Chai Time Kolumne aus Istanbul

Englisch in Pakistan Leadies, let's go to the resturant!

Paklisch: Mit dem Halicopter zum Maxican Fotos
Hasnain Kazim

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Als die Bauarbeiter das riesige Schild mit der Aufschrift "Melody Resturant" anbringen, versuche ich, sie zu stoppen.

"Auf dem Schild steht 'Resturant', es wird aber 'Restaurant' geschrieben", weise ich sie auf den Fehler hin.

Einer, der der Chef der Truppe zu sein scheint, guckt mich an, als wäre ich nicht mehr ganz dicht.

"Ja, und?"

"Na, da ist ein Fehler drin. Sie können doch nicht ein so großes Schild mit einem unübersehbaren Fehler anbringen."

Jetzt scheint er vollends davon überzeugt zu sein, dass ich nicht mehr richtig im Kopf bin.

"Warum nicht? Das Schild war teuer. Wir können deswegen doch nicht noch eins bestellen. Außerdem ist es doch egal, wie das geschrieben wird. 'Resturant' versteht jeder."

Und dann ignorieren sie mich.

Das "Resturant" ist der Treffpunkt der pakistanischen Mentalität. So wie man in Pakistan buchstabiert, so baut man hier auch Autos, Häuser und Atombomben, so macht man Politik und so betreibt man Geschäfte. Man nimmt es nicht genau, irgendwie funktioniert alles schon, wenn auch manchmal nur für kurze Zeit. Der Wagen springt nicht an? Wozu die Ursache beheben, einfach mit dem Schraubenschlüssel so lange auf den Motor einprügeln, bis er wieder läuft. Schimmel an den Wänden? Farbe drüber, das reicht. Bis die Fäulnis wieder durchbricht, dauert's ja ein Jahr.

"Leadies", "ladeis", "leedees" - und "jents"

Englisch ist, neben Urdu, Amtssprache in Pakistan. Nur hapert es oft mit der Rechtschreibung. Besonders schwierig scheint der Plural des Wortes "lady", also "Dame", zu sein. Da war doch was, nicht einfach nur ein S dran, richtig? Statt "ladies" sieht man an Toiletten oder Friseurläden alle denkbaren Varianten: "leadies" oder "ladeis", auch "leedees".

Denn in Pakistan schreibt man so, wie man spricht. Das Urdu-Wort für Schule hat man zum Beispiel einfach aus dem Englischen übernommen, "school", nur schreibt man es in arabischer Schrift. Es liest sich dann: "sakkuul".

Neben der Toilette für "leadies" findet sich deshalb auch die für "jents". Eine für "gents" sucht man vergeblich. Und manchmal hat man den Eindruck, als lieferten sich Ladenbesitzer einen Wettbewerb darum, so viele Fehler wie möglich auf einem Schild zu verewigen. Gewinner dürfte der Friseur in der nordpakistanischen Stadt Skardu sein: "Beauty Clanic Ladeis & Gents with Deploma Holder" hat er an sein Schaufenster geschrieben. Gut, dass er ein Diplom hat!

Wie soll man es auch besser wissen, in einem Land mit einer der höchsten Analphabetenraten der Welt? Es verwundert kaum, dass sich in einem Bilder-Wörterbuch für Kinder "bycyle", "aroplane", "halicopter" finden. Natürlich fehlt auch ein Panzer nicht, der "tanck". Das C in dem Wort ist vermutlich vom Gegner übergelaufen.

Sprachliche Rebellion oder Philosophie?

Es ist ein sympathisches Chaos, dieses Paklisch. Wer englisch-, pardon: paklischsprachige Zeitungen in Pakistan liest, wird feststellen, dass man hier Wörter benutzt, die in der englischsprachigen Welt für Verwunderung sorgen würden. Man sagt zum Beispiel statt "toilet" oder "bathroom" gerne "latrine". Oder statt "lounge" doch eher "drawing room". Die britischen Kolonialherren sind längst abgezogen, das britische Empire untergegangen, aber die Sprache ist hier in der damaligen Zeit steckengeblieben.

Viele durchsetzen ihr Urdu gerne mit englischen Wörtern. Urdu ist sowieso eine Mischung aus Hindi, Persisch und Türkisch, da macht eine Prise Englisch auch nichts aus. Und Pakistaner, die in Oxford oder Harvard studiert haben, können durch besonders britische oder amerikanische Aussprache zeigen, wie kultiviert und mondän sie sind.

Es gibt aber auch ganz kreative Eigenheiten. Um eine Eigenschaft zu betonen, doppelt man beispielsweise ein Adjektiv. Etwas, das "sehr klein" ist, ist in Pakistan nicht "very little", sondern "little little". Und die Hauptstadt Islamabad ist "green green".

Vielleicht ist Paklisch eine Art Rebellion gegen die ehemaligen britischen Besatzer. Vielleicht ist es aber auch nur die Sprache einer Philosophie, einer Lebensauffassung, ein Zurechtrücken von Wichtigem und Unwichtigem. Denn im Ernst, was macht das schon für einen Unterschied: Restaurant oder Resturant?

Viel wichtiger für die meisten Pakistaner ist doch: Was bekomme ich da zu essen und kann ich es mir leisten?

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36 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
fraumarek 24.04.2013
Stäffelesrutscher 24.04.2013
LJA 24.04.2013
karldhammer 24.04.2013
cs11112 24.04.2013
kaffeeesatz 24.04.2013
Atlan1000 24.04.2013
gekreuzigt 24.04.2013
herecomesthebut 24.04.2013
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M. Thomas 24.04.2013
janeinistrichtig 24.04.2013
bildammontag 24.04.2013
Ex-Kölner 24.04.2013
bob_sleigh 24.04.2013
bob_sleigh 24.04.2013
tamtamm 24.04.2013
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Jean P. v. Freyhein 24.04.2013
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hfsdjailHJFKLDjö 25.04.2013
Florentinio 25.04.2013
jj.ll. 27.04.2013
hfsdjailHJFKLDjö 27.04.2013
jj.ll. 27.04.2013
hfsdjailHJFKLDjö 27.04.2013
Gerdd 16.05.2013
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Zum Autor
  • Hasnain Kazim wurde 1974 im niedersächsischen Oldenburg geboren. Er ist der Sohn indisch-pakistanischer Einwanderer und wuchs in zwei Welten auf. Als Südasien-Korrespondent berichtete er für SPIEGEL ONLINE und SPIEGEL aus Islamabad, Pakistan. Im August 2013 wechselte er nach Istanbul. In seiner Kolumne "Chai Time" berichtet er über den Alltag in der Ferne.

Fläche: 796.000 km²

Bevölkerung: 184,753 Mio. Einwohner

Hauptstadt: Islamabad

Staatsoberhaupt:
Mamnoon Hussain

Regierungschef: Nawaz Sharif

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