Fotoserie zu Dansband-Veranstaltungen Tanze "Gnussa" mit mir

Bei Dansband-Musik kommen Schweden sich nahe, sie tanzen eng, die Gesichter aneinander geschmiegt. Johannes Frandsen hat in seinen Fotografien intime Momente sonst eher scheuer Schweden eingefangen.

Johannes Frandsen/ Kerber Verlag

Ein Interview von


  • Hacina Reienskiöld
    Johannes Frandsen, Jahrgang 1984, lebt und arbeitet in Stockholm. Er besucht seit sieben Jahren Tanzveranstaltungen in ganz Schweden, sein Bildband "Touch me" ist im August erschienen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Frandsen, Sie haben sieben Jahre lang Dansband-Veranstaltungen in ganz Schweden fotografiert - was ist eine Dansband?

Frandsen: Eine Band, die Tanzmusik spielt - von Schlager über Pop und Swing bis zu Country. Die Menschen tanzen dann Paartanz - und werden ungewöhnlich innig miteinander. Wir Schweden haben ein ambivalentes Verhältnis zur diesen Bands: Wir lieben sie, sehen sie aber auch ironisch.

SPIEGEL ONLINE: Ironisch?

Frandsen: Wegen der Texte, der Melodien, der Namen der Bands und der Art, wie sie sich kleiden. Wir mögen sie aber gerade, weil es gezielt "schlechter Geschmack" ist.

SPIEGEL ONLINE: Wo findet man solche Tanzevents?

Frandsen: In Tanzsälen, Vergnügungsparks und auf Kreuzfahrtschiffen. Wenn man an einem Freitagabend in Schweden zu Dansband-Musik tanzen will, ist die nächste Veranstaltung nicht weit weg, egal ob man im Wald von Värmland oder mitten in Stockholm lebt. Jede Woche finden Hunderte solcher Tanzabende statt.

SPIEGEL ONLINE: Wer geht da hin?

Frandsen: Man trifft Menschen unterschiedlichen Alters. Auf der Tanzfläche kann man einen 15-jährigen Teenager mit einer 60-jährigen Dame Jitterbug tanzen sehen. Ich würde aber schon sagen, dass die meisten Leute aus der Mittelschicht und aus kleineren Städten kommen.

Fotostrecke

11  Bilder
Dansband-Events in Schweden: Tanzen und Kuscheln

SPIEGEL ONLINE: Was passiert bei den Tanzabenden?

Frandsen: Jeder läuft fast identisch ab - wie bei einem Ritual. Die Band spielt immer vier Stunden lang, abwechselnd zwei schnelle, dann zwei langsame Lieder, alle tanzen. Die Atmosphäre ist besonders: Stellen Sie sich 600 Tänzer vor, die miteinander in rhythmische Harmonie treten. In der Dunkelheit rund um die Tanzfläche sieht und spürt man auch die Sehnsucht, jemanden zu treffen. Es geht schließlich nicht nur ums Tanzen, sondern auch um neue Kontakte.

SPIEGEL ONLINE: Sie zeigen nur das Publikum, nie die Bands - warum?

Frandsen: Weil mich das Verhalten der Menschen auf der Tanzfläche interessiert. Die Schweden sind sonst eher zurückhaltend, beim Tanzen legen sie das ab.

SPIEGEL ONLINE: Was beobachten Sie?

Frandsen: Viele tanzen sehr eng mit einem Fremden. Es gibt sogar ein schwedisches Wort für diese Art von Tanz, wenn man Stirn und Nase aneinanderhält: "Gnussa". Schweden gelten als wenig emotional, aber die Sehnsucht nach Berührung und Romantik ist universell. Das möchte ich auch mit dem Titel meiner Arbeit ausdrücken: "Touch me".

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Johannes Frandsen:
Touch me

Kerber; 112 Seiten, 40,00 Euro

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie beim Fotografieren vorgegangen?

Frandsen: Ich habe fast alle Fotos mit einer kleinen Kompaktkamera aufgenommen, deshalb muss ich den Menschen sehr nahe kommen. Das Einzige, was mich verborgen hat, war das schwache Licht auf der Tanzfläche oder die Dunkelheit der Nacht. Alle Bilder sind Momente, die verschwinden würden, wenn ich vor der Aufnahme um Erlaubnis bitten würde. Manchmal sind Leute später zu mir gekommen und haben gefragt, ob ich für eine Zeitung arbeite. Wenn ich ihnen von meinem Projekt erzählt habe, waren sie froh.

SPIEGEL ONLINE: Was war das Ungewöhnlichste, das Sie beobachtet haben?

Frandsen: Bei einem Musikfestival habe ich ein Hochzeitspaar getroffen. Sie haben zusammen mit 8000 anderen Leuten ihre Hochzeit gefeiert und zu ihrer Lieblingsband "Lasse Stefanz" getanzt.

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