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Sexueller Missbrauch in der Kirche "Ich verwalte meinen Körper nur noch"

2. Teil: Die Wahrheit war eine Todsünde - die Lüge sowieso

Seine Munition ist abgeheftet in zwei Leitzordnern. Eine Handakte Leben, sein Wesen gepresst in schreibmaschinengetippte Notizen. Er sei ein "Halbstarker" steht dort, am Tisch "zügellos", "derb" in seinen Ausdrücken, manchmal "spitzbübisch" und "schelmhaft", häufig "frech", irgendwann dann "untragbar für die ausschließlich weiblichen Erzieherinnen" im Vinzenzwerk, heißt es in den Vermerken.

Es folgte, was O. seine "Deportation" nennt: Eines morgens wurde er geweckt, eine Fahrt "ins Blaue" versprachen die Nonnen dem Zwölfjährigen. Sie setzten ihn auf die Rückbank des grauen VW Käfer, neben ihn eine Rama-Margarine-Kiste mit Sonntagsschuhen, Werktagsschuhen, zwei Unterhemden, zwei Unterhosen, drei Paar Strümpfen und drei Taschentüchern. Was er besaß, passte in diese Kiste, nicht viel größer als ein Schuhkarton. Man brachte ihn ins Salvator-Kolleg in der Nähe von Paderborn. Zeit, sich von seinen Freunden zu verabschieden, hatte er nicht, Briefe der Mutter belegen, dass auch sie monatelang nicht wusste, wo ihr Sohn lebte.

O. blättert in seiner Akte, er zitiert die Passagen, die beschreiben, wie er sich benehme, wer er sei. "Wenn man das liest, hat man das Gefühl, ich sei fünf Menschen in einem." Die Notizen spiegeln die Ambivalenz der Nonnen - Zuneigung und Hass trennen nur wenige Zeilen. Jeder kleinste Fehltritt rechtfertigte Schläge, Demütigungen, Erniedrigungen.

Nicht selten wurden die Gewaltexzesse durch Fragen erst provoziert. "Hast du schon einmal deinen Pillemann angefasst?", fragte die Klassenlehrerin bei einer Beicht-Simulation in Vorbereitung auf die Erstkommunion. O., der Halbstarke, traute sich nicht, die Unwahrheit zu sagen. Auf sein "Ja" folgten Schläge mit dem eisernen Lineal auf die Fingergelenke. Als er am nächsten Tag wegen der stark geschwollenen Hände nicht essen konnte, folgten weitere Repressalien.

Es war eine Kindheit, in der man nur verlieren konnte, nur die Wahl hatte zwischen falsch und falsch. Die Wahrheit war eine Todsünde und die Lüge war es sowieso.

Sadismus und Erniedrigung statt Nächstenliebe

O. berichtet von einer Nonne, die mit ihm Karussell spielte: Am ausgestreckten Arm ließ sie den Jungen um sich herum laufen, sie drehte sich in der Mitte mit. Während der kleine Eckhard Runde um Runde an der linken Hand der Nonne drehte, prügelte sie ihn mit dem Wanderstock, den sie in der rechten Hand hielt. Lief der Junge nicht schnell genug, hagelte es Dresche. Er rannte nie schnell genug.

Nie wird er diesen Wanderstock vergessen: Nussbaumholz, handgeschnitzt, das Wort "Eifel" eingeritzt. Die Wunden von damals sind die Narben von heute, eine prangt auf seinem Rücken, so lang wie ein Stift. Der Stock der Nonne hatte das Fleisch aufgeschlitzt, es hätte eigentlich genäht werden müssen, doch es wurde nur notdürftig mit einem Pflaster verklebt. Die Zeit heilt alle Wunden.

Auch die Leiterinnen der anderen Gruppen überließen die Züchtigung der Kinder dieser Nonne. Am Ende der Prozedur war sie immer schweißgebadet. "Sie hatte fast eine sadistische Freude", sagt O. heute. Als O. die Ordensfrau vor wenigen Monaten mit den Vorwürfen konfrontierte, sagte sie nichts. Nur: Sie könne sich nicht erinnern.

