die Luft gesprengt hatte.

Noch vor Jahresfrist hätte Schweden als Antithese zum Begriff "Eilmeldung" getaugt, weil hier einfach nichts von dem passiert, was Nachrichtenredaktionen für relevant halten. Schweden als langweiliges Bullerbü. Und jetzt?

Das Jahr 2010 hat ein dunkleres Schweden-Bild erzeugt - Lisbeth Salander statt Pippi Langstrumpf, Krimi statt Kinderbuch.

Sado-masochistische Sexspielchen

Mit Göran Lindberg lernte die Welt einen Polizeichef aus Uppsala kennen, der sein Faible für sado-masochistische Sexspielchen mit Prostituierten, Hehlerei und Vergewaltigungen von Minderjährigen hinter einem verlogenen Engagement für Frauenrechte auslebte.

In Malmö knallte ein Heckenschütze aus dem Hinterhalt Menschen dunkler Hautfarbe nieder.

Der Stockholmer Sommer von WikiLeaks-Frontmann Julian Assange endete abrupt mit Vergewaltigungsvorwürfen und wüsten Verschwörungstheorien über blonde Schwedinnen als Sexfallen der CIA.

Dann kam das böse Erwachen für den einzig noch gültigen Spießertraum unter Europas Königshäusern: Schwedens Carl Gustav wurde als Schmuddelonkel mit Rotlichteskapaden enttarnt.

Bombe oder Zielscheibe?

Ich schlendere im winterlichen Dämmerlicht über die Drottninggatan. Die Passanten auf Stockholms Einkaufsmeile haben den Schnee zu einer Mischung aus Matsch und Eisklumpen zertreten, auf denen schwer das Gleichgewicht zu halten ist. An der Ecke Bryggargatan flattern noch ein paar abgerissene Reste der Plastikbänder, die von der Polizei hier nach der Explosion aufgespannt wurden: "Avspärring Polis."

Ich bleibe stehen und sehe, da hält noch jemand den shoppenden Menschenstrom auf: Er trägt ein großes Pappschild um Bauch und Rücken geschnallt. "London Restaurang Steakhouse" steht darauf. Dazu ein Bild von gebratenem Fleisch. Der Mann sieht aus wie ein Araber, denke ich. Bombe oder Zielscheibe?

Seit dem jämmerlich gescheiterten und doch so tragischen Selbstmordattentat tobt ein unheiliger Krieg in Schweden darüber, wie man den Tod des Arabers aus Tranås instrumentalisieren kann. Mehr Mittel für die Polizei? Mehr Überwachung durch die Dienste? Plötzlich erscheint die Angst vor dem Terror viel schlimmer als der Terror selbst.

2010 ist für mich auch das Jahr, in dem Schweden zwischen Offenheit und Chauvinismus pendelt. Wohin wird es ausschlagen?

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