Schwule Schützen Der Olli, unsere Königin vom Heidegrund

Im konservativen Münster wird ein schwuler Getränkehändler Schützenkönig. Er regiert allerdings nicht mit einer Königin, sondern einem Gemahl: seinem Lebensgefährten. Fast alle finden das toll - nur ein Weihbischof sorgt sich um das Sakrament der Ehe. Jetzt muss das Paar getrennt laufen.

Von Nora Gantenbrink, Münster

Torben Weinem

Nach 366 Schuss hat Dirk Winter den Vogel abgeschossen und erst mal eine Runde Bier für alle bestellt. Wie sich das gehört als neuer Schützenkönig, eigentlich eine ganz normale Sache.

Dirk Winter wohnt in Münster, Universitätsstadt in Westfalen. Katholischer Bischof, historische Altstadt, CDU-Regierung. Es gibt ein Sprichwort, das lautet: "In Münster regnet es entweder oder es läuten die Glocken." Münster als konservativ zu bezeichnen, ist ungefähr so gewagt wie Reiner Calmund dick zu finden.

Winter ist Getränkehändler und schwul, das wissen alle. Es kümmert sie nicht, erstens weil es egal ist und zweitens weil der Winter das ist, was man im Volksmund einen "Super-Typen" nennt. Nach dem Getränkehändler Dirk Winter gefragt, sagen die Menschen in Münster entweder "Ein Super-Typ!" Oder: "Unser schwuler Schützenkönig!" Manchmal auch beides.

Winter ist Mitglied in sieben Schützenvereinen, was auch damit zusammenhängt, dass er Getränkehändler ist. Denn Schützenvereine brauchen Getränke wie die katholische Kirche Oblaten. "Zielwasser ist wichtig", sagt Winter.

Der Schützenverein St. Wilhelmi, ansässig im Stadtteil Kinderhaus, ist Winter deshalb besonders lieb, weil er selbst Kinderhauser ist. Das schweißt zusammen. Es gibt 130 Mitglieder, 30 davon Jungschützen. Winter kennt alle.

"Mensch Dirk, du bist doch mit dem Olli zusammen"

Beim Schießen im Schützenwald am Heidegrund Anfang Juni war er also dabei, das ist so ein Termin bei dem ein echter St.-Wilhelmi-Schütze nicht fehlen darf. Das Ziel: Einen Holzvogel von einer Stange schießen. Den Vogel runterholen wollte er dieses Jahr eigentlich gar nicht, wie er sagt. Ein anderes Mal schon, aber da hatte es eben nicht geklappt.

"Als mir klar wurde, das könnte was werden, hab ich gesagt: Komm, das machen wir jetzt", sagt Winter. Erst nach 366 Schuss fiel der Vogel, Winter war der König - nur: Wer wurde jetzt die Schützenkönigin?

"Erst kam der Dirk zu mir und sagte, dann nehm ich deine Tochter zur Königin", erinnert sich Gabi Göcking, Sprecherin von St. Wilhelmi. "Dann hab ich gesagt, Mensch Dirk, du bist doch mit dem Olli zusammen. Nimm doch den Olli!" "Geht das denn?", hat Winter gefragt. "Das geht", hat Gabi Göcking dann gesagt. Einfach so. Dann war der Olli Königin.

St. Wilhelmi ist einer von rund 15.000 Schützenvereinen in Deutschland. Etwa 1,5 Millionen Mitglieder gibt es bundesweit. Besonders viele Mitglieder findet man in Bayern, besonders wenige im Osten. Denn zu DDR-Zeiten waren Schützenvereine verboten. Manche Schützenvereine sind frei, andere als Bruderschaften organisiert. St. Wilhelmi ist eine Bruderschaft und gehört dem Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften an. Bruderschaften sind traditionell enger mit der Kirche verknüpft als unabhängige Vereine.

