Segler nach Fukushima-Katastrophe: Der Schiffbruch

Von , Heidelberg

Mehr als 248.000 Seemeilen sind Heide und Erich Wilts aus Heidelberg mit ihrem Boot "Freydis" um die Welt gesegelt. Als das Atomkraftwerk Fukushima havariert, ankert das Schiff in der Bucht von Iwaki. Es übersteht die Beben, den Tsunami - bis ein Taifun dem Traum ein Ende setzt.

Die Wilts und die "Freydis": "Von wegen mit allen Wassern gewaschen" Fotos
Heide & Erich Wilts

Als Heide und Erich Wilts an diesem Märztag in ihrem verwinkelten Häuschen in Heidelberg sitzen und im Fernsehen die Ausmaße des Erdbebens und des Tsunamis an der japanischen Nordostküste sehen, ahnen sie nicht, wie die Katastrophe auch ihr Leben verändern wird. Sie denken in diesem Moment aber auch an ihr eigenes Zuhause, das sie in der Iwaki-Sun-Marina in Onahama zurückgelassen haben: die knallrote "Freydis", ein 14 Meter langes Segelboot, 25 Tonnen schwer, mit dem sie seit mehr als 30 Jahren um die Welt segeln.

Die "Freydis", benannt nach der Tochter des Wikingerkönigs Erik des Roten, die eine Expedition über den Atlantik befehligte, sollte in Japan überwintern und im Mai 2011 von Honshu über Hokkaido nach Kamtschatka in See stechen. Über die Kommandeur-Inseln und die Aleuten zur Alaska-Halbinsel und zum Golf von Alaska, wo das deutsche Ehepaar die nächsten Jahre verbringen wollte.

Heide und Erich Wilts sitzen in ihrem Wohnzimmer mit den niedrigen Decken und den Balken aus dunkelbraunem Holz. In einer beleuchteten Vitrine lagern die Zeugnisse ihres Lebens als Aussteiger: versteinerte Haifischwirbel, Pottwalzähne, Riesenmuscheln, sogar ein Walpenis liegt da.

Sie waren 49 Jahre alt, als sie ihre gut bezahlten Jobs als Oberärztin und Diplom-Kaufmann hinwarfen. Sie hatten keine Kinder, Geld und Luxus bedeutete ihnen nichts. Seither lebt das Paar die meiste Zeit auf der "Freydis", segelte um das Kap Hoorn, nach Feuerland, Australien und als erste Deutsche in die Antarktis. Manchmal sahen die Wilts fünf, sechs Wochen lang nur Wasser, oft saßen sie neben Albatrossen und Königspinguinen, die noch nie zuvor einen Menschen gesehen hatten.

Besonders den Japanern fühlten Heike und Erich Wilts sich immer verbunden, obwohl sie die Sprache nicht beherrschen. Eine "einzigartige Herzenswärme" schlug ihnen entgegen. Ihr Vertrauen zu den Einheimischen war groß, all ihre Habseligkeiten ließen sie zurück auf der "Freydis", als sie das Schiff im Oktober 2011 dort anlegten. "In Japan wird einem nichts gestohlen, sondern eher nachgetragen", sagt Erich Wilts, ein Ostfriese, Nachfahre von Klaus Störtebeker und dreifacher Hamburger Judomeister mit kräftigen Pranken und einem grauen Rauschebart. Er ist von beiden der Mutige, der Lebensoptimist, der Waghalsige.

Heide Wilts, eine zierliche Person mit kleinen Händen und wachen Augen, sagt: "Wir sind gar nicht mit allen Wassern gewaschen, wie alle glauben." Im Gegenteil, ihr werde schon beim Autofahren kotzübel. In Krisenzeiten hat sie die stärkeren Nerven, an Bord ist sie für die Sicherheit zuständig. Als ihr Mann trotz Prophylaxe während einer Reise an Malaria und dem Dengue-Fieber erkrankte, pflegte sie ihn.

"Die Japaner verlieren die Hoffnung nicht"

Tränen füllen die Augen der beiden, als sie an jenem 11. März vergangenen Jahres vor dem Bildschirm sitzen. Immer wieder wählen sie die Nummern von Bekannten, erreichen sie nicht. Wir werden Japan nie wieder so erleben, wie wir es kennengelernt haben, denken sie. Sie sind sicher, dass die "Freydis" das Beben nicht überstanden hat.

Eine E-Mail ihres Freundes Aki Sakamoto, Leiter der Iwaki-Sun-Marina, bestätigt ihre Vermutung: Der Hafen ist vollständig zerstört, die "Freydis" wurde wie im Vollwaschgang mit den anderen Schiffen aufs Meer gespült. "Die größte Welle war über 15 Meter hoch. Ich werde mich melden, sobald es neue Informationen gibt", schreibt er. "Aber im Moment ist es unmöglich. Es tut mir leid. Mir und meiner Familie geht es gut, aber wir müssen aus Iwaki fliehen, weil das Atomkraftwerk ein Problem ist." Heide und Erich Wilts bangen um ihre Freunde.

