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Homosexuelle in den USA: Befreite Liebe

Von , New York

Homosexuelle in den USA: Die Liberalisierung und ihre Gegner Fotos
AP

US-Präsident Obama hat den Juni offiziell zum Gay-Pride-Monat erklärt. Amerika ist weit gekommen: Immer mehr Bundesstaaten ermöglichen die Homo-Ehe, selbst schwule Footballer müssen sich nicht mehr verstecken. Doch nicht alle jubeln.

Der große Moment wurde geplant, inszeniert und choreografiert. Nichts blieb dem Zufall überlassen - von den handverlesenen Reportern, an die der Scoop lanciert wurde, über den exakten Termin bis zur genauen Wortwahl.

Das Coming-out des College-Footballers Michael Sam im Februar verlief nach einem ausgetüftelten Schlachtplan. Sam wurde getrimmt wie ein Präsidentschaftskandidat für eine Fernsehdebatte. Nur zwei Medien bekamen den Zuschlag: der TV-Sender ESPN und die "New York Times". Denen offenbarte sich Sam mit glasklaren Worten: "Ich bin ein offen schwuler Mann und stolz darauf."

Die Reaktionen waren überwältigend positiv. "Wahrer Sportsgeist", twitterte selbst US-Präsident Barack Obama. Im Mai nahmen die St. Louis Rams Sam in ihr Team auf, der damit zum ersten offen schwulen aktiven NFL-Profi wurde.

Sams Coming-out war ein Meilenstein für den US-Profisport. Im April 2013 hatte sich gerade erst der Basketballer Jason Collins geoutet.

So öffnete sich in nur wenigen Monaten "the last closet" ("New York Magazine") der USA. Einer der letzten Schränke, in denen sich Schwule aus Angst vor Repressalien noch verstecken mussten: der Männer-Profisport.

"Wen liebst du?"

Ringsum fielen sowieso die Schranken. Politik und Gesellschaft hatten sich über die vergangenen Jahre dramatisch liberalisiert, und der Fortschritt kam Schlag auf Schlag.

Wenn auch nicht einfach so, sondern oft gezwungenermaßen. Schwule und Lesben gehörten zwar zu Obamas wichtigsten Unterstützern - wurden aber nach seinem Amtsantritt 2009 schwer enttäuscht, weil er anderen Belangen Priorität gab.

Mitten im Wahlkampf 2012 setzte ihn schließlich sein eigener Vizepräsident unter Zugzwang. In einem NBC-Interview sprach sich Joe Biden munter für die gleichgeschlechtliche Ehe aus, denn am Ende gehe es ja doch nur um die eine Frage: "Wen liebst du?"

Da konnte Obama natürlich nicht mehr hintanstehen. Drei Tage später sprach der US-Präsident die historischen Worte: "Für mich persönlich ist es wichtig, voranzugehen und zu bekräftigen, dass gleichgeschlechtliche Paare heiraten können sollten."

Das zeigte zuvor auch der mit dem "Don't Ask, Don't Tell"-Gesetz (DADT) verbundene Umbruch bei den Streitkräften. 1993 unter Bill Clinton erlassen, sollte DADT schwulen und lesbischen Militärs das Leben eigentlich erleichtern. Nach dem Gesetz blieben Schwule und Lesben im US-Militär unbehelligt, so lange sie sich über ihre sexuelle Orientierung bedeckt hielten. Der faule Kompromiss mit den Konservativen erreichte freilich genau das Gegenteil. Die Vorschrift zwang schwule Soldaten in den Untergrund und sorgte für Diskriminierung, Denunziation, Entlassungen.

Trendwende im Recht der einzelnen Bundesstaaten

Am 20. September 2011 um Punkt Mitternacht lief DADT offiziell aus, nach einer langen, gequält-bürokratischen Odyssee. Wenige Minuten später heiratete Marineleutnant Gary Ross in voller Paradeuniform seinen langjährigen Partner Dan Swezy - Amerikas erstes schwules Militärpaar.

Im Sommer 2013 segnete der Supreme Court die Anerkennung der Homosexuellenehe durch die Regierung in Washington ab, scheute aber davor zurück, sie vollends zum Verfassungsrecht zu adeln. Vielmehr überließen es die obersten US-Richter den einzelnen Bundesstaaten, die Rechtslage innerhalb ihrer Grenzen zu regeln.