Einst dienten Schützenvereine der Verteidigung der Städte, heute sind sie die Traditionsfeste der Provinz. Es wird getrunken, geschnackt, getanzt und geschossen. "Glaube, Heimat, Sitte", lautet der Wahlspruch in St. Wilhelmi. Die Tradition und Heimatverbundenheit bilden das Herz des Schützenvereins. In der Tradition hat der Schützenkönig eine Schützenkönigin. In den Köpfen vieler Menschen auch. Es gilt das Vater-Mutter-Kind-Prinzip.

Es sah nach einem Happy-End aus, bis Winter einen Brief erhielt

Winter war schon einmal Schützenkönig in einem anderen Verein und zwar vor zehn Jahren. Schwul war Dirk Winter schon damals. Mit dem Olli zusammen auch. Zur Königin nahm er dennoch eine Bekannte aus dem Verein. Das war besser für das Lokalzeitungsfoto und den Vereinsfrieden.

2011 knipsten die Lokalzeitungsreporter also ein Bild mit und ohne Königin. Den St.-Wilhelmi-Schützen war das egal. Die Stimmung war gut. Den Olli, seinen Lebensgefährten, kannten eh alle vom Stadt- und Feuerwehrfest. Menschen, die am nächsten Tag am Frühstückstisch die Lokalzeitungen lasen, grinsten über das ungewöhnliche Foto. Menschen, die mehr als nur grinsten, fotografierten es ab und posteten es über Facebook. Die "Bild"-Zeitung schickte zwei Reporter aus dem Ruhrgebiet und schrieb "Schwul und cool in Münster!" über ihren Text.

Dann gab es Anrufe aus Griechenland und Gran Canaria. Geschäftsbriefe mit Gratulationen. Ein 50-Liter-Freibierfass. Solidarisierungsgrüße von Sauerländer Schützenvereinen. Wenn Dirk Winter zu Coca-Cola aufs Firmengelände fuhr, riefen die Mitarbeiter schon von weitem: "Da kommt ja der König!" Der Gemeindepfarrer sagte zu Winter: "Öfter mal was Neues, find ich gut." Die "Münstersche Zeitung" titelte nach dem Königsball "Toleranz besiegt Skepsis". Es sah alles nach einem Happy End aus.

Bis zu dem Montag, den 4. Juli 2011. An diesem Tag schreibt der große Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften einen Brief an die kleine Bruderschaft St. Wilhelmi. In dem steht:

"Stellungnahme des Präsidiums vom 2. Juli 2011 zu homosexuellen Königspaaren in den Bruderschaften."

Der Brief geht an Dirk Winter und seinen Lebensgefährten Oliver Hermsdorf.

"1. Es spricht nichts gegen die Mitgliedschaft homosexueller Personen in unseren Schützenbruderschaften." Nur habe das "Sakrament der Ehe eine wesentlich tiefere Bedeutung als jede andere Lebenspartnerschaft." Und unter Berufung auf die Statuten müsse daher festgestellt werden, dass der Lebensgefährte von dem Schützenkönig Dirk Winter beim Landesbezirks-Königsschiessen in Horstmar und Bundeskönigschiessen in Harsewinkel nicht neben dem schwulen Schützenkönig herlaufen dürfe. Davor und dahinter geht, aber nicht daneben. So lautet der Vorschlag von Heiner Koch, Bundespräses des Bundes der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften und Weihbischof im Erzbistum Köln.

"'Glaube, Sitte, Heimat' schließt Verbohrtheit nicht mit ein"

"Mich verletzt das nicht, ich finde das bloß affig", sagt Winter. Seiner Meinung nach hat die katholische Kirche derzeit größere Probleme als die Marschordnung schwuler Schützenpaare.

Auf seinem iPhone hat er nach dem Weihbischof gesucht. Er wollte wissen wie jemand aussieht, der solche "dämlichen Briefe" schreibt. Er hat ein Foto gefunden von einem älteren Mann im Talar.

Winter hat die Nummer auf dem Briefbogen gewählt um mit dem Weihbischof zu sprechen, aber nur den Pressesprecher an den Apparat bekommen. Der wusste auch nicht mehr. Auf eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE aus der vergangenen Woche konnte sich der Bund nicht äußern, weil der zuständige Sprecher nicht da war.

