Sexueller Missbrauch in der Kirche "Ich verwalte meinen Körper nur noch"

Er wurde von einem Priester gezeugt und wuchs in katholischen Erziehungsheimen auf: Statt christlicher Werte prägten Schläge und sexueller Missbrauch den Alltag von Eckhard O. Mal vergriffen sich Geistliche an dem Jungen, mal Angestellte der Kirche - und bis heute schweigen sie dazu.

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Eckhard O.: "Erinnerungen an regenreiche Tage"
Hamburg - Die Szene wirkt auf den ersten Blick so harmlos: Ein Junge sitzt auf den Knien eines Mannes, sie spielen, wirken vertraut. "Hoppe hoppe Reiter, wenn er fällt dann schreit er", der Mann wippt mit den Knien, auf und ab, immer wieder. Es ist sein Lieblingsspiel, gerne fordert er die Jungs dazu auf.

Doch der Mann ist ein junger Geistlicher und der Junge für das Spiel eigentlich schon viel zu alt. Durch die Hose spürt er das erigierte Glied des Priesteramtsanwärters. "Was ist das da in deiner Hose?", fragt er irgendwann unbedarft. "Mein Schlüsselbund", lautet die Antwort. Es wird Jahre dauern, bis der Junge versteht.

Jahrelang wird er meinen, es sei normal, dass katholische Priester versuchen, einen Zwölfjährigen auf der Krankenstation zu befriedigen, ihm in den Schritt fassen, darauf bestehen, selbst ein Zäpfchen zu verabreichen, obwohl es eine Krankenschwester gibt. Er erlebt in dieser Zeit, dass Betreuer bei kirchlichen Freizeiten die pubertierenden Jungen in der Dusche waschen und massieren, ihre eigene Erregung zur Schau stellen. Er erlebt, dass ein Mitarbeiter der Kirche sich so unverhohlen an den Jungen vergreift, dass er strafversetzt wird.

Und der Junge erlebt auch, wie entsetzt die Geistlichen, in deren Obhut er aufwächst, reagieren, als er berichtet, der Betreuer habe "die Todsünde mit ihm gemacht". Entsetzt nicht etwa über die Taten - sondern über die "blühende Phantasie des Jungen".

"Ich war immer auf der Flucht"

Eckhard O.* ist dieser Junge, an dem die katholische Kirche sich versündigt hat. Er ist heute 61 Jahre alt. Er sagt, er habe nie sein eigenes Leben gelebt. Er ist massig, sehr massig, fast drei Zentner hat er sich "angefressen" in all den Jahren, auch das sagt er so. Er ist kein Mann der leisen Worte. Zu einem Schöngeist hat ihn die Kirche nicht erzogen, er ist ein Malocher.

Er habe sich "einen körperlichen und seelischen Panzer angelegt", urteilten Psychologen 2002.

"Ich verwalte meinen Körper nur noch", sagt der Mann hinter dieser Rüstung aus Fleisch. Das ist kein pathetischer Satz. Es ist die Wahrheit. 18 Medikamente täglich halten den Koloss am Leben, mehr schlecht als recht. Krebs hat er, Diabetes auch, nach einem Herzinfarkt lag er sechsmal unter dem Messer. Die Pumpe macht nicht, was er will, mal schlägt sie zu schnell, dann wieder setzt sie aus. Wie lange sie es überhaupt noch macht, das weiß er nicht. Nur: Lange wird es nicht mehr sein, so viel steht fest.

Es ist diese Gewissheit, die ihn reden lässt.

Die Gewissheit, dass dieses Leben, das nicht seins war, bald ein Ende haben wird. Bald hat er all die schlaflosen Nächte hinter sich, in denen Alpträume ihn quälen. Die Angstattacken, die Wut, die Aggression. "Ich war immer auf der Flucht", sagt Eckhard O.

Ins Leben geworfen wurde er als Kind einer zu jungen Mutter und eines Pfarrers, der sich nie zu den beiden bekannte. "Ich habe ihm alles geglaubt, was er mir versprochen hat. Ich war so naiv", hat O.s Mutter gesagt, mehrfach. Immer wieder hat sie zu Lebzeiten bekräftigt, dass der Geistliche aus Telgte, Pfarrer in der Gnadenkapelle, Eckhards Vater sei. Sie hatte keinen anderen Mann. Die offizielle Vaterschaft übernahm jedoch, Monate nach der Geburt, ein greiser Steinmetz, den Frau O. kaum kannte - "für das Amt", damit alles seine Ordnung hatte.

