Sexueller Missbrauch Bergmann fordert freiwillige Entschädigungen

2000 Briefe, 13.000 Anrufe: Mehr als ein Jahr lang hat sich  die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung mit Tausenden Schicksalen befasst. Nun hat Christine Bergmann ihren Abschlussbericht veröffentlicht und finanzielle Hilfen für die Opfer angeregt. Die Entscheidung aber treffen andere.

Beauftragte Bergmann: "Wir haben unser Bestes getan"
dapd

Beauftragte Bergmann: "Wir haben unser Bestes getan"

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Hamburg - Christine Bergmann war von Anfang an so etwas wie das Vorzimmer der eigentlichen Entscheidung: Sie stand in Kontakt zu den Betroffenen, erhielt in nur 14 Monaten 2000 Briefe und 13.000 Anrufe. Man könnte auch sagen, Christine Bergmann, unter Bundeskanzler Gerhard Schröder einst Ministerin für "Gedöns", war die Frau für die Basisarbeit.

Als im Frühjahr 2010 eine ganze Welle von Missbrauchsfällen bekannt wurde - am Canisius-Kolleg, im Kloster Ettal, in Sportvereinen, an der Odenwaldschule - war die Regierung bemüht, der Ohnmacht der Institutionen Aktionismus entgegegenzusetzen. Familienministerin Kristina Schröder bat Bergmann, als unabhängige Beauftragte zu fungieren. Die gelernte Pharmazeutin stimmte zu.

Die Bezeichnung ihrer neuen Tätigkeit war denkbar sperrig: Bergmann war fortan unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs. An diesem Dienstag hat sie ihren Abschlussbericht in Berlin vorgestellt. Allein: Bergmann kann nur Empfehlungen geben, entscheiden kann sie nicht.

Die SPD-Frau verstand den Job von Anfang an weniger als Aushängeschild der Regierung - vielmehr packte sie an. Akquirierte Gelder, stellte Fachleute ein, gab Studien in Auftrag. Bergmann war umtriebig. Sie startete eine Hotline, entwickelte eine Kampagne, um das Thema in der Öffentlichkeit zu halten - auch als die Fälle aus dem Canisius-Kolleg und den vielen anderen Einrichtungen wieder drohten, in Vergessenheit zu geraten.

"Was ich lese übersteigt mein Vorstellungsvermögen"

Bergmann hat alle Briefe persönlich gelesen, an der Hotline arbeiteten Psychologen, Sozialpädagogen, Mediziner. Die Hälfte aller Menschen, die sich an Bergmann und ihr Team wandten, haben zum ersten Mal überhaupt über den Missbrauch gesprochen. Die meisten der Anrufer und Schreiber waren zwischen 50 und 60 Jahre alt, der Missbrauch lag oft Jahrzehnte zurück. Als Täter wurden überwiegend Männer genannt. Die Altersspanne der Anrufer reichte von sechs bis 89 Jahren. 60 Prozent der Anrufer waren Frauen. Soweit die Zahlen.

Die Opfer berichteten von Übergriffen durch Pfarrer, in Beichtstühlen, während Freizeiten; viele beschrieben den Missbrauch innerhalb der eigenen Familie. Bergmann hat viel erfahren über die Situation der Opfer, über ihre Ohnmachtsgefühle, Ängste - und vor allem über das Misstrauen, auf das sie immer wieder stießen.

Ärzte, Erzieher, Eltern, sie alle schenkten den Kindern keinen Glauben. "Was ich lese übersteigt mein Vorstellungsvermögen", sagte Bergmann im Sommer 2010 in einem Interview.

Die Mitarbeiter der Hotline haben die Anrufer gefragt, was ihr Anliegen an die Politik sei. Aus den Erfahrungen und den Schilderungen wurden konkrete Handlungsempfehlungen abgeleitet.

Schwierig gestaltete sich demnach die Übernahme der Therapiekosten - vor allem, wenn ein Opfer dauerhaft Hilfe benötigte oder Angebote mehrfach abgebrochen wurden. Bergmann rät daher, die Betroffenen bei der Finanzierung der Therapien zu unterstützen - sofern keine andere Institution, also beispielsweise die Kirche, für die Kosten aufkommt. Hat die sexuelle Gewalt im Rahmen der Familie stattgefunden, soll der Bund die Therapiekosten tragen. Bergmann hat in der Vergangenheit immer wieder betont, wie wichtig ihr die Gerechtigkeit ist - alle Opfer sollen den gleichen Anspruch auf Zuwendungen bekommen. Ein unabhängiges Gremium soll möglichst unbürokratisch über die Anträge entscheiden.

Männer und Frauen, die Opfer sexuellen Missbrauchs in Institutionen wurden, sollen Entschädigungen erhalten, Bergmann spricht von einer "angemessenen Anerkennenssumme". Die Richtschnur: Die Höhe des Schmerzensgeldes, das die Betroffenen erhalten hätten, wären sie rechtzeitig vor Gericht gezogen. Die Zahlungen können laut Schmerzensgeldtabelle sowohl 1500 als auch 50.000 Euro betragen. Allerdings sollen die Institutionen die Entschädigung auf freiwilliger Basis zahlen. Ob dies geschieht, ist mehr als fraglich. So hat sich die Odenwaldschule über die Frage nach Entschädigungen völlig zerstritten, bis heute ist man sich uneins.

Niemand weiß, ob die Ideen je umgesetzt werden

Die Kirche hat angeboten, minderjährigen Opfern pauschal 5000 Euro zu zahlen - sofern die Betroffenen persönliche Details offenlegen. Zudem will sie bei akutem Bedarf Kosten für eine Psychotherapie oder Paarberatung übernehmen. In besonders schweren Fällen ist die Kirche zu zusätzlichen Leistungen bereit. Opfervertreter haben diese Beträge aber als viel zu niedrig kritisiert.

Bergmann regt an, dass sowohl Therapiekosten als auch Entschädigungen für bereits verjährte Fälle gezahlt werden.

Durch eine Reform des sogenannten Opferentschädigungsgesetzes will Bergmann erreichen, dass auch länger zurückliegende Fälle mit einbezogen werden können. Bislang galt die Regel: Betroffene aus den alten Ländern konnten nur Unterstützung erhalten, wenn der Missbrauch frühestens 1976 begann. Für die neuen Bundesländer galt die Regel ab 1990. Nun soll das Gesetz auch für weiter zurückliegende Fälle gelten.

Bergmann will den Opfern mehr Zeit geben, um über eine Anzeige zu entscheiden. Eine Verjährungsfrist von 30 Jahren soll erst mit Vollendung des 21. Lebensjahres beginnen. Auch im Strafrecht soll diese Frist gelten.

Die Anlaufstelle soll - anders als bislang geplant - nicht im Herbst dieses Jahres geschlossen werden, sondern auch darüber hinaus für die Betroffenen zur Verfügung stehen.

Aber Bergmann kann nur zuhören, Empfehlungen aussprechen - entscheiden kann sie nichts. Ihre Ideen wandern jetzt an den Runden Tisch. Das Gremium besteht aus Politikern, Kirchenvertretern, Verbänden und soll bis Ende des Jahres arbeiten. Das letzte Wort hat schließlich die Politik.

Noch hat Finanzminister Wolfgang Schäuble sich nicht zu einem möglichen finanziellen Beitrag des Bundes geäußert. "Wir haben unser Bestes getan, aber es müssen noch sehr viele ihr Bestes tun, damit wir mit dem Thema weiterkommen", sagte Bergmann.

Mit Material von dpa

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