Inzwischen haben 19 US-Bundesstaaten die Homosexuellenehe legalisiert, ob durch Gerichte, Landesparlamente oder Referenden. In 31 Staaten bleibt sie noch verboten. Doch der Trend ist kaum mehr aufzuhalten.

Selbst in den 113. Kongress, der sich 2013 konstituierte, zogen sechs offen schwule Abgeordnete ein, während Tammy Baldwin die erste offen lesbische Senatorin wurde.

In vielen Wirtschaftsunternehmen ist Homosexualität ebenfalls schon lange kein Tabu mehr. Apple-Chef Tim Cook, CNN-Star Anderson Cooper, Yahoo-Justiziar Pierre Landy, NBC-Chairman Bob Greenblatt, Ex-Barclays-Banker und Nike-CIO Anthony Watson: Dass sie schwul sind, regt niemanden mehr auf.

Topmanager: Coming-out - mit breiter Unterstützung

Heute haben die meisten amerikanischen Konzerne eigene LGBT-Mitarbeiternetzwerke (Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender). Und eine wachsende Zahl stellt schwule und lesbische Partner gleich, etwa bei Sozialleistungen durch den Arbeitgeber.

Zudem entscheiden sich immer mehr Topmanager für ihr Coming-out - mit breiter Unterstützung. "Mein Leben hat sich wirklich verbessert", sagte Beth Brooke, Vize-Chairwoman beim Wirtschaftsprüfungsgiganten Ernst & Young, dem "Wall Street Journal".

Die "Financial Times" erstellte 2013 eine Liste der 50 einflussreichsten LGBT-Vertreter in der Wirtschaft. Beth Brooke landete auf Platz zwei hinter Antonio Simoes, dem Großbritannien-Chef der Großbank HSBC, aber vor BP-Manager Paul Reed und Joseph Evangelisti, dem Sprecher der Bank JP Morgan Chase.

Auch die jährliche "Power 50"-Liste des LGBT-Magazins "Out" umspannt immer mehr Berufssparten: Medien (Jann Wenner, Herausgeber des Musikmagazins Rolling Stone), Musik (R&B-Sänger Frank Ocean), Silicon Valley (Google-Managerin Megan Smith), Tech-Investment (Peter Thiel, unter anderem PayPal-Mitgründer und Facebook-Investor der ersten Stunde), Einzelhandel (Robert Hanson, CEO der Bekleidungskette American Eagle), Politik (Houstons Bürgermeisterin Annise Parker).

Hollywoods Haltung: zwiespältig

Doch wie immer bei gesellschaftlichen Umbrüchen wehren sich die Gestrigen umso stärker, je schneller es vorangeht. Vor allem die Republikanische Partei bleibt ein Hort der Bigotterie.

Der Zwiespalt zieht sich bis heute sogar durch die sonst wohl größte Bastion der liberalen Geister: Hollywood. Dort gehören Schwule und Lesben zwar längst quasi zum Stammpersonal erfolgreicher TV-Serien ("Scandal") und oscarprämierter Kinofilme ("Brokeback Mountain" oder "Dallas Buyers Club"). Doch kein einziger Schauspieler der "A-List" hat sich bisher für schwul oder lesbisch erklärt.

Als der Regisseur Steven Soderbergh, selbst ein Oscar-Preisträger, ein Studio suchte, um seine Filmbiografie des legendären schwulen Entertainers Liberace ("Liberace - Zu viel des Guten ist wundervoll") zu produzieren, biss er auf Granit, obwohl er Michael Douglas für die Titelrolle gewonnen hatte.

Am Ende verkaufte er den später preisgekrönten Streifen an den TV-Bezahlsender HBO.