Wenige Tage später reißt sie die E-Mail von Ken Ando, Chefredakteur einer japanischen Seglerzeitschrift, aus der Schockstarre: Ein Leser hat die "Freydis" entdeckt und fotografiert. Sie ist gestrandet vor einer Steilküste unweit von Iwaki, fast unbeschädigt. Es gibt nicht viele Segelschiffe in Japan, und nur ein einziges, das rot ist. Ken Ando macht den Deutschen Mut, seine E-Mail endet mit: "Die Menschen in Japan verlieren die Hoffnung nicht."

Seit 1979 sind die Wilts 248.000 Seemeilen mit der "Freydis" gefahren, ein Dutzend Mal haben sie die Erde umrundet. Sie müssen nach Japan, jetzt, sofort, ihren Freunden helfen und ihr Schiff retten, auch wenn es verstrahlt ist.

Drei Wochen nach dem Unglück, als die Sperrung um das havarierte Kernkraftwerk teilweise aufgehoben ist, fliegen Heide und Erich Wilts nach Japan. Ihre Familie ist entsetzt. Iwaki liegt nur zwei Autostunden südöstlich von Fukushima.

Sie haben so viel Ausrüstung eingepackt, wie sie können, einen Generator, Werkzeug, Funkgeräte, Leckstopfen, Notproviant und Bargeld, falls sie einen Schlepper finden, der das Schiff vom Riff ziehen kann. In die Sorge um ihre Freunde mischt sich ein schlechtes Gewissen: Andere Menschen bangen um ihre Angehörigen, sie selbst sorgen sich um ein Boot.

Nachbeben machen den Wilts zu schaffen

Die "Freydis" schaukelt hundert Meter neben dem Pier im Hafen von Iwaki vor sich hin. Der Tsunami hat sie in die Felswände gepresst wie in eine enge Box. Die Küstenwache ist gerade dabei, Tote aus dem Meer zu bergen.

Alles, was Heide und Erich Wilts in den vergangenen Jahrzehnten über Japaner gelernt haben, bewahrheitet sich nun: Anstatt zu jammern, stellen sie sich ihrem Schicksal, packen an, halten zusammen. Wie selbstverständlich helfen sie dem deutschen Ehepaar.

In der Kajüte treibt ein Brei aus Motoröl, Schlamm und Farbe. Sie pumpen das Boot leer, es scheint funktionsfähig. Zehn Tage schuften die Wilts, unterstützen Freunde, suchen im Schlamm nach Opfern, basteln an ihren Schiff, bergen Vorpiek, Anker und Kette. Die Nachbeben wirbeln sie durchs Boot. Sie kommen kaum zum Schlafen, arbeiten durch. Einmal prallt Erich Wilts mit dem Mietwagen gegen die Leitplanke, Sekundenschlaf.

An der ganzen Küste gibt es keinen Lift, der die "Freydis" heben kann. Mit doppelten Leinen und zusätzlichen Ketten sichern sie das Schiff gegen mögliche Taifune. Heide und Erich Wilts wollen die "Freydis" aus der Gefahrenzone segeln, in Heidelberg schmieden sie Pläne.

Zwei heftige Taifune zerstören ihre letzte Hoffnung: Sie schmettern das Boot gegen die Felsen, wehen das Deckhaus davon, nur der Mast ragt ungebrochen aus dem Meer. Solange der Mast steht, hat ein Segler noch Hoffnung. Doch die "Freydis" ist nicht mehr zu retten. Mit einem Kran tragen die Japaner die Steilwand ab, teilen das Schiff in drei Stücke und ziehen sie aus dem Wasser.

Vor wenigen Tagen klingelte der Postbote bei den Wilts in Heidelberg, ein Paket aus Japan. Eine angebrochene Flasche Cognac, zwei einzelne Schuhe, eine Tüte voller kanadischer Dollar - mehr ist von der "Freydis" nicht geblieben. Der Geigerzähler, den sie vor ihrer Reise nach Japan für das Vierfache des Originalpreises im Internet ersteigert haben, misst bei dem Geld eine leichte Strahlung von 4,1.

Es heißt, ein Segler soll in seinem Leben drei Schiffe bauen: Das erste für den ärgsten Feind, weil man noch viele Fehler macht. Das zweite für seinen besten Freund - und das dritte für sich selbst. Die "Freydis" war das zweite Schiff der Wilts, das dritte werden sie am 20. April einweihen, wenn Erich Wilts 70 Jahre alt wird, anschließend werden sie Probefahrten nach Helgoland und Sylt machen und am 14. Juli in Richtung Kanalinseln, St. Malo, Scilly Islands, Ile d'Ouessant aufbrechen.

Die Wehmut bleibt. Sie haben kein drittes Boot gewollt. Die "Freydis" war ihr Panzer, gebaut aus Stahl, sie trotzte jedem Sturm, jeder Welle. Sie war ihre Kameradin, ihre Gefährtin, ihr Zuhause. "Sie war eine langsame Gurke, ein Kellerschiff, aber sie hat uns Sicherheit gegeben", sagt Heide Wilts und senkt die Stimme. "Die einsamsten Winkel haben wir mit ihr erkundet, die flachsten Buchten, die entlegensten Fjorde."

