Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Italienisches Dorf Sellia: Sterben verboten

Italienisches Dorf Sellia: Den Tod aufhalten Fotos
AFP

In Sellia hat sich die Einwohnerzahl in den vergangenen Jahren auf 500 halbiert. Um den schleichenden Tod des süditalienischen Dorfes aufzuhalten, mobilisiert Bürgermeister Davide Zicchinella letzte Reserven, mit Geld der EU.

Eigentlich ist Davide Zicchinella Kinderarzt, doch als Bürgermeister des süditalienischen Dorfes Sellia muss er eher die Rolle eines Spezialisten für Geriatrie übernehmen.

Der Ort in den Bergen Kalabriens ist vom Tod bedroht: Auf der Suche nach Arbeit sind die Jungen längst Richtung Norden gezogen, zurückgeblieben sind die Alten. Und die sterben langsam weg - das aber will Zicchinella verhindern.

In den vergangen 15 Jahren ist die Zahl der Bewohner von 1000 auf gut 500 geschrumpft. Von den Verbliebenen sind zwei Drittel mehr als 60 Jahre alt. "Jeder Todesfall bringt auch unser Dorf dem Tod näher", sagt der Bürgermeister, der mit seinen 40 Jahren weit unter dem Altersdurchschnitt liegt. Doch Zicchinella will nicht tatenlos zusehen, wie Sellia stirbt. Vor einigen Monaten sprach er quasi ein Sterbeverbot für seine Bürger aus.

In den schmalen Gassen Sellias sind mehr Katzen unterwegs als Menschen, jedes zweite Haus steht leer. Seit dem Erlass des Bürgermeisters aber stehen die verbliebenen Einwohner wieder Schlange - vor dem in der ehemaligen Schule neu eingerichteten Gesundheitszentrum. Denn die Verordnung droht jedem, der nicht mindestens einmal pro Jahr zum Arzt geht, mit einer Strafsteuer von jährlich 30 Euro.

"Wir Alten fühlten uns vernachlässigt"

Im Untersuchungszimmer schiebt Vincenzo Rotella sein Hemd nach oben, damit der Arzt die Elektroden für das EKG auf die Brust kleben kann. "Ab einem gewissen Alter ist es mühsam, mit dem Bus in die Stadt zum Doktor zu fahren. Und dann muss man oft Monate auf bestimmte Untersuchungen warten", sagt der 79-Jährige. "Wir Alten fühlten uns vernachlässigt. Aber jetzt kann man hier jederzeit zum Arzt gehen."

Die 71 Jahre alte Giovanna Scozzafava hatte sich schon lange krank gefühlt. Dennoch ging sie nicht zum Arzt, weil sie die Kosten scheute. "Die privaten Honorare kann nicht jeder zahlen. Was soll man denn machen, wenn das Geld kaum fürs Essen reicht?", fragt sie. Für die Untersuchungen im neuen Gesundheitszentrum des Dorfes, das mit EU-Geld eingerichtet wurde, gibt es Zuschüsse. Wer ganz arm ist, muss gar nichts zahlen.

Bürgermeister Zicchinella möchte erreichen, dass die Menschen im Dorf mindestens 83 Jahre alt werden - das ist die durchschnittliche Lebenserwartung in Italien. Deshalb fährt ein Gemeindebus die betagten Einwohner regelmäßig in ein Thermalbad, das Altersleiden lindern soll. Auch die in Sellia angebotenen Tanzkurse sollen die Dörfler fit halten.

Der Bürgermeister will zudem neue Bewohner und Touristen ins Dorf locken. Mit 1,5 Millionen Euro aus Brüssel entsteht auf dem Gelände eines Bauernhofes ein Kletterpark. Und solange der Kindergarten in Sellia nicht wieder gebraucht wird, dient er als Jugendherberge. Zudem ist die Eröffnung zweier neuer Bed-and-Breakfast-Hütten für das Frühjahr geplant.

Private Investoren aus dem Norden Italiens renovieren derweil einige der heruntergekommenen Häuser, die am Fuß einer alten Burg stehen und einen schönen Blick auf Olivenhaine bieten. Zicchinellas Initiativen haben alle dasselbe Ziel: einen Ort zu verwandeln, "in dem man die Zeit mit dem Warten auf das Ende totschlägt".

wit/AFP

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: