Von Barbara Hans
Seine Munition ist abgeheftet in zwei Leitzordnern. Eine Handakte Leben, sein Wesen gepresst in schreibmaschinengetippte Notizen. Er sei ein "Halbstarker" steht dort, am Tisch "zügellos", "derb" in seinen Ausdrücken, manchmal "spitzbübisch" und "schelmhaft", häufig "frech", irgendwann dann "untragbar für die ausschließlich weiblichen Erzieherinnen" im Vinzenzwerk, heißt es in den Vermerken.
Es folgte, was O. seine "Deportation" nennt: Eines morgens wurde er geweckt, eine Fahrt "ins Blaue" versprachen die Nonnen dem Zwölfjährigen. Sie setzten ihn auf die Rückbank des grauen VW Käfer, neben ihn eine Rama-Margarine-Kiste mit Sonntagsschuhen, Werktagsschuhen, zwei Unterhemden, zwei Unterhosen, drei Paar Strümpfen und drei Taschentüchern. Was er besaß, passte in diese Kiste, nicht viel größer als ein Schuhkarton. Man brachte ihn ins Salvator-Kolleg in der Nähe von Paderborn. Zeit, sich von seinen Freunden zu verabschieden, hatte er nicht, Briefe der Mutter belegen, dass auch sie monatelang nicht wusste, wo ihr Sohn lebte.
O. blättert in seiner Akte, er zitiert die Passagen, die beschreiben, wie er sich benehme, wer er sei. "Wenn man das liest, hat man das Gefühl, ich sei fünf Menschen in einem." Die Notizen spiegeln die Ambivalenz der Nonnen - Zuneigung und Hass trennen nur wenige Zeilen. Jeder kleinste Fehltritt rechtfertigte Schläge, Demütigungen, Erniedrigungen.
Nicht selten wurden die Gewaltexzesse durch Fragen erst provoziert. "Hast du schon einmal deinen Pillemann angefasst?", fragte die Klassenlehrerin bei einer Beicht-Simulation in Vorbereitung auf die Erstkommunion. O., der Halbstarke, traute sich nicht, die Unwahrheit zu sagen. Auf sein "Ja" folgten Schläge mit dem eisernen Lineal auf die Fingergelenke. Als er am nächsten Tag wegen der stark geschwollenen Hände nicht essen konnte, folgten weitere Repressalien.
Es war eine Kindheit, in der man nur verlieren konnte, nur die Wahl hatte zwischen falsch und falsch. Die Wahrheit war eine Todsünde und die Lüge war es sowieso.
Sadismus und Erniedrigung statt Nächstenliebe
O. berichtet von einer Nonne, die mit ihm Karussell spielte: Am ausgestreckten Arm ließ sie den Jungen um sich herum laufen, sie drehte sich in der Mitte mit. Während der kleine Eckhard Runde um Runde an der linken Hand der Nonne drehte, prügelte sie ihn mit dem Wanderstock, den sie in der rechten Hand hielt. Lief der Junge nicht schnell genug, hagelte es Dresche. Er rannte nie schnell genug.
Nie wird er diesen Wanderstock vergessen: Nussbaumholz, handgeschnitzt, das Wort "Eifel" eingeritzt. Die Wunden von damals sind die Narben von heute, eine prangt auf seinem Rücken, so lang wie ein Stift. Der Stock der Nonne hatte das Fleisch aufgeschlitzt, es hätte eigentlich genäht werden müssen, doch es wurde nur notdürftig mit einem Pflaster verklebt. Die Zeit heilt alle Wunden.
Auch die Leiterinnen der anderen Gruppen überließen die Züchtigung der Kinder dieser Nonne. Am Ende der Prozedur war sie immer schweißgebadet. "Sie hatte fast eine sadistische Freude", sagt O. heute. Als O. die Ordensfrau vor wenigen Monaten mit den Vorwürfen konfrontierte, sagte sie nichts. Nur: Sie könne sich nicht erinnern.
"Sie können sicher sein, dass sich die katholische Kirche mit aller Kraft für größtmögliche Transparenz bezüglich der Heimerziehung in Deutschland in der Nachkriegszeit einsetzt", heißt es in einem Antwortschreiben der Deutschen Bischofskonferenz auf einen seiner Briefe.
Wer bei den zuständigen Stellen nachfragt, erfährt sie kaum, diese versprochenen Transparenz. Man ist genervt, nicht zuständig, nicht informiert, nicht interessiert. Die jetzige Leiterin des Vinzenzwerks, Schwester Mechthild, bestätigt, dass O. nicht der einzige ist, der von sexuellem Missbrauch in dem Heim berichtet. In den sechziger Jahren seien die "Vorfälle gemeinsam mit dem Bistum bearbeitet worden". Mehr sagt die Ordensfrau nicht. Sie wisse nicht, was sie weiter sagen dürfe - und verweist auf das Bistum. Dessen Sprecher sagt, von solchen Vorfällen sei ihm nichts bekannt.
"Nicht zugeben, nicht zulassen, nicht erinnern", sagt O.
Der Runde Tisch Heimerziehung kämpft für die Opfer um eine Entschädigung. Von 25 Milliarden Euro ist die Rede. O. würden 600 Euro reichen, so viel kostet die Reparatur seines 27 Jahre alten Wohnmobils. Ein paar hundert Euro und er wäre wieder frei, wieder auf der Straße und unterwegs, auf der Flucht vor der Erinnerung.
*Der Klarname ist der Redaktion bekannt
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