"Wir finden das nicht gut, aber wir haben gesagt, okay, die Vorgaben vom Bund können wir akzeptieren, wenn mehr Auflagen nicht kommen", sagt Gabi Göcking. Ihre Bruderschaft und der Vorstand stehen hinter ihrem Schützenpaar.

"Jeder kann mitmachen, jeder kann König werden. Eine Silberplakette, gestiftet für die Königskette, ist die einzige Verpflichtung des Königs", steht auf der Homepage der Bruderschaft. St. Wilhelmi hält Wort. "'Glaube, Sitte, Heimat' schließt Verbohrtheit nicht mit ein", sagt Gabi Göcking. "Ich will jetzt auch der Bruderschaft den schönen Ausflug nicht vermiesen", sagt Dirk Winter.

In Horstmar und Harsewinkel wird Winter nun nicht neben seinem Lebensgefährten laufen. Sondern in Reihe mit den beiden Königsbegleitern. Die zwei Ehrendamen nehmen den Olli in die Mitte.

Die Frage ist, ob Gott das so gewollt hat.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 111 Beiträge
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Seite 1
jujo 01.08.2011
1. Na ja
Der "Frau" Messdiener muss ja auch hinter dem Bischof laufen, gleiches Recht für alle!
dadanchali, 01.08.2011
2. nee
Zitat von sysopIm konservativen Münster wird ein schwuler Getränkehändler Schützenkönig. Er regiert allerdings*nicht mit einer Königin, sondern einem Gemahl: seinem Lebensgefährten. Fast alle finden das toll -*nur ein Weihbischof*sorgt sich um das Sakrament der*Ehe.*Jetzt muss*das Paar getrennt laufen. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,777658,00.html
Erst mal freut mich, dass auch ein religiös konservativer Haufen entspannt auf Selbstverständliches reagiert. Aber wer sich mit den Abergläubigen einlässt wird zwangsläufig auf die häßliche Fratze der Götzenanbeter treffen. Robert Long hat das schon in den 80ern sehr schön formuliert: Er is n Mann und er is n Mann Sie teilen eine Wohnung Und was man halt sonst noch teilen kann Sie lieben sich schon jahrelang Voll Zärtlichkeit und Überschwang Die Nachbarn sind gewöhnt daran Sie kümmern sich um ihren Kram Was soll's ein Mann liebt einen Mann Was geht denn das die andern an Nur unser frommer Bischof kümmert sich um fremde Betten Und steckt in andrer Leute Sachen Seine Nase rein Er hält sich für verpflichtet Unser Seelenheil zu retten Gerade so als ob wir ihn darum gebeten hätten Er glaubt mit seinem Heil'genschein Hier gottes Polizist zu sein Mit Hundeblick und Rosenkranz In Weihrauchduft und Kerzenglanz Verdammt er die die anders sind Der Eifer macht ihn hart und blind Das ist wohl durch das Zölibat bedingt (Homo Sapiens)
CapnCrunch 01.08.2011
3. Regeln durch Regelbefolgung umgehen
Vielleicht sollte bei diesem Umzug einfach niemand nebeneinander, sondern alle hintereinander laufen. So würde man der (bescheuerten) Weisung des Weihbischofs gerecht werden, das Schützenkönigspaar aber nicht erkennbar voneinander trennen.
Undead 01.08.2011
4. Schützenkönigin?
Warum muss man in dem Artikel den Lebensgefährten zur Königin machen? Bei den Klever Schützen von der Materborner Schützengesellschaft 2006 e.V. http://www.msg06.de/hat man sich auf die Bezeichnung "Prinzgemahl" verständigt. Interessant wär es zuerfahren, ob man dort auch Post vom Verband bekommen hat?
kein_gut_mensch 01.08.2011
5. Lustig
Ich finds witzig das der "weltoffene" und "tolerante" Rheinländer dem konservativen Westfalen den schwulen König verbieten will. Aber es war schon immer ein Irrglaube das der Rheinländer weltoffen und tolerant ist. Wer weiß das besser als wir Westfalen ;-)
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