Sexueller Missbrauch in der Kirche: Leid und Leitlinien

Ein Kommentar von Peter Wensierski

Die überarbeiteten Leitlinien der deutschen katholischen Bischöfe zum Umgang mit sexuellem Missbrauch bleiben weit hinter der erhofften Null-Toleranz-Linie zurück. Vor allem fehlt eine tabulose Auseinandersetzung mit der Sexualmoral der Kirche.

Missbrauchsdebatte in der katholischen Kirche: Kein Schlusspunkt, bestenfalls ein AnfangZur Großansicht
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Missbrauchsdebatte in der katholischen Kirche: Kein Schlusspunkt, bestenfalls ein Anfang

"Besonders kritisch geprüft" und "verschärft" habe man die acht Jahre alten Regeln zum Umgang mit sexuellem Missbrauch, sagte der Sonderbeauftragte der katholischen Kirche, Bischof Stephan Ackermann, am Dienstag in Trier. Nicht in allen Punkten sei der bisherige Maßnahmenkatalog "präzise" genug gewesen. Die neuen Leitlinien umfassen nun 55 Punkte, anstelle der nur 16 Punkte langen Fassung von 2002.

Ohne die Welle von Missbrauchsenthüllungen seit Anfang dieses Jahres, ohne den Anstoß von außen, wäre nichts geschehen.

Was eigentlich selbstverständlich sein sollte bei Missbrauchsfällen - auch, wenn diese innerhalb der katholischen Kirche passieren - wird von deren Sonderbeauftragten nun zum großen Fortschritt beim Umgang mit Straftaten verklärt: so etwa die schnellere Einschaltung von Strafverfolgungsbehörden, der bessere Umgang mit den Opfern, "niedrigschwellige" Hilfen, mehr Prävention. Woanders - etwa in der evangelischen Kirche - gibt es das schon lange. Die katholische Kirche ist aber erst jetzt aus ihrer Parallelwelt der bundesrepublikanischen Gesellschaft ein Stück weit nähergekommen, zumindest auf dem Papier.

Ob auch in der Realität - das müssen die Opfer des sexuellen Missbrauchs beurteilen, bei jetzigen und zukünftigen Fällen.

Die meisten Opfer sind immer noch extrem unzufrieden über den Umgang der Bischöfe mit ihnen, ihr Leid ist mit den neuen Leitlinien nicht vom Tisch. Klare Worte zu dringend notwendigen Entschädigungsregelungen gibt es noch nicht, lediglich den Hinweis auf diffuse Abstimmungsprozeduren mit anderen Institutionen am Runden Tisch von Berlin, der nur noch wenige Male tagt.

Zu einer Null-Toleranz-Linie ringen sich deutsche Bischöfe nicht durch

Auch in ihrer neuen Fassung haben sich die deutschen Bischöfe nicht zu jener Radikalität ihrer amerikanischen Brüder durchringen können, die schon 2006 von einer Linie der "Nulltoleranz" gegenüber Priestern sprachen, die sexuell gewalttätig waren. Bei kritischer Durchsicht der 55 Leitlinien-Punkte wird das an vielen Stellen deutlich.

  • So sollen in Deutschland Priester und "im kirchlichen Dienst Tätige", die Minderjährige sexuell missbraucht haben, laut Punkt 42 der Regeln auch weiterhin in der Kirche arbeiten können, wenn auch ohne Kontakt zu Kindern und Jugendlichen.

  • Punkt 46 erlaubt immer noch deren Versetzung, informiert wird lediglich der neue Dienstvorgesetzte, nicht die Gemeinde.

  1. Erfolgt die Versetzung gar in ein anderes Bistum, muss laut Leitlinien sogar nur der neue Bischof über das Vorleben des gefallenen Hirten unterrichtet werden, alle anderen bleiben ahnungslos.

