Senioren als Villenbesetzer in Berlin: Altes Haus

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Bis zu 50 Senioren haben eine Villa in Berlin-Pankow besetzt. Sie wollen verhindern, dass ihre Begegnungsstätte vom Bezirk geschlossen wird. Im Interview berichtet Besetzerin Doris Syrbe, 72, von harten Nächten und der großen Solidarität mit den alten Protestlern.

Seniorenaufstand: "Dieses Haus ist besetzt" Fotos
dapd

Hamburg - Der Aufstand läuft jetzt schon fast eine Woche. Weil ihre Begegnungsstätte geschlossen werden soll, hat eine Gruppe Senioren eine Villa im Berliner Bezirk Pankow besetzt.

Das Haus dient als Freizeittreff für etwa 300 Menschen zwischen 65 und 96 Jahren. Sie spielen dort Schach und Canasta, machen Gymnastik, besuchen Malkurse. Trotz monatelanger Proteste hat der Bezirk Pankow beschlossen, die Begegnungsstätte zu schließen. Die Villa müsste aufwendig saniert werden, die Kosten von mehr als zwei Millionen Euro könne man nicht aufbringen, heißt es.

Das Haus soll verkauft werden, die einzelnen Kurse sollen auf andere Räumlichkeiten ausweichen. Damit waren die Senioren nicht einverstanden und besetzten am vergangenen Freitag das Haus. Sie wollen ihre Begegnungsstätte erhalten. "Wir bleiben alle" steht auf ihren Postern und Bannern.

Nun ist ordentlich was los in dem Haus, Adresse: "Stille Straße". Ein Anruf am Vormittag: Ob ein kurzes Telefon-Interview möglich wäre? "Puh...", sagt eine nette ältere Dame, "ich schaue mal, wann wir einen Termin haben. 12... 12.30 ..., passt es Ihnen um 15 Uhr?"

Am Nachmittag steht dann Doris Syrbe Rede und Antwort, 72 Jahre alt, sie lebte in der DDR und ist heute die Vorsitzende des Seniorenvereins. Laut Syrbe verbringen derzeit sieben Senioren die Nächte in der Villa. "Ich bin dabei wahrscheinlich die Jüngste und die Mutigste", sagt sie im Interview. Insgesamt gebe es etwa 40 bis 50 Besetzer im Alter von 75 bis 80 Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Frau Syrbe, wie haben Sie letzte Nacht geschlafen?

Syrbe: Na ja, wie man halt auf einer Campingliege aus Plastik schläft. Ich habe eine, die ist richtig hart, auf der liegt es sich nicht gut. Ich denke mal, wenn die Aktion vorbei ist, werden wohl einige blaue Flecke da sein. Aber wir haben uns dazu entschlossen, und jetzt machen wir es auch so.

SPIEGEL ONLINE: Es geht Ihnen doch hoffentlich gut?

Syrbe: Ja, wir sind frohen Mutes - und alle, die kommen, machen uns Mut. Wir haben auch weitere Leute gefunden, die uns in der Nacht mal ablösen. Die Aktion wird immer größer.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht der Alltag in der besetzten Villa aus?

Syrbe: Wir stehen um halb sieben auf, frühstücken, und anschließend geht der Betrieb los. Dann kommen viele Journalisten, Besucher, Vertreter der Parteien, die sich für uns interessieren. Sogar Leute aus Hildesheim und Hannover waren hier. Es ist sagenhaft.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt auch anstrengend.

Syrbe: Es ist stressig! Wir bewundern uns selber dafür, wie viel Kraft wir in unserem Alter noch aufbringen. Aber die Alten von heute sind nicht die Alten von vor 30 Jahren. Also wir haben noch ein bisschen Power.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen die schönen Momente im Haus aus?

Syrbe: Heute haben wir mal wieder Kaffee getrunken, weil wir einen Kuchen von einem Besucher bekommen haben. Und abends machen wir es uns auch ein bisschen gemütlich. Wir haben einen Fernseher und dank eines Sponsors neuerdings auch Internet. Besser können wir es gar nicht haben.

SPIEGEL ONLINE: Kriegen Sie viel Unterstützung?

Syrbe: Sie glauben gar nicht, was wir an Solidarität erhalten. Es kommen Schulklassen, Nachbarn, Leute, die einfach auf der Straße vorbei gehen. Unser Kühlschrank reicht fast gar nicht mehr. Die Leute bringen Obst, Erdbeeren, Kirschen, der Besitzer einer Gaststätte hat uns schon zweimal Eintopf serviert. Es gibt auch Jugendliche, die selbstgebackenen Kuchen bringen.

SPIEGEL ONLINE: Selbstgebackenen Kuchen von Jugendlichen? So etwas gibt's noch?

Syrbe: Ja, das waren drei junge Burschen, 16 Jahre alt.

SPIEGEL ONLINE: Gehen Sie sich im Haus auch mal auf den Geist?

Syrbe: Wenn so viele Menschen auf einem Haufen sind, kann das schon passieren. Aber dann schicken wir denjenigen in den Garten, und dann erholt er sich, und dann geht es weiter.

SPIEGEL ONLINE: Heute war auch von einem kleinen Zwischenfall zu lesen. Ein Hausmeister erlitt nach einem Handgemenge mit einem Ihrer jungen Sympathisanten eine Schramme am Daumen. "Erster Verletzter im Rentner-Protestcamp" stand in der "Bild"-Zeitung.

Syrbe: Nach meinem Empfinden hätte das überhaupt nicht in die Presse gehört. Da gab es ein bisschen Rangelei, aber wirklich nicht der Rede wert. Der Hausmeister hat einen kleinen Riss am Finger gehabt. Hoffentlich macht er nicht sechs Wochen krank.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben ja Ihren Humor nicht verloren!

Syrbe: Naja, in dem Moment war es nicht so amüsant, aber jetzt können wir mittlerweile drüber lachen. Wir lernen ja auch mit jedem Tag ein bisschen mehr.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll es nun weitergehen?

Syrbe: Es wird sich schon ein Möglichkeit finden, mit dem Bezirk ins Gespräch zu kommen. Vielleicht finden wir dann auch einen Kompromiss. Wir wollen zusammenbleiben, das ist unser Ziel. Wo, ist egal.

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