"Sie können sicher sein, dass sich die katholische Kirche mit aller Kraft für größtmögliche Transparenz bezüglich der Heimerziehung in Deutschland in der Nachkriegszeit einsetzt", heißt es in einem Antwortschreiben der Deutschen Bischofskonferenz auf einen seiner Briefe.

Wer bei den zuständigen Stellen nachfragt, erfährt sie kaum, diese versprochenen Transparenz. Man ist genervt, nicht zuständig, nicht informiert, nicht interessiert. Die jetzige Leiterin des Vinzenzwerks, Schwester Mechthild, bestätigt, dass O. nicht der einzige ist, der von sexuellem Missbrauch in dem Heim berichtet. In den sechziger Jahren seien die "Vorfälle gemeinsam mit dem Bistum bearbeitet worden". Mehr sagt die Ordensfrau nicht. Sie wisse nicht, was sie weiter sagen dürfe - und verweist auf das Bistum. Dessen Sprecher sagt, von solchen Vorfällen sei ihm nichts bekannt.

"Nicht zugeben, nicht zulassen, nicht erinnern", sagt O.

Der Runde Tisch Heimerziehung kämpft für die Opfer um eine Entschädigung. Von 25 Milliarden Euro ist die Rede. O. würden 600 Euro reichen, so viel kostet die Reparatur seines 27 Jahre alten Wohnmobils. Ein paar hundert Euro und er wäre wieder frei, wieder auf der Straße und unterwegs, auf der Flucht vor der Erinnerung.

