Selbstgewollte Amputation "Als ob man einen Schalter im Gehirn umlegt"

Sie lassen ihre Gliedmaßen in Trockeneis erfrieren oder sägen sie aus Verzweiflung selbst ab: Weltweit leiden Tausende Menschen unter BIID - einer Störung, bei der sich Gesunde um jeden Preis eine Amputation wünschen. Norman aus den USA hat sie bekommen.

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Behinderter: "Manche Menschen fühlen sich erst dann komplett, wenn das Bein ab ist"
Corbis

Behinderter: "Manche Menschen fühlen sich erst dann komplett, wenn das Bein ab ist"


Hamburg - Spricht man mit Gesunden über die Symptome von BIID, dann verziehen sie das Gesicht, winden sich und greifen ängstlich nach Armen und Beinen - als wollten sie sich vergewissern, dass die noch dran sind. Zu grotesk, zu abwegig erscheint vielen die Idee, dass ein physisch unversehrter Mensch sich nichts sehnlicher wünscht, als körperlich behindert zu sein - durch die Amputation einer Gliedmaße.

In einer Zeit, in der Ganzkörpertattoos, Extrempiercings oder Geschlechtsumwandlungen kaum noch schockieren, scheint es ein letztes Tabu zu geben: die Selbstverstümmelung mit gewollter anschließender Behinderung. Body Integrity Identity Disorder, kurz BIID, heißt die seltene Störung, der Wissenschaftler weltweit seit Jahren auf der Spur sind.

"Ich wurde mit diesem Wunsch geboren, ich habe mir das nicht ausgesucht", sagt Norman*, ein freundlicher und gebildeter Mittsechziger aus den Vereinigten Staaten, der bereits im Alter von vier Jahren von dem quälenden Drang heimgesucht wurde, einbeinig leben zu wollen, zu müssen. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang litt er unter seiner Obsession, fühlte sich isoliert, seinen täglichen Amputationsphantasien ausgeliefert, kurzum: "wie ein Freak".

"Es klingt verrückt, aber Menschen wie Norman fühlen sich mit Bein behindert und erst dann komplett, wenn es ab ist", beschreibt BIID-Experte Erich Kasten von der Universität Lübeck das Körpergefühl der Betroffenen.

Lebensgefährliche Do-it-yourself-Amputationen

Wie fast alle seiner Leidensgenossen fing Norman früh an, so zu tun als ob, sich heimlich mit Krücken und abgebundenem Bein dort zu bewegen, wo ihn niemand kannte - für BIIDler eine Erleichterung, aber nur ein unvollkommener Ersatz für die Amputation.

Norman wuchs in den fünfziger Jahren als Sohn strenger Eltern in den USA auf und lebt noch heute in einem, wie er sagt, "sehr konservativen Umfeld" - zwischen Vietnam-Veteranen, Soldaten-Witwen und Kriegsbefürwortern war kein Platz für Menschen, die sich freiwillig selbst verstümmeln wollen.

Also schwieg Norman, kämpfte gegen seine Dämonen und wurde schwer depressiv. "Ich hatte keine Ahnung, dass es da draußen Menschen gibt, die genauso verzweifelt sind wie ich." Als er irgendwann doch Kontakt bekam zu Gleichgesinnten, hörte er erstmals von BIID und lebensgefährlichen Do-it-yourself-Amputationen, die einige an sich selbst versuchten, weil Chirurgen sich selbstverständlich weigerten, den Eingriff vorzunehmen. Keine Option für Norman, der inzwischen Familie und Kinder hatte, die es zu versorgen galt.

Doch mit den Jahren wuchsen der Druck und die Aussichtslosigkeit. "Ich habe gebetet und gebetet, bis ich irgendwann nur noch sterben wollte", erinnert sich der heutige Rentner. Genau in diesem Moment hatte er "eine schicksalhafte Begegnung" mit einem Experten, der Verständnis für seine Bedrängnis zeigte und ihn nach eingehender Untersuchung und mehreren psychologischen Tests an einen Chirurgen verwies. Der trennte Norman nach Verstreichen einer monatelangen Bedenkzeit das linke Bein oberhalb des Knies ab.

Norman war jetzt behindert, ein einbeiniger Mann auf Krücken - und dennoch der glücklichste Mensch der Welt: "Ich war wie neugeboren, es war eine riesige Erleichterung", erzählt er. Angst, Ärger und Depression seien seit der Amputation wie weggewischt, die täglichen Zwangsvorstellungen endlich Vergangenheit. "Es ist, als habe man einen Schalter im Gehirn umgelegt."

Dem Phänomen auf der Spur

Mehrere tausend Betroffene gibt es laut Schätzungen von Experten weltweit, die Dunkelziffer ist hoch. Seit Jahrzehnten forschen Psychiater, Neurowissenschaftler und Verhaltenspsychologen in den USA, Europa und Australien über BIID - dennoch ist das Phänomen noch immer ein Rätsel. "Woher es wirklich kommt, wissen wir nicht", sagt der Lübecker Forscher Erich Kasten, der im vergangenen Jahr mit neun Probanden eine Fragebogenstudie durchführte.

Der New Yorker Arzt Michael First startete 2000 die erste großangelegte Telefonumfrage unter 52 Betroffenen. Schon damals verblüffte, dass knapp 80 Prozent der Teilnehmer weder psychiatrische Symptome noch Alkohol- oder Drogenprobleme aufwiesen - sie litten also nicht unter Wahn- oder Zwangsvorstellungen und zeigten kein Suchtverhalten oder eine Neigung zur Selbstverletzung.

Mehr als zwei Drittel der Betroffenen sind homosexuell - eine Erklärung dafür gibt es nicht. "Fast immer sind die Patienten Akademiker oder Menschen in Führungspositionen, agile, autonome Persönlichkeiten, die selbstbewusst im Leben stehen", sagt Aglaja Stirn von der Universität Frankfurt, die ein Buch über BIID geschrieben und 30 Betroffene interviewt hat. Die meisten schämten sich für ihre Neigung, verstünden, dass es sich um eine schwer nachvollziehbare Störung handele. Bei nahezu allen steige der Wunsch nach einer Operation mit dem Lebensalter.

Etwa 75 Prozent der BIIDler sind während ihrer Amputationsphantasie sexuell erregt - Fetischisten, die sich an Prothesen oder Stümpfen ergötzen, sind sie deshalb noch lange nicht. "Am ehesten gleichen sie noch den Transidenten, die sich im Körper mit dem falschen Geschlecht eingesperrt fühlen", erklärt Kasten.

Es sei schwer, sich in BIID-Patienten hineinzuversetzen, so der Psychologe. "Stellen Sie sich vor, Sie haben einen sechsten Finger an ihrer linken Hand, den Sie zu nichts gebrauchen können und unbedingt loswerden wollen", schlägt Kastens Kollege Christopher Ryan von der Universität Sydney als Vergleich vor.

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