Frau O. wurde Eckhard, dieser unehelich gezeugte Säugling, weggenommen. Aufgewachsen ist er erst im katholischen Vinzenzwerk in Münster-Handorf, später im Salvator-Kolleg in Hövelhof bei Paderborn.

Die Alimente wurden regelmäßig gezahlt, weit mehr Geld als damals üblich. Der Standardsatz für ein Kind im Heim lag seinerzeit bei rund 2,50 Mark pro Tag. Für den kleinen Eckhard wurden pünktlich 8,53 Mark an die Nonnen vom Vinzenzwerk überwiesen. Für den Steinmetz wäre das allmonatlich ein kleines Vermögen gewesen. "Der war's nicht", sagt O. Er glaubt, die Kirche habe über diesen Umweg für ihn gezahlt.

Die Reaktion der Kirche: Man ist gerührt, nicht verantwortlich

Sein Leben war unstet: Gelernt hat O. in der Landwirtschaft, gearbeitet hat er die meiste Zeit als Lastwagen- oder Taxifahrer. Immer unterwegs, in Bewegung. Seine Ruhe ist die Rastlosigkeit, die ihn wenigstens eine Zeitlang vergessen lässt, was geschehen ist. "Das ist mein Gefühl von Freiheit."

In den letzten Jahren hat er sich aufgebäumt, gekämpft für ein bisschen Gerechtigkeit. Er hat Dokumente zusammengesucht, hat Dutzende Briefe auf seiner Schreibmaschine geschrieben, die Worte haben sich in einem Wutschwall den Weg gebahnt, er hat sie in die Tasten gehämmert mit seinen Pranken. Manche Buchstaben stehen an falscher Stelle, manche sind groß, obwohl sie klein sein müssten.

Jahrelang hatte er geschwiegen, verdrängt, die Gedanken nicht zugelassen. Der Schmerz saß zu tief, vergraben irgendwo hinter dem Panzer. Wenn er die Gefühle heute zulässt, dann beginnt sein Körper zu beben, O. wird unkontrolliert laut, das freundliche Gesicht zornesrot. Deshalb dosiert er seine Emotionen wie ein kostbares Gut.

Manche der Blätter heißen "Erinnerungen an regenreiche Tage im Herbst 1961", andere sind adressiert an die Würdenträger der Kirche: die Verantwortlichen der Bistümer, die Bischofskonferenz, seine Peiniger, die noch leben.

Einige haben geantwortet. Höfliche Anschreiben auf Briefpapier mit buntem Logo hat O. aus seinem Briefkasten gefischt: "Vielen Dank für Ihr Schreiben, Ihr Schicksal bewegt uns, die besten Wünsche für Ihre Gesundheit - und Gottes Segen." Man sei betroffen von seiner Geschichte. Gerührt: ja. Verantwortlich: nein. Es ist ein verbaler warmer Händedruck, mehr nicht.

Ein Einzelgänger war O. schon immer, die Kirche macht ihn zu einem Einzelkämpfer. Er weiß, dass er diesen Kampf, seinen letzten, nicht gewinnen kann.

