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Sex mit minderjährigen Schülern: Russen fordern Freilassung von US-Lehrerin

Von , Moskau

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Online-Petition: "Sie hat den Jungs doch geholfen"

Eine US-Lehrerin muss wegen Sex mit ihren Schülern für 22 Jahre ins Gefängnis. In Russland sorgt das für einen überraschenden Aufschrei: In einer Petition fordern 50.000 Menschen die Freilassung der 30-Jährigen.

Im Gerichtssaal weinte sie und bat um ein mildes Urteil. Doch ihre Tränen waren vergebens. Ein Gericht in Florida hat die 30-jährige Highschool-Lehrerin Jennifer F. vergangene Woche zu 22 Jahren Haft verurteilt - wegen Vergewaltigung von Minderjährigen.

Jennifer F. hat über Monate mit drei Schülern Sex gehabt, zwei davon waren 17 Jahre alt. Die illegalen Liebschaften liefen unbehelligt, bis die Mutter eines Jungen auf freizügige SMS in seinem Handy stieß und die Polizei alarmierte.

Die inzwischen gefeuerte Lehrerin hatte erst auf unschuldig plädiert, weil sie mit ihren Schülern nicht gegen ihren Willen geschlafen habe, doch der Richter ließ das nicht gelten. Wer in den USA Sex mit Minderjährigen hat, muss mit einer Anklage wegen Vergewaltigung rechnen. Jennifer F. bekannte sich schließlich schuldig. "Ich wünschte, ich könnte das, was ich tat, ungeschehen machen", sagte sie vor Gericht.

Russen halten F. für unschuldig

Nun erfährt sie überraschend Sympathie aus Russland. Dort organisieren sich in den sozialen Medien die Unterstützer der 30-Jährigen.

Sie sehen in den vermeintlich freiwilligen sexuellen Beziehungen zwischen Schülern und Lehrern keine Straftat. Manchen gilt die Haftstrafe sogar als ein Beleg für die moralische Verkommenheit der Amerikaner. "Bei denen dürfen Schwule heiraten, aber Sex unter geschlechtsreifen Heterosexuellen ist verboten", twitterte eine Nutzerin.

Vor einer Woche startete auf der Petitionsplattform change.org ein Aufruf zur Haftentlassung von Jennifer F. Eingeleitet wird es mit einer Bildmontage: Sie ist mit einem Heiligenschein zu sehen. Inzwischen haben mehr als 53.000 Menschen die Petition unterzeichnet. "Ich hätte als Schüler alles dafür gegeben, damit mir so etwas passiert", kommentiert ein Unterzeichner. "Sie hat den Jungs doch geholfen", schreibt ein anderer.

Im Petitionstext heißt es, F. habe "drei geschlechtsreife Schüler ins Erwachsenenleben eingeführt". Sie habe bloß "glücklich sein" wollen, mit einem "geliebten Menschen an ihrer Seite, selbst wenn er jünger sei als sie" - schließlich hätten die minderjährigen Schüler "aus eigenem Antrieb mit ihr sein wollen". Die Unterzeichner fordern ein "Ende der legislativen Willkür in den USA" und die "Annullierung des Urteils".

Die Ex-Lehrerin hat auch prominente Unterstützer

Aus der Petition spricht eine Haltung, die durchaus verbreitet ist. Für F. haben sich nicht nur anonyme Internetnutzer ausgesprochen, sondern auch einige Prominente wie der bekannte Moskauer Künstler Andrej Bilscho, der bei den minderjährigen Sexpartnern keinen Schaden erkennen kann.

"Hat die Lehrerin sie denn fürs Leben traumatisiert?", fragt Bilscho in seinem Blog. Und ob es besser gewesen wäre, wenn die jungen Männer "in irgendwelchen verlassenen Häusern mit verpickelten gleichaltrigen Mädchen" verkehrt hätten?

"Eine Lehrerin muss in allem eine Lehrerin sein", schreibt er weiter. "Und sie war es." Nun stecke man sie wie eine Mörderin für 22 Jahre ins Gefängnis.

Solche Aussagen rufen in Russland keinen Aufschrei hervor - der Grund ist Chauvinismus, meint Anton Sorin, ein Moskauer Kinderpsychologe. "Die Russen sehen den Mann immer als den aktiveren Partner - aus ihrer Sicht ist es der Mann, der sexuelle Beziehungen einleitet und immer eine Wahl hat."

Gegen den Willen eines Mannes? Unvorstellbar

Dem liegt der Glaube zugrunde, der Mann habe stets die Macht über die Frau. Dass eine Frau gegen den Willen des Mannes mit ihm Sex haben kann, ist für viele Russen unvorstellbar.

"Wenn ein Mann mit einer Minderjährigen Sex hat, ist das aus Sicht der Gesellschaft ekelhaft. Aber wenn es eine Frau mit einem minderjährigen Jungen tut, ist sie bloß einsam oder hat eben andere Gründe - immer wird angenommen, der männlicher Partner hätte nichts dagegen gehabt, oder es sogar genossen", sagt Sorin. Dabei sollte der Täter oder die Täterin immer verantwortlich sein, "unabhängig von dem Altersunterschied zum Opfer", betont Sorin.

Die Unterstützer von Jennifer F. werden nicht nur von Psychologen kritisiert, auch Feministinnen melden sich zu Wort - und schlagen den Bogen vom Einzelfall zum alltäglichen Sexismus.

Die feministische Publizistin und Bloggerin Bella Rapoport kritisiert das Klischee vom "triebgesteuerten" Mann. "Es ist gefährlich, anzunehmen, dass jeder Mann unter allen Umständen froh sein muss, mit einer schönen Frau zu schlafen", sagt Rapoport. "Unterschiedliche Männer haben unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse und Wünsche. Wenn man so tut, als wollten sie alle dasselbe und müssten es unbedingt haben, werden Frauen am Ende zu Opfern."

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