Seehundjäger auf Sylt "Der Schuss ist für das Tier eine Erlösung"

Mit einer Neun-Millimeter-Pistole erlegt Thomas Diedrichsen kranke Seehunde auf Sylt - er ist dazu offiziell vom Land Schleswig-Holstein berechtigt. Politik und Wissenschaft verteidigen das Vorgehen, Tierfreunde sind entsetzt.

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Von , Sylt


Die beiden Spaziergänger will er noch abwarten, sie sollen es nicht mitansehen. Thomas Diedrichsen, 47, zündet sich eine Zigarette an, zieht einen dünnen Handschuh über und geht zur Ladefläche seines Pick-ups. Die schwarze Glock 17, Kaliber neun Millimeter, steckt noch im Halfter an seinem Hosenbund.

Ein sandiger Parkplatz irgendwo im Süden von Sylt. Diedrichsen hebt die Wanne mit dem Seehund von der Ladefläche, nimmt den Spanngurt ab und das Holzgitter herunter. Das Tier blickt ängstlich aus runden dunklen Augen, die Schnauze ist blutig, der Atem nur ein kurzes Schnauben: ein Weibchen, etwa einen Meter lang, offensichtlich schwerkrank. Mit der linken Hand kippt Diedrichsen die Wanne um, der Seehund rutscht heraus auf den Boden. "Das ist für das Tier eine Erlösung", sagt er. In der rechten Hand hält er jetzt die Pistole. Dann schießt er dem Seehund in den Kopf.

Diedrichsen ist einer von drei Seehundjägern auf Sylt. Die Bezeichnung ist strenggenommen ein Anachronismus, denn die Jagd auf Seehunde ist seit Mitte der siebziger Jahre verboten. Die Seehundjäger sind für die Tiere zuständig, die am Strand angespült werden, viele von ihnen entkräftet, ausgehungert, von Lungenwürmern befallen. Manche Jungtiere werden zur Behandlung in die Pflegestation nach Friedrichskoog gebracht. Aber meistens kommt Diedrichsen zu dem Schluss: zu krank, um überleben zu können.

Er legt den Kadaver in einen roten Sack, schnürt ihn zu und bringt ihn zur alten Kläranlage. Dort schreibt er seinen Bericht. Das Tier wurde gegen 11 Uhr in der Nähe des bekannten Restaurants Sansibar am Strand gefunden: "stark abgemagert", "völlig apathisch", mit Blut an der Nase, mit Husten und Atemgeräuschen.

Von dem Seehund bleibt nach dem Gnadenschuss nur eine Nummer: "Feb49/2014/175", steht oben im Bericht. Der 49. Seehund, der in diesem Monat auf Sylt angespült wurde, Nummer 175 im Jahr 2014 - das sind deutlich höhere Zahlen als in den vergangenen Jahren. Nicht alle wurden erschossen, viele waren bereits tot, als sie von Spaziergängern am Strand gefunden wurden. Aber mehr als die Hälfte, so schätzt Diedrichsen, dürften von ihm und seinen zwei Kollegen erlegt worden sein. "Das ist keine Jagd", sagt er. "Das ist Tierschutz."

Hohe Zahl von Seehunden

Diese Sichtweise löst bei vielen Robbenfreunden Empörung aus. Sie werfen den Männern vor, zu schnell über das Schicksal der Tiere zu entscheiden. "Seehundjäger können die Tiere nicht eingehend untersuchen", sagt etwa Tierärztin Janine Bahr. Sie betreibt auf Föhr ein Robbenzentrum. Viele Erkrankungen seien gut behandelbar, heißt es in einer Online-Petition, mit der sie den schleswig-holsteinischen Umweltminister Robert Habeck auffordert, das Abschießen der angespülten Robben sofort zu stoppen. Fast 25.000 Menschen haben unterzeichnet.

Doch das Umweltministerium verteidigt die Seehundjäger. 40 von ihnen gibt es insgesamt in Schleswig-Holstein. Die Männer werden vom Bundesland berufen und geschult. Sie kontrollieren Strandabschnitte und bergen die angespülten Tiere. "Aber es gehört auch zu ihrer Verantwortung, die kränksten Seehunde von ihren Leiden zu erlösen", teilte Habeck mit.

Im vergangenen Jahr wurden laut Nationalpark Wattenmeer fast 27.000 Seehunde vor der deutschen, dänischen und niederländischen Küste gezählt - der höchste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen 1975. "Der Gesamtbestand der Seehunde ist gesund und stark und wächst weiter", schreibt das Umweltministerium.

"Fälle, in denen Seehundjäger unberechtigt töten, haben wir nie", sagt Ursula Siebert vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover in Büsum. Dort werden auch die auf Sylt erschossenen Seehunde untersucht. "Nicht jedes Tier, dem es schlecht geht, sieht für den Laien schlecht aus", sagt Siebert. Sie lobt die sehr guten Einschätzungen der Seehundjäger.