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norman.e 25.02.2010
1. Alle kirchlichen Kinderheime schließen...
Klingt vielleicht unmachbar, denn, wo sollen die Kinder denn hin? Es gibt Tausende Ehepaare, die sich sehnlichst ein Kind wünschen, aber nicht die Adoptionsämter überzeugen können. Wäre es dem Herrn O. bei einer alleinerziehenden Mutter, die wenig Geld hat, dafür aber echte Liebe, schlechter ergangen? Die Kirche hätte die junge Mutter untestützen müssen, nicht ihr das Kind entreißen. Katholische Priester, die sich dem Zölibat verschreiben, sind sexuell entartet. Das Ziel eines jeden Menschen ist die Fortpflanzung. Man kann seinem biologischen Trieb nicht entkommen und wenn man nur kleine Jungs zur Hand hat... das sind hausgemachte Probleme der katholischen Kirche.
ronre 25.02.2010
2. 80% aller Priester sind schwul
Das größte Problem liegt meiner Meinung darin, dass keine Frauen als Priester zugelassen werden. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass alle deutschen Hochschulen, an der katholische Theologie gelehrt wird inoffizielle Treffpunkte für Schwule sind. Keinesfalls darf man Schwulsein mit Kindesmissbrauch vergleichen. Aber wenn ich nun mal schwul bin und Gleichgesinnte suche, dann ist das die allereinfachste Anlaufstelle durch solch ein Studium meine Fantasien auszuleben. Und wenn ich dann nachher im Priesteramt bin, dann habe ich meine Messdiener usw.. Der nächst höhere ist auch schwul und deckt mich und so geht das weiter bis ganz nach oben. Ich denke einfach, wenn auch Frauen als Priester zugelassen würden, dann würde sich das Problem von selbst egalisieren, aber so wird man das nie in den Griff bekommen. Und wo ein solches System einmal existiert ist es auch schwer es zu lösen, das ist wie bei der Stasi.
Hubert Rudnick, 25.02.2010
3. Widerlich!
Zitat von sysopEr wurde von einem Priester gezeugt und wuchs in katholischen Erziehungsheimen auf: Statt christlicher Werte prägten Schläge und sexueller Missbrauch den Alltag von Eckhard O. Mal vergriffen sich Geistliche an dem Jungen, mal Angestellte der Kirche - und bis heute schweigen sie dazu. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,679894,00.html
Wenn man das liest kann einem dabei schlecht werden, aber was man mit diesem Jungen gemacht hat, ist doch nur auf die konservative Erziehung der Kinder zurückzuführen. Kinder hatten in der Vergangenheit nichts zu melden gehabt, Erwachsene hatten in jeder Hinsicht Recht und so hat man dann auch immer alles schnelle als kindliche Fantasie abgetan. Aber das ist doch kein Einzelbeispiel, sondern es war früher Gang und Gebe. Auch der Missbrauch an Kindern(Jungen) hat früher in allen Bereichen der Gesellschaft stattgefunden und bis heute will keiner was davon wissen. Es kommt nun was aus den kirchlichen Kinderheimen zum Vorschein, aber wenn man richtig nachforschen würde, dann könnten sehr viele ehemaligen Kinder aus der damaligen Zeit so etwas erzählen. Schlimm ist für mich, dass Menschen, die auch nichts damit zu tun hatten nach wie vor alles unter der Decke der Verschwiegenheit verbergen wollen, man möchte die Vergangeheit ruhen lassen, es tut eben weh und das Ansehen wird beschmutzt, aber dabei haben doch die damaligen Erwachsenen das Ansehen selbst beschmutzt. Und gerade die verlogene Moralvorstellung der Konservativen hatte solche widerwärtigen Dingen doch erst recht gefördet. Menschen wollen immer schnell Kleinigkeiten, wie einen Taschenraub, Schwarzfahrer, oder wenn einer mit 1,5 Promille am Lenkrad erwischt wird an die große Glocke bringen, aber wirklich widerliche Taten wollen sie verbergen, so ist nun mal unsere Gesellschaft.
Streitaxt 25.02.2010
4. Distanz
Zitat von sysopEr wurde von einem Priester gezeugt und wuchs in katholischen Erziehungsheimen auf: Statt christlicher Werte prägten Schläge und sexueller Missbrauch den Alltag von Eckhard O. Mal vergriffen sich Geistliche an dem Jungen, mal Angestellte der Kirche - und bis heute schweigen sie dazu. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,679894,00.html
Wenn die kath. Kirche die Probleme nicht bei Namen nennen will und weiterhin behauptet das seien bedauerliche Einzelfälle, dann werden der Kirche die jungen Familien weglaufen. Ich werde meine Tochter nicht auf Freizeiten etc. schicken, wenn die Kirche nicht erkennt, dass dies das Ergebnis eines Irrwegs ist. Der Irrweg heißt: Zölibat.
Klo, 25.02.2010
5. Pflichtlektüre für Priester
Zitat von sysopEr wurde von einem Priester gezeugt und wuchs in katholischen Erziehungsheimen auf: Statt christlicher Werte prägten Schläge und sexueller Missbrauch den Alltag von Eckhard O. Mal vergriffen sich Geistliche an dem Jungen, mal Angestellte der Kirche - und bis heute schweigen sie dazu. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,679894,00.html
Es ist erschütternd. Das Buch sollte zur Pflichtlektüre in der Priesterausbildung werden. ES ist jetzt an der Zeit, diesen ekelerregenden Sumpf endlich ein für alle Mal trocken zu legen und die Verantwortlichen an den Pranger zu stellen. Zu lange haben diese Leute geschwiegen. Wahre Chrsiten würden niemals jemandem derartiges Leid zufügen. Fast schämt man sich dafür, dass man zum "christlichen" Abendland gezählt wird.
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