Bildband über ein Lepradorf "Es ist meine zweite Heimat geworden"

In M'Balling im Senegal leidet rund ein Drittel der Einwohner an Lepra. Zehn Jahre lang hat der Fotograf Joachim Bergauer Kranke und Gesunde in dem Dorf porträtiert - und zwischen all dem Leid auch Schönheit entdeckt.

Joachim Bergauer

Von


Zur Person
  • Iris Schweinöster
    Joachim Bergauer, geboren 1965 in Schwarzach bei Salzburg. Nach seiner Ausbildung im Bereich Boulevardpresse arbeitete er u.a. bei den "Salzburger Nachrichten". 1994 eröffnete er ein eigenes Fotostudio und gründete 2000 die Werbeagentur Bergauer mit Schwerpunkt Magazinfotografie (Menschen, Reisen). Nebenbei verfolgt aber auch eigene fotografische Projekte. Sein Bildband "Leben im Lepradorf" zeigt Fotografien, die innerhalb der letzten zehn Jahre in einem kleinen Dorf im Senegal entstanden sind.

SPIEGEL ONLINE: Etwa 2000 der 6000 Einwohner von M'Balling sind an Lepra erkrankt. Das Dorf ist auf den ersten Blick kein Ort, an den es einen sofort hinzieht. Sie waren in den vergangenen zehn Jahren jedoch mehr als zehnmal dort. Warum?

Bergauer: Mir hat ein befreundeter Redakteur von dem sogenannten Lepradorf erzählt und meinte, ich solle da mal hinfahren und mir das anschauen. Am Anfang dachte ich: Ich gehe da hin, mache ein paar Bilder und komme nie wieder. Aber die Geschichte hat mich nicht losgelassen, wegen der Menschen dort. Ich war fasziniert von ihnen. Sie gehen ganz anders mit Konflikten um, und sie haben sich den Humor bewahrt, trotz ihrer Lebensumstände. Außerdem ist alles schnell sehr familiär und man respektiert sich gegenseitig. Das hat mir gefallen.

SPIEGEL ONLINE: Warum leben in dem Dorf so viele Leprakranke?

Bergauer: Ursprünglich war M'Balling ein sehr kleines Dorf mit ein paar wenigen Lehmhütten. Weil man die Leprakranken in den Städten nicht wollte, gingen viele von ihnen in diese Ecke des Landes. Deshalb gründete sich dort dann vor mehr als 30 Jahren die Leprahilfe Senegal. Durch die Strukturen, die damit in das Dorf kamen, zogen immer mehr Leprakranke mit ihren Familien nach M'Balling.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben im Dorf ein kleines Fotostudio aufgebaut und dort lepröse Menschen fotografiert. Wie war es, diese kranken Menschen zu porträtieren?

Bergauer: Als ich die ersten Leprakranken gesehen habe, bin ich wirklich erschrocken. Die Leute eitern zum Beispiel auch aus den Augen, weil sie nichts spüren, wenn sie in die Sonne gucken. Das war für mich schon schlimm. Aber im Laufe der Zeit hat sich das gelegt. Denn die Kranken hatten überhaupt keine Scheu, haben sogar Faxen gemacht. Es war sehr unkompliziert und wir haben viel zusammen gelacht. Und so sind wunderschöne Bilder entstanden.

Fotostrecke

15  Bilder
Die Einwohner von M'Balling: Leben in einem Lepradorf

SPIEGEL ONLINE: In M'Balling leidet ein Drittel der Menschen an Lepra. Wie gehen die Gesunden mit den Kranken um?

Bergauer: Ganz natürlich, sie haben keine Angst vor Ansteckung. Wenn man sich wäscht, dann besteht kaum Gefahr, dass man sich infiziert. Die Leprösen sind im Dorf akzeptiert, manchmal wird bei ihnen auch Rat eingeholt, weil die meisten älter sind. Das ist ein völlig normales Zusammenleben. Ich selbst hatte auch keine Angst, mich anzustecken.

SPIEGEL ONLINE: Die Lebensumstände in M'Balling sind zum Teil katastrophal: Viele Menschen sind arbeitslos, es fehlt an Nahrung, Perspektive, viele junge Menschen flüchten. Warum zeichnen Sie in Ihren Fotos trotzdem ein eher positives Bild des Dorfes?

Bergauer: Ich habe ein paar Tausend Fotos gemacht, und da waren auch viele erschreckende Sachen dabei. Ich wollte aber nicht nur das Leid zeigen, das hätte das Bild für mich verfälscht. Ich wollte die Menschen so darstellen, wie ich sie selbst erlebt habe. Es sind schöne und intelligente Menschen. Für viele ist Afrika mit Armut besetzt, aber ich will ein anderes Bild vermitteln: Ich will beim Betrachter die Neugier wecken, diesen Kontinent, dieses tolle Land zu sehen.

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Joachim Bergauer:
Leben im Lepradorf

Artbook Verlag; 160 Seiten, 29 Euro

SPIEGEL ONLINE: Wurden Sie von Anfang an akzeptiert?

Bergauer: Die Leute waren skeptisch, aber im Laufe der Zeit wurde das besser. Über die Fotografie habe ich den Zugang zu den Menschen bekommen, aber erst nach drei Jahren wurde ich so richtig integriert. Dann ging auch das Fotografieren viel leichter, weil ich einen persönlichen Zugang zu den Menschen hatte. Je länger ich dort war, desto mehr Nähe ist entstanden. So konnte ich ganz andere Bilder machen, als wenn ich als Pressefotograf nur für ein paar Tage dort gewesen wäre.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie mit den Menschen in Kontakt gekommen?

Bergauer: Am Anfang bin ich zum Dorfbürgermeister gegangen und habe ihm erklärt, dass ich fotografiere, damit die Außenwelt mitbekommt, dass es das Dorf überhaupt gibt. Dann habe ich versucht, mich mit den Menschen anzufreunden. Ich war bei den Dorffesten dabei, habe mit ihnen getanzt, habe die Sprache ein wenig gelernt und mit den Jugendlichen Fußball gespielt. Ich habe alles gemacht, was die Leute dort auch machen. Ich habe mich also sehr angepasst. Irgendwann haben sie mich dann nicht mehr Toubab genannt, was abwertend 'Weißer' bedeutet, sondern mit Joachim angesprochen. Und mittlerweile ist das Dorf zu meiner zweiten Heimat geworden.



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