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Sexueller Missbrauch durch Priester: Katholische Kirche öffnet Personalakten

Die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche in Deutschland hat durch die Missbrauchsfälle schwer gelitten. Nun geben die Bischöfe eine in Europa beispiellose Untersuchung in Auftrag: Eine externe Einrichtung fahndet nach Verdachtsfällen - und bekommt nach SPIEGEL-Informationen Zugriff auf sämtliche Personalakten.

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dpa

Katholische Bischöfe: Licht ins Dunkel der Missbrauchsfälle bringen

Hamburg - Die Devise lautete lange Zeit: abschotten. Bei einem Verdachtsfall wurde kirchenintern ermittelt, Opfer wurden intern betreut. Staatsanwaltschaft? Fehlanzeige. Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) legte sich mit der katholischen Kirche an, als sie eine generelle und sofortige Einschaltung der Staatsanwaltschaft forderte - bei jedem Verdachtsfall. Der Vorstoß ging ins Leere.

Bisher gibt es daher keine unabhängige Erfassung der Missbrauchsfälle, die sich in den Reihen der katholischen Kirche ereignet haben. Das soll sich nun ändern: Mit einer in Europa beispiellosen Untersuchung zum sexuellen Missbrauch durch Geistliche und Ordensleute will die katholische Kirche verlorene Glaubwürdigkeit zurückgewinnen. Nach SPIEGEL-Informationen werden die Bischöfe dazu dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) in allen 27 Diözesen Zugriff auf sämtliche Personalakten der vergangenen zehn Jahre gewähren, zusätzlich in neun der 27 Bistümer sogar bis ins Jahr 1945 zurück.

Einen einstimmigen Beschluss dazu fasste die Deutsche Bischofskonferenz bereits am 20. Juni. Kirchenmitarbeiter werden unter Aufsicht eines KFN-Teams, bestehend aus pensionierten Staatsanwälten und Richtern, die Akten auf Hinweise zu sexuellen Übergriffen durchsuchen.

In einem zweiten Schritt soll das KFN-Team die Verdachtsakten auswerten. Vorgesehen ist, allen noch erreichbaren Opfern einen Fragebogen auszuhändigen, in dem sie Angaben zu dem Vorfall machen können.

In einer zweiten Runde sind bei Interesse auch noch ausführliche Interviews geplant - ebenso mit Tätern, die dazu bereit sind. Mit der Studie will die Bischofskonferenz ermitteln, unter welchen Umständen es zu den Taten gekommen ist, wie die Kirche damit in der Vergangenheit umgegangen ist und welche Schlüsse sich ziehen lassen, um neue Fälle zu verhindern.

In einer weiteren Studie wird eine Psychiatergruppe um den bekannten Essener Gerichtsgutachter Norbert Leygraf eine Auswertung von rund 50 Fällen vorlegen, in denen Priester und Ordensleute unter dem Verdacht des sexuellen Missbrauchs vor Gericht standen und dafür psychiatrisch untersucht wurden. Die deutschen Bischöfe wollen die Details der auf drei Jahre angelegten Untersuchung in dieser Woche vorstellen und äußerten sich daher vorab nicht zu den Inhalten.

Allerdings steht schon jetzt fest, dass die Arbeit mitunter schwierig werden dürfte: So wurde im Dezember 2010 bekannt, dass die Kirche Missbrauchsfälle offenbar systematisch vertuschte. Rechtsanwältin Marion Westphal hatte die Missbrauchsfälle der Jahre 1945 bis 2009 im Bistum München und Freising untersucht. Sie kam zu dem Schluss: "Wir haben es mit umfangreichen Aktenvernichtungsaktionen zu tun."

Statt an das Leid der Opfer zu denken, hätten viele Kirchenmitarbeiter in erster Linie einen Skandal vermeiden wollen. Zum Teil seien Akten in Privatwohnungen weggebracht worden, zum Teil seien sie im Ordinariat für Unbefugte zugänglich gewesen. Als problematisch stellte sich auch heraus, dass in den Kirchenakten Sexualdelikte in völlig verharmlosender Sprache erwähnt wurden.

han

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 279 Beiträge
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1. "In vino veritas."
gaga007 09.07.2011
Nun, die evangelische Kirche hat Frau Käßmann - die katholische Kirche eine neue Kommission. "In vino veritas."
2. Das hört sich entgegenkommend an,
nimue11 09.07.2011
Zitat von sysopDie Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche in Deutschland hat durch die Missbrauchsfälle schwer gelitten. Nun geben die Bischöfe eine in Europa beispiellose Untersuchung in Auftrag: Eine externe Einrichtung fahndet nach Verdachtsfällen - und bekommt nach SPIEGEL-Informationen Zugriff auf sämtliche Personalakten. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,773423,00.html
... aber was bringt es denn, wenn vorher weitgehend Akten vernichtet wurden? Wieso kommt diese private Vereinigung eigentlich dazu, sich immer noch für eine Macht im Staate zu halten, die unsere Rechtsprechung zumindest höflich umschlängeln kann? Das sollte sich mal irgendeine Sekte leisten. Und falls jemand hier eine Ausnahme aufgrund historischer Berechtigung vermutet, dann müssen wir neben den Verdiensten auch die Verbrechen der Kirche betrachten. Beides ist heute irrelevant - die Ausnahmebehandlung allerdings auch. Ich werde richtig gallig darüber, dass man dort glaubt, reinen Gewissens die Dinge unter sich regeln zu können. Das ist ja richtig mafiös.
3. DatenschutzGAU?
tsuggitschuggi 09.07.2011
---Zitat--- Eine externe Einrichtung fahndet nach Verdachtsfällen - und bekommt nach SPIEGEL-Informationen Zugriff auf sämtliche Personalakten. ---Zitatende--- Ist das erlaubt? Wo bleibt der Datenschutz?
4. Ach du liebe Zeit ....
unterländer 09.07.2011
Zitat von nimue11... aber was bringt es denn, wenn vorher weitgehend Akten vernichtet wurden? Wieso kommt diese private Vereinigung eigentlich dazu, sich immer noch für eine Macht im Staate zu halten, die unsere Rechtsprechung zumindest höflich umschlängeln kann? Das sollte sich mal irgendeine Sekte leisten. Und falls jemand hier eine Ausnahme aufgrund historischer Berechtigung vermutet, dann müssen wir neben den Verdiensten auch die Verbrechen der Kirche betrachten. Beides ist heute irrelevant - die Ausnahmebehandlung allerdings auch. Ich werde richtig gallig darüber, dass man dort glaubt, reinen Gewissens die Dinge unter sich regeln zu können. Das ist ja richtig mafiös.
Text gelesen, oder nur die Überschrift?
5. Externe Einrichtung?
Markus Heid, 09.07.2011
Zitat von sysopDie Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche in Deutschland hat durch die Missbrauchsfälle schwer gelitten. Nun geben die Bischöfe eine in Europa beispiellose Untersuchung in Auftrag: Eine externe Einrichtung fahndet nach Verdachtsfällen - und bekommt nach SPIEGEL-Informationen Zugriff auf sämtliche Personalakten. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,773423,00.html
Sinde diese "externe Einrichtungen" die zuständigen staatlichen Strafverfolgungsbehörden? Wenn nein, dann ist dass reines Kasperlestheater
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