Diedrichsen zweifelt nicht an seiner Arbeit

Sachliche Argumente haben es jedoch schwer, wenn es um niedliche Seehunde mit Kulleraugen geht. Sylt hat daher seit einigen Wochen eine Sterbehilfe-Debatte der ganz eigenen Art. Von der "Lizenz zum Robben-Töten", schrieb die "Bild"-Zeitung. Nach den ersten Presseberichten ging im Sylter Umweltamt eine E-Mail ein, in der mit Prügeln gedroht wurde.

Diedrichsen hat für die Proteste kein Verständnis. "Heute gilt schon jeder auf Sylt als Seehund-Experte, der einmal gegoogelt und den Eintrag auf Wikipedia gelesen hat." Die Seehunde tun ihm leid, aber er hat keine Zweifel an seinem Job.

Die Seehundjäger machen ihre Arbeit ehrenamtlich, Diedrichsen bekommt pro Tier 45 Euro Aufwandsentschädigung - egal ob er es tötet oder zur Pflege gibt.

Die Arbeit ist mit einem großen zeitlichen Aufwand verbunden. Den ganzen Vormittag ist Diedrichsen an diesem diesigen Februarvormittag unterwegs, drei Tiere musste er töten. Doch damit ist der Tag nicht gelaufen: Am späten Nachmittag werden zwei tote Seehunde gefunden. Diedrichsen muss noch mal raus.

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insgesamt 76 Beiträge
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Seite 1
musca 21.02.2014
1.
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEMit einer Neun-Millimeter-Pistole erlegt Thomas Diedrichsen kranke Seehunde auf Sylt - er ist dazu offiziell vom Land Schleswig-Holstein berechtigt. Politik und Wissenschaft verteidigen das Vorgehen, Tierfreunde protestieren. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/seehundjaeger-auf-sylt-unterwegs-mit-thomas-diedrichsen-a-954845.html
Ich sehe darin kein grosses Problem, auch wenn nicht jeder Mensch das machen könnte.. ( ich gebe zu , ich könnte es sehr wahrscheinlich auch nicht) aber sowas ist trotzdem in Ordnung, das ist auch keine Tierquälerei - sondern der Gnadenschuss. Ist auch bei Haustieren nicht immer unbedingt so verkehrt - vielleicht nicht selten besser ist der Gnadenschuss als das Einschläfern lassen. Und hier handelt es sich um Wildtiere.
interessierter_mitbürger 21.02.2014
2.
Die Tierärztin tät sich über mehr "Patienten" sicher freuen. Aber wer soll das bezahlen? Ich halte es für richtig, dass eine gewisse natürliche Regulierung stattfindet bzw. man diese stattfinden lässt. Wobei der "Gnadenschuss" dem jämmerlichen verhungern und krepieren aus menschlicher Sicht vorzuziehen ist; der Natur wäre das egal.
ellereller 21.02.2014
3. Es wäre interessant gewesen, ...
Nachdem der Artikel den Vorwurf der Tierärztin referiert hat, wonach die sog. Seehundjäger die Tiere nicht gründlich unteresuchen könnten, und die Entgegnung des Seehundjägers an dessen Kritiker zitiert: "Heute gilt schon jeder auf Sylt als Seehund-Experte, der einmal gegoogelt und den Eintrag auf Wikipedia gelesen hat", wäre es schon sehr interessant zu gewesen, wie denn der ehrenamtliche Seehundjäger ausgebildet wurde, damit er die überlebensfähigen von den todgeweihten Tieren unterscheiden kann.
Mario V. 21.02.2014
4. Viele Erkrankungen seien gut behandelbar
Sollen wir wirklich anfangen, uns um die Gesundheit einzelner Wildtiere zu kümmern? Wer bringt die Zeit und das Geld auf? Oder kümmern wir uns nur um die Robben, weil die so niedlich sind? Wenn es sich um ein in unseren Augen hässliches Tier handeln würde, vielleicht irgendeine Krabbenart, würde kein Hahn danach krähen und medizinische Behandlung fordern. Dass die Tiere krank sind ist wohl unbestritten. Wenn die Tiere nicht getötet werden, werden sie zur Beute von irgendeinem anderen Tier, am Strand z.B. von Möwen, die u.U. anfangen, das noch lebende Tier anzufressen. Oder die kranken stecken andere, noch gesunde Robben an. Liebe Robbenfreunde, was ist da die bessere Alternative?
Bernd.Brincken 21.02.2014
5. Über die Natur
Mit welchem Recht stellt sich hier die Verwaltung über die natürlichen Lebensprozesse? Bei todkranken Menschen wird - zu recht - die Frage der bewussten Tötung breit und kontrovers diskutiert. Und bei Tieren soll es einfach per Behördenerlass geregelt werden?
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