Offenbar fürchtet die katholische Kirche immer noch, vor allem aus finanziellen Gründen, sich vollständig von einschlägig belasteten Klerikern zu trennen - immerhin können dabei Versicherungsnachzahlungen bis zu einer halben Million Euro anfallen. Weil man diese Konsequenzen scheut, kam es auch immer wieder zu Versetzungen und verschleppten Laisierungen durch Rom - doch auch darüber verloren die Bischöfe in Trier kein Wort. Keiner der vielen Punkte in den Leitlinien thematisiert, warum denn überhaupt solche Priester weiter beschäftigt werden müssen, anstatt "Nulltoleranz" auszuüben.

Keine Akteneinsicht im Fall Josef Ratzinger

In den alten Richtlinien, die auch nicht immer befolgt wurden, hieß es vollkommen diffus: "In erwiesenen Fällen wird dem Verdächtigen zur Selbstanzeige geraten und je nach Sachlage die Staatsanwaltschaft informiert." Ab sofort heißt es nun: "Sobald tatsächliche Anhaltspunkte für den Verdacht vorliegen, leitet ein Vertreter des Dienstgebers die Informationen an die staatliche Strafverfolgungsbehörde weiter."

Doch wer entscheidet - mit welcher Kompetenz - was "tatsächliche Anhaltspunkte" sind?

Wie soll ein Täter, der vorgewarnt wurde, zum Beispiel überführt werden, wenn er genug Zeit hat, um Beweise zu vernichten, während überforderte Kirchenvertreter entscheiden wollen, was denn weiter zu tun ist?

Es gibt sicherlich Fortschritte gegenüber der alten Fassung, etwa, dass die Beauftragten für die Aufarbeitung der Missbrauchsanzeigen nicht mehr zur Bistumsleitung gehören sollen. Oder dass nun explizit unterschriebene Protokolle von Gesprächen angefertigt werden müssen. Nur: Bisher hat die Kirche nicht einmal ihre alten Akten wirklich herausgerückt. Etwa über das Verhalten und die Rolle des damaligen Erzbischofs von München, Josef Ratzinger, Anfang der achtziger Jahre bei der Versetzung eines Missbrauchspfarrers. Da ist bis heute nichts offengelegt worden - trotz vorhandener Schriftstücke. Nicht einmal die Anwälte der Opfer bekamen Einsicht in die Kirchenakten.

Keine tiefere Analyse bisheriger Verfehlungen

Den neuen Leitlinien ist anzumerken, dass die Bischöfe unter anderem auf die Vorwürfe des Bundesjustizministeriums reagiert haben. Aber sie spiegeln nicht eine wirklich tiefere Analyse der vergangenen Verfehlungen wider. Berater bei der Erstellung war ein fragwürdiges Kompetenzteam kirchennaher, teils sehr konservativer Kräfte. Keine Missbrauchsfälle der Vergangenheit - nicht einmal die der letzten Jahre - sind wirklich untersucht worden, um daraus Lehren zu ziehen.

So enthalten die neuen Leitlinien immer noch kein Wort dazu, wie etwa die Opfer in den Gemeinden konkret vor Stigmatisierung, Ausgrenzung und Mobbing durch diejenigen geschützt werden sollen, die trotz der Enthüllungen noch immer felsenfest und treu zu ihrem beschuldigtem Pfarrer halten. Wer sexuellen Missbrauch anzeigt, sei eh ein Kirchenfeind, hieß es oft. In der Vergangenheit hat sich wiederholt gezeigt, dass allein dies ein Riesenproblem ist und eines der wesentlichen Hemmschwellen, überhaupt einen Fall anzuzeigen.

Auch die Fragen nach den Ursachen des gehäuften sexuellen Missbrauchs unter Priestern werden nicht beantwortet. Wo bleibt die offene Debatte über Verfehlungen der Vergangenheit, die ohne Angst vor Disziplinierungen innerkirchlich geführt werden muss? Wo die tabulose Auseinandersetzung über die Sexualmoral der Kirche, die Teil des Problems ist und nicht dessen Lösung?

Daher ist die Veröffentlichung der überarbeiteten Leitlinien kein Schlusspunkt unter die monatelange Missbrauchsdebatte, sondern bestenfalls ein Anfang zur Lösung viel tiefer sitzender Probleme in der katholischen Kirche. Die Bischöfe können sich damit noch lange nicht entspannt zurücklehnen. Für alle bisherigen Opfer kommen die Leitlinien ohnehin viel zu spät.

