Schwuler Priester in Russland "Wir hatten Todesangst"

Er war Priester der russisch-orthodoxen Kirche - und schwul. Die Diözese wusste davon, hielt aber still. Dann wurde Artjom Wiecielkowski geoutet. Was folgte, erzählt er hier.

Artjom Wiecielkowski: "Woher soll ich das wissen? Ich fliehe zum ersten Mal"
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Artjom Wiecielkowski: "Woher soll ich das wissen? Ich fliehe zum ersten Mal"

Ein Interview von


Artjom Wiecielkowski war sieben Jahre lang Priester der russisch-orthodoxen Kirche. In seiner Diözese wusste man von seiner Homosexualität, "nur an die Öffentlichkeit sollte ich damit nicht", sagte er vor einigen Tagen. Lange ging das gut, bis Wiecielkowski den Glauben verlor und sich aus der Kirche zurückzog.

Dann outete ihn ein russischer Journalist auf einem Internetportal, Wiecielkowski bekam Drohungen christlicher Fundamentalisten. Er und sein Partner wollten in Russland bleiben, auch wenn ihnen bewusst war, dass die mächtige Kirche ihnen das Leben schwer machen würde.

Doch nun sind sie geflohen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Wiecielkowski, warum sind Sie und Ihr Partner aus Russland geflüchtet?

Wiecielkowski: Nachdem meine Geschichte publik wurde, warf die Staatsanwaltschaft mir und meinem Freund Roman "Illegale Produktion und Verbreitung von Pornografie" vor. Dafür gibt es in Russland bis zu zwei Jahre Haft. Ein absolut fadenscheiniger Vorwurf: Ich soll in einem Klub für Schwule und Lesben bei einem Vortrag über das Verhältnis der Kirche zur Homosexualität Pornos gezeigt haben. Zuerst hielt ich das für einen Witz und habe eine Beschwerde bei der Staatsanwaltschaft eingereicht. Sie wurde abgelehnt.

SPIEGEL ONLINE: Auf die russische Justiz vertrauen Sie nicht?

Wiecielkowski: Wie sollen wir denn Vertrauen haben? Die Ermittler haben uns bei der Hausdurchsuchung in unserer Wohnung geschlagen. Die waren richtig wütend wegen unserer Beschwerde. "Ihr Schwuchteln, worauf habt ihr gehofft", schrien sie. Müßig zu sagen, dass es für die Hausdurchsuchung keinen Gerichtsbeschluss gab. Dann mussten wir zur Polizei, dort hat man uns Säcke auf den Kopf gebunden und uns immer wieder geschlagen. Die wollten aus uns ein Geständnis herausprügeln.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich schuldig bekannt?

Wiecielkowski: Ja, wir hatten Todesangst. Sie verbanden uns die Augen und führten uns auf einen Balkon - "wir schmeißen euch jetzt runter und niemand wird davon erfahren". Ich dachte mir, jetzt bringen sie uns wirklich um. Wir unterschrieben unsere "Schuldbekenntnisse", danach buchten wir sofort die Tickets nach London.

SPIEGEL ONLINE: Warum London?

Wiecielkowski: Roman und ich wollten hier Urlaub machen, das war lange geplant. Stattdessen sind wir gleich vom Flughafen zum Innenministerium in London gefahren und wollten Asyl beantragen. Die Beamten wussten nichts mit uns anzufangen, wir hatten ja Touristenvisa. "Sie haben doch einen Job, Geld auf dem Konto und eine Hotelbuchung", sagten sie mir. Früher haben wir beide gut verdient, jetzt sitzen wir ohne Geld in London, und die erzählen mir, ich hätte gleich am Flughafen Asyl beantragen müssen. Woher soll ich das wissen? Ich fliehe zum ersten Mal.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es jetzt weiter?

Wiecielkowski: Wir wohnen bei schwulen Aktivisten, die wirklich sehr nett zu uns sind, aber lange können wir bei ihnen nicht bleiben. Ich verbringe den ganzen Tag damit, LGBT-Organisationen (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender - d. Red.) anzuschreiben. Wir hoffen, irgendwo eine Unterkunft zu finden. Am 17. November müssen wir wieder beim britischen Innenministerium vorsprechen. Ich hoffe, dass wir in England Asyl bekommen. Wenn wir nach Russland zurück müssen, machen sie uns doch gleich am Flughafen kalt.



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