Kirchliche Schwulentrauung in der Kritik Die Krux mit dem Segen

Rüdiger und Christoph Zimmermann haben geheiratet und sich in einer evangelischen Kirche segnen lassen. Alles ganz normal, sollte man denken. Doch eine kirchenrechtliche Petitesse sorgt nun für Ärger - und droht gar die Ökumene zu gefährden.

Rüdiger Zimmermann (rechts) mit Ehemann Christoph: "Schon lange eine Familie"
Rüdiger Zimmermann

Rüdiger Zimmermann (rechts) mit Ehemann Christoph: "Schon lange eine Familie"

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Sie hatten sich beide Rosen ans Revers gesteckt. Rüdiger eine orangefarbene, Christoph eine gelbe. Im hessischen Seligenstadt ließ sich das Paar, das fortan den Namen Zimmermann trägt, von Pfarrerin Leonie Krauß-Buck den Segen geben.

"Wir segnen hier seit elf Jahren gleichgeschlechtliche Paare", sagte die Pastorin SPIEGEL ONLINE. "Ich kann daran nichts Aufregendes finden - außer, dass die Eheleute ganz reizend sind."

Rüdigers 18-jähriger Sohn überreichte die Ringe, die Zimmermanns strahlten um die Wette. Seit zehn Jahren sind der Bankkaufmann und der Buchhalter zusammen. Gemeinsam zogen sie den Jungen groß, der nach Rüdigers Scheidung von seiner Frau bei ihm geblieben war. "Ich bin nur im Doppelpack zu haben", schrieb der Vater nach seinem Coming-out in einem Forum. Kein Problem für seinen heute 44-jährigen Gatten.

"Die eingetragene Lebenspartnerschaft ist für mich nur ein juristisches Konstrukt, mit dem gewisse Politiker ihre Klientel befriedigen", sagt Rüdiger. "Wir sind auch so schon lange eine Familie." Ihm sei es als Christ ein Bedürfnis gewesen, auch den kirchlichen Segen zu bekommen. Außerdem ein echtes Anliegen, dass sein Mann jetzt endlich den Sohn adoptieren könne. Zimmermann, der früher Zwanzig hieß, ist überzeugter Evangele, arbeitete sogar eine Weile in der Demokratischen Republik Kongo als Missionar.

In 14 von 20 evangelischen Landeskirchen ist es derzeit möglich, sich kirchlichen Segen für eine Ehe zu holen - vorausgesetzt, der Kirchenvorstand und der Gemeindepfarrer stimmen zu. In Seligenstadt allerdings gab es ein Novum: Die Partnerschaft der Zimmermanns wurde auch kirchenrechtlich beurkundet. Und das gefiel in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) nicht jedem.

"Ein bisschen Pionier"

"Hier wird die Heilige Schrift zurechtgebogen", schimpfte Eberhard Hoppe vom konservativen Evangelischen Gemeinschaftsverband Herborn in Hessen. Die Bibel sage klipp und klar, dass die Ehe einzig für die Beziehung zwischen Mann und Frau bestimmt sei. Zwar kenne die heilige Schrift auch Formen des Zusammenlebens wie die Homosexualität. "Aber sie stellt sie nicht unter ihren Segen", so Hoppe in der "Tagesschau".

"Jetzt fühle ich mich doch ein bisschen als Pionier", sagte Rüdiger Zimmermann SPIEGEL ONLINE angesichts der medialen Aufregung um die "Premiere". Tatsächlich ist die für Außenstehende bisweilen lächerlich anmutende Formalie der Beurkundung wichtig: "Für Menschen, die seit langem unterdrückt werden, haben Formalien eine mächtige Bedeutung", sagt Oberkirchenrat Stephan Krebs von der EKHN. "Sie bewirken, dass Neuerungen denk- und salonfähig werden." Werden andere Landeskirchen sich anschließen und die Beurkundung übernehmen? "Wir denken, dass die Dynamik in diese Richtung geht", so Krebs.

"Großes Unverständnis seitens der katholischen Kirche"

"Formal ist eine Trauung bei uns nicht möglich, aber die Debatte läuft", sagt Pastor Mathias Benckert von der Nordkirche. In Schleswig-Holstein und Hamburg könnten homosexuelle Paare sich privat von einem Pastor segnen lassen - bei sich zu Hause oder im Amtszimmer. Im Rahmen eines Gottesdienstes allerdings nur mit Zustimmung des Kirchenvorstands und des Pastors. "Die Zeremonie darf aber nie mit einer Trauung verwechselt werden", betont Benckert.

Der evangelische Ökumene-Bischof Friedrich Weber aus Braunschweig beobachtet nach der Trauung eine Belastung des Verhältnisses zur katholischen Kirche, gar eine ernsthafte Gefahr für die Ökumene. "Es gibt ein großes Unverständnis seitens der katholischen Kirche", sagte Weber SPIEGEL ONLINE. "Hochproblematisch" sei die Beurkundung der Partnerschaften, er sehe die Gefahr, dass der Dialog ins Stocken gerate. "Es ist, als habe man Sand in das gut geölte Getriebe der Ökumene gestreut." Als eine Art Boykott der Bemühungen würden viele Katholiken den Vorstoß empfinden.

Es ist bekannt, dass die Mehrheit der katholischen Geistlichen in Deutschland eine konservative Haltung vertritt, wenn es um die sogenannte Homo-Ehe geht. Selbst Papst Franziskus, der sich unlängst schwulenfreundlich gab, betonte im selben Atemzug, dass der gleichgeschlechtliche Akt eine Sünde bleibe.

"Wir an der Basis verstehen uns blendend"

In der evangelischen Kirche hört sich das - zumindest auf dem Papier - ganz anders an: "Familie, das sind aber auch die sogenannten Patchwork-Familien, die durch Scheidung und Wiederverheiratung entstehen, das kinderlose Paar mit der hochaltrigen, pflegebedürftigen Mutter und das gleichgeschlechtliche Paar mit den Kindern aus einer ersten Beziehung", heißt es in einem Leitfaden zum Thema Familie, den die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) kürzlich herausgab.

Im hessischen Wetzlar hatte die katholische Kirche noch 2008 einen Bezirksdekan abberufen, weil er ein homosexuelles Paar öffentlich gesegnet hatte. In Seligenstadt scheint man seiner Zeit weit voraus zu sein: Hier hat die katholische Kirche einen Dankgottesdienst anlässlich der Partnerschaft von zwei Männern gefeiert - "und die Gemeinde hat ganz unvoreingenommen und unaufgeregt mitgefeiert", erinnert sich die evangelische Pastorin Krauß-Buck. "Wir hier an der Basis verstehen uns blendend."

Die EKD strebt bisher keine bundesweit einheitliche Regelung an. Die kirchliche Beurkundung falle in den Gestaltungsbereich der Landeskirchen, hieß es. Derzeit arbeite man an einem neuen Positionspapier zur Sexualität, in dem auch die Homosexualität eine Rolle spielen soll.

Der frischvermählte Rüdiger Zimmermann braucht keine offiziellen Statements, um seine Identität zu stärken. "Gott hat mich so gemacht, und er hat mich gut gemacht, so wie ich bin."



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