*Der Klarname ist der Redaktion bekannt

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insgesamt 107 Beiträge
norman.e 25.02.2010
Klingt vielleicht unmachbar, denn, wo sollen die Kinder denn hin? Es gibt Tausende Ehepaare, die sich sehnlichst ein Kind wünschen, aber nicht die Adoptionsämter überzeugen können. Wäre es dem Herrn O. bei einer [...]
Klingt vielleicht unmachbar, denn, wo sollen die Kinder denn hin? Es gibt Tausende Ehepaare, die sich sehnlichst ein Kind wünschen, aber nicht die Adoptionsämter überzeugen können. Wäre es dem Herrn O. bei einer alleinerziehenden Mutter, die wenig Geld hat, dafür aber echte Liebe, schlechter ergangen? Die Kirche hätte die junge Mutter untestützen müssen, nicht ihr das Kind entreißen. Katholische Priester, die sich dem Zölibat verschreiben, sind sexuell entartet. Das Ziel eines jeden Menschen ist die Fortpflanzung. Man kann seinem biologischen Trieb nicht entkommen und wenn man nur kleine Jungs zur Hand hat... das sind hausgemachte Probleme der katholischen Kirche.
ronre 25.02.2010
Das größte Problem liegt meiner Meinung darin, dass keine Frauen als Priester zugelassen werden. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass alle deutschen Hochschulen, an der katholische Theologie gelehrt wird inoffizielle Treffpunkte [...]
Das größte Problem liegt meiner Meinung darin, dass keine Frauen als Priester zugelassen werden. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass alle deutschen Hochschulen, an der katholische Theologie gelehrt wird inoffizielle Treffpunkte für Schwule sind. Keinesfalls darf man Schwulsein mit Kindesmissbrauch vergleichen. Aber wenn ich nun mal schwul bin und Gleichgesinnte suche, dann ist das die allereinfachste Anlaufstelle durch solch ein Studium meine Fantasien auszuleben. Und wenn ich dann nachher im Priesteramt bin, dann habe ich meine Messdiener usw.. Der nächst höhere ist auch schwul und deckt mich und so geht das weiter bis ganz nach oben. Ich denke einfach, wenn auch Frauen als Priester zugelassen würden, dann würde sich das Problem von selbst egalisieren, aber so wird man das nie in den Griff bekommen. Und wo ein solches System einmal existiert ist es auch schwer es zu lösen, das ist wie bei der Stasi.
Hubert Rudnick 25.02.2010
Wenn man das liest kann einem dabei schlecht werden, aber was man mit diesem Jungen gemacht hat, ist doch nur auf die konservative Erziehung der Kinder zurückzuführen. Kinder hatten in der Vergangenheit nichts zu melden gehabt, [...]
Zitat von sysopEr wurde von einem Priester gezeugt und wuchs in katholischen Erziehungsheimen auf: Statt christlicher Werte prägten Schläge und sexueller Missbrauch den Alltag von Eckhard O. Mal vergriffen sich Geistliche an dem Jungen, mal Angestellte der Kirche - und bis heute schweigen sie dazu. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,679894,00.html
Wenn man das liest kann einem dabei schlecht werden, aber was man mit diesem Jungen gemacht hat, ist doch nur auf die konservative Erziehung der Kinder zurückzuführen. Kinder hatten in der Vergangenheit nichts zu melden gehabt, Erwachsene hatten in jeder Hinsicht Recht und so hat man dann auch immer alles schnelle als kindliche Fantasie abgetan. Aber das ist doch kein Einzelbeispiel, sondern es war früher Gang und Gebe. Auch der Missbrauch an Kindern(Jungen) hat früher in allen Bereichen der Gesellschaft stattgefunden und bis heute will keiner was davon wissen. Es kommt nun was aus den kirchlichen Kinderheimen zum Vorschein, aber wenn man richtig nachforschen würde, dann könnten sehr viele ehemaligen Kinder aus der damaligen Zeit so etwas erzählen. Schlimm ist für mich, dass Menschen, die auch nichts damit zu tun hatten nach wie vor alles unter der Decke der Verschwiegenheit verbergen wollen, man möchte die Vergangeheit ruhen lassen, es tut eben weh und das Ansehen wird beschmutzt, aber dabei haben doch die damaligen Erwachsenen das Ansehen selbst beschmutzt. Und gerade die verlogene Moralvorstellung der Konservativen hatte solche widerwärtigen Dingen doch erst recht gefördet. Menschen wollen immer schnell Kleinigkeiten, wie einen Taschenraub, Schwarzfahrer, oder wenn einer mit 1,5 Promille am Lenkrad erwischt wird an die große Glocke bringen, aber wirklich widerliche Taten wollen sie verbergen, so ist nun mal unsere Gesellschaft.
Streitaxt 25.02.2010
Wenn die kath. Kirche die Probleme nicht bei Namen nennen will und weiterhin behauptet das seien bedauerliche Einzelfälle, dann werden der Kirche die jungen Familien weglaufen. Ich werde meine Tochter nicht auf Freizeiten etc. [...]
Zitat von sysopEr wurde von einem Priester gezeugt und wuchs in katholischen Erziehungsheimen auf: Statt christlicher Werte prägten Schläge und sexueller Missbrauch den Alltag von Eckhard O. Mal vergriffen sich Geistliche an dem Jungen, mal Angestellte der Kirche - und bis heute schweigen sie dazu. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,679894,00.html
Wenn die kath. Kirche die Probleme nicht bei Namen nennen will und weiterhin behauptet das seien bedauerliche Einzelfälle, dann werden der Kirche die jungen Familien weglaufen. Ich werde meine Tochter nicht auf Freizeiten etc. schicken, wenn die Kirche nicht erkennt, dass dies das Ergebnis eines Irrwegs ist. Der Irrweg heißt: Zölibat.
Klo 25.02.2010
Es ist erschütternd. Das Buch sollte zur Pflichtlektüre in der Priesterausbildung werden. ES ist jetzt an der Zeit, diesen ekelerregenden Sumpf endlich ein für alle Mal trocken zu legen und die Verantwortlichen an den Pranger zu [...]
Zitat von sysopEr wurde von einem Priester gezeugt und wuchs in katholischen Erziehungsheimen auf: Statt christlicher Werte prägten Schläge und sexueller Missbrauch den Alltag von Eckhard O. Mal vergriffen sich Geistliche an dem Jungen, mal Angestellte der Kirche - und bis heute schweigen sie dazu. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,679894,00.html
Es ist erschütternd. Das Buch sollte zur Pflichtlektüre in der Priesterausbildung werden. ES ist jetzt an der Zeit, diesen ekelerregenden Sumpf endlich ein für alle Mal trocken zu legen und die Verantwortlichen an den Pranger zu stellen. Zu lange haben diese Leute geschwiegen. Wahre Chrsiten würden niemals jemandem derartiges Leid zufügen. Fast schämt man sich dafür, dass man zum "christlichen" Abendland gezählt wird.
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