Die "Freydis" soll in Iwaki als Denkmal aufgestellt werden, als Symbol für die 150 Jahre währende Freundschaft zwischen Deutschen und Japanern. Für Heide und Erich Wilts ist es eine Art Andenken an ihr Vorhaben. "Wir sind damals ausgestiegen auf unbestimmte Zeit", sagt Heide Wilts. Und das gilt heute noch: auf unbestimmte Zeit.

Japan ein Jahr nach dem Super-GAU

Im Ausnahmezustand: Erdbeben, Tsunami, Fukushima - ein Jahr nach der Dreifach-Katastrophe berichtet SPIEGEL ONLINE in einer Serie aus der Unglücksregion.

Heide Wilts: "Endstation Fukushima - Die letzte Reise der Freydis. Von Alaska nach Japan"

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 25 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Und ich Trottel
theodorheuss 10.03.2012
Zitat von sysopMehr als 248.000 Seemeilen sind Heide und Erich Wilts aus Heidelberg mit ihrem Boot "Freydis" um die Welt gesegelt. Als das Atomkraftwerk Fukushima havariert, ankert das Schiff in der Bucht von Iwaki. Es übersteht die Beben, den Tsunami - bis ein Taifun dem Traum ein Ende setzt. Segler nach Fukushima-Katastrophe: Der Schiffbruch - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,819737,00.html)
hock mit 47 in Berlin, zahle für 2 Kinder Unterhalt, Steuern die einen auffressen und trete das Hamsterrad tagein tagaus bis ich mit evtl. 67 Jahren in Altersarmut ( Grundrente ) bei Aldi vom Einkaufsregal gestoßen werde von den Jüngeren, die meinen ich sei ein unnützer Fresser. Was hab ich bloß falsch gemacht??? Ich freue mich aber für Menschen wie dieses Paar. ICH habe leider nicht die Eier in der Hose für einen Aussteiger, bin zu angepaßt und sozialisiert. Sicherheit, Sicherheit, schau was Morgen ist, da komm ich einfach nicht von los. Und das Leben geht an mir vorbei.
2. interessant
palstek 10.03.2012
das klingt interessant, ein vorfahre von klaus störtebeker zu sein. respekt, dass der gute sich so jung gehalten hat!
3. Reinke Rules!
gspotwagner 10.03.2012
Mit welcher Yacht ist die nächste Langfahrt geplant? Super Secura, Hera? Viel Glück
4.
Gegengleich 10.03.2012
Zitat von sysopMehr als 248.000 Seemeilen sind Heide und Erich Wilts aus Heidelberg mit ihrem Boot "Freydis" um die Welt gesegelt. Als das Atomkraftwerk Fukushima havariert, ankert das Schiff in der Bucht von Iwaki. Es übersteht die Beben, den Tsunami - bis ein Taifun dem Traum ein Ende setzt. Segler nach Fukushima-Katastrophe: Der Schiffbruch - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,819737,00.html)
Was soll das? Nahezu 1 Jahr, nachdem genau dieselbe Geschichte "der armen Yachtbesitzer" in der Rhein-Neckar-Zeitung von den Lesern dort bereits verrissen wurde, wird sie bei Spiegel online aufgewärmt? Des weiteren scheint hier kein Segelboot, sondern eine Zeitmaschine verloren gegangen zu sein, oder wie soll ich mir folgendes erklären: ---Zitat--- In Japan wird einem nichts gestohlen, sondern eher nachgetragen", sagt Erich Wilts, ein Ostfriese, _Vorfahre _von Klaus Störtebeker und dreifacher Hamburger Judomeister mit kräftigen Pranken und einem grauen Rauschebart. ---Zitatende---
5.
provocator 10.03.2012
Zitat von theodorheusshock mit 47 in Berlin, zahle für 2 Kinder Unterhalt, Steuern die einen auffressen und trete das Hamsterrad tagein tagaus bis ich mit evtl. 67 Jahren in Altersarmut ( Grundrente ) bei Aldi vom Einkaufsregal gestoßen werde von den Jüngeren, die meinen ich sei ein unnützer Fresser. Was hab ich bloß falsch gemacht??? Ich freue mich aber für Menschen wie dieses Paar. ICH habe leider nicht die Eier in der Hose für einen Aussteiger, bin zu angepaßt und sozialisiert. Sicherheit, Sicherheit, schau was Morgen ist, da komm ich einfach nicht von los. Und das Leben geht an mir vorbei.
Also, Du solltest Dein Leben aber wirklich ´mal gründlich überdenken! Nur Mut, bevor man nicht in der Kiste liegt, ist es nicht zu spät, was zu ändern.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema Fukushima
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 25 Kommentare
  • Zur Startseite
SPIEGEL TV Magazin Spezial

Sonntag, 11.03.2012, 22.35 Uhr - 00.00 Uhr, RTL

Für diese Reportage ist Maria Gresz mit mehreren Kollegen ins Katastrophengebiet gereist. Der 75-minütige Film wird am ersten Jahrestag des Bebens bei RTL als eine SPIEGEL-TV-Magazin-Sondersendung gezeigt.

Karte