Dieser Text ist die gekürzte Fassung eines Gastbeitrags für das Buch "Der Regenbogen-Faktor: Schwule und Lesben in Wirtschaft und Gesellschaft - Von Außenseitern zu selbstbewussten Leistungsträgern" von Jens Schadendorf, das am Freitag im Redline Verlag erscheint.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Was tun ?
Wheredoyouwanttogotoday? 13.06.2014
Zitat von sysopAPUS-Präsident Obama hat den Juni offiziell zum Gay-Pride-Monat erklärt. Amerika ist weit gekommen: Immer mehr Bundesstaaten ermöglichen die Homo-Ehe, selbst schwule Footballer müssen sich nicht mehr verstecken. Doch nicht alle jubeln. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/schwule-in-den-usa-die-liberalisierung-und-ihre-gegner-a-974955.html
Leute, die sich, den Staat, Familie, den Mond, durch die Liebe zwischen zwei anderen Menschen bedroht sehen, sind mir ein ewiges Rätsel. Dennoch werden wir uns um sie kümmern müssen, ehe sie gefährlich werden, siehe irre Amokläufer. Der Bildungsplan in BW wäre sicher ein Anfang gewesen.
2. Ich bin sehr froh und glücklich ...
Stefan Wenzel 13.06.2014
Zitat von sysopAPUS-Präsident Obama hat den Juni offiziell zum Gay-Pride-Monat erklärt. Amerika ist weit gekommen: Immer mehr Bundesstaaten ermöglichen die Homo-Ehe, selbst schwule Footballer müssen sich nicht mehr verstecken. Doch nicht alle jubeln. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/schwule-in-den-usa-die-liberalisierung-und-ihre-gegner-a-974955.html
... dass nicht nur eine "dramatische Liberalisierung" und "Fortschritt" stattgefunden haben und - wie SPON im Untertitel schreibt - "die USA weit gekommen sind", sondern dass ich mittlerweile auch unmissverständlich erklärt bekomme, was "Fortschritt" und "weit kommen" bedeutet. Dies ist ein wichtiger Schritt, um den Weg aus unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit zu finden. SPON, ich freue mich und bin sehr zufrieden mit der Entwicklung unserer Gesellschaft. Ich danke Dir, für all die Gedanken, die Du Dir für mich machst und die Meinungen, die Du Dir für mich bildest. Das ist nicht selbstverständlich. Aber ich bin guten Mutes, dass es so werden wird. Weiter auf der Straße des Fortschritts und: Danke!
3. @hastdunichtgesehen
der.tommy 13.06.2014
In welcher Form werden sie denn belästigt? Wenn sie damit Händchen halten oder in der Öffentlichkeit küssen meinen, dann ist das wohl kaum eine Belästigung. Wenn sie damit "Fummeln" meinen, kann man da vielleicht drüber streiten (machen Heteros ja auch vor allem in Frühling und Sommer), wenn sie noch weiterführendes meinen, geb ich ihnen sogar recht, zumal das unter Erregung öffentlichen Ärgernisses fällt. Allerdings sind schwule in der Öffentlichkeit diesbezüglich häufig deutlich zurückhaltender als heteros
4. falsch verdrahtet
GoaSkin 13.06.2014
Wer weiss, was die Natur im Hirn alles so verdrahtet. Vielleicht sind auch Leute, die auf den Faschingsumzug gehen anders verdrahtet, als Leute, die Fasching einfach nur hassen. Vielleicht sind auch Leute, die sich auf Apres-Ski-Parties bis zum Vollrausch besaufen anders verdrahtet, als Leute, die sich lieber auf einem Hippie-Festival einen Trip einwerfen. Wie auch immer - es gibt zig Ereignisse, bei denen Leute mit gemeinsamen Vorlieben zusammen einmal die Sau rauslassen wollen. Politische Motive stecken da selten dahinter. Den Besuchern eines Christopher Street Days oder einer Gay Pride geht es auch in erster Linie nur ums Feiern und stehen der politischen Botschaft, um die es geht, eher gleichgültig gegenüber. Bestes Beispiel ist die Loveparade. Offiziell handelt es sich um eine Demonstration, aber die meisten Besucher wissen noch nicht einmal, dass die Party eigentlich eine Demo sein soll.
5. Hmm, ...
MephistoX 13.06.2014
... wo werden Sie denn ganz konkret angeblich "ständig" von Schwulen "visuell und verbal belästigt" ?? Ihrer Wortwahl folgend müssten sich vielmehr Schwule und Lesben ständig durch Heterosexuelle, die nach wie vor in den Medien "überrepräsentiert" sind, "belästigt" fühlen - tun sie aber weitestgehend nicht, weil sie offensichtlich im Schnitt toleranter sind ...
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