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insgesamt 128 Beiträge
myoto 31.08.2010
Mir zeigt es: Die katholische Kirche toleriert den Kindesmissbrauch und ist nicht gewillt effektiv und entschieden gegen die *sorry* Schweinepriester vorzugehen. Schade das soviele Katholiken sich das gefallen lassen und der [...]
Zitat von sysopDie überarbeiteten Leitlinien der deutschen katholischen Bischöfe zum Umgang mit sexuellem Missbrauch bleiben weit hinter der erhofften Null-Toleranz-Linie zurück. Vor allem fehlt eine tabulose Auseinandersetzung mit der Sexualmoral der Kirche. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,714922,00.html
Mir zeigt es: Die katholische Kirche toleriert den Kindesmissbrauch und ist nicht gewillt effektiv und entschieden gegen die *sorry* Schweinepriester vorzugehen. Schade das soviele Katholiken sich das gefallen lassen und der katholischen Kirche nicht endlich den A***tritt geben den sie verdient. Die ganzen Kindesmissbraucher gehören eingesperrt. Dieser ganze "ach so heilige Bund", so verlogen und falsch. Einfach traurig.
autocrator 31.08.2010
Da gönnt sich eine organisation "leitlinien" für den ungeheuerlichen fall, dass organisationsmitglieder sich an kindern vergehen? Wie weit geht das wohl mit dem mißbrauch, dass man schon "leitlinien" braucht, [...]
Da gönnt sich eine organisation "leitlinien" für den ungeheuerlichen fall, dass organisationsmitglieder sich an kindern vergehen? Wie weit geht das wohl mit dem mißbrauch, dass man schon "leitlinien" braucht, um selbstverständliches zu kanalisieren? Inhaltlich: Die RKK ist kein demokratischer verein. Gewaltenteilung kennt sie nicht, die Aufklärung und deren erkenntnisse wie folgerungen sind an ihr vorbeigegangen ohne nennenswerte spuren zu hinterlassen. Zu welchen folgen das führt: Siehe die neuen "leitlinien", in der ein klüngel von hierarchie-oberen ihr geheimwissen nur untereinander austauschen und "inspiriert vom geiste gottes" selbst entscheiden, wer zu ihnen gehören darf und wer nicht. Das problem ist der staat: Vile zu lange wurde weggesehen, und wenn man partout nicht mehr anders konnte und genötigt wurde, etwas zu unternehmen, kam zuletzt meist nur ein laues lüftchen bei raus. Siehe der jetztige sog. "runde tisch": Ergebnis = Null. Statt den herren in der soutane die polizeiknarre auf die brust zu setzen und die handschellen klicken zu lassen, wie es die staatlichen gesetzlichen möglichkeiten durchaus vorsehen. (Seltsam: bei "linkem gesocks" geht das doch auch! ganz schnell und vom geheimdienst rund um die uhr beobachtet!) Dieses organisations-interne "leitlinien"-pamphlet ist das papier nicht wert, auf dem es gedruckt wurde. Ein bissl schaumschlägerei zum selbstschutz und zur kostenvermeidung, um irgendwelche interessierten stellen ruhig zu stellen. Als staat sollten die BRD den wisch seinen verfassern um die ohren schlagen.
wohei-dho 31.08.2010
den Müttern, die ihre Kinder vergewaltigen? Den Erzieherinnen, die die Kinder im Kindergarten mißbrauchen? Und so weiter, und so weiter. Glauben Sie nicht? Noch nie was gehört davon? Mittlerweile bringen es engagierte Frauen [...]
Zitat von myotoMir zeigt es: Die katholische Kirche toleriert den Kindesmissbrauch und ist nicht gewillt effektiv und entschieden gegen die *sorry* Schweinepriester vorzugehen. Schade das soviele Katholiken sich das gefallen lassen und der katholischen Kirche nicht endlich den A***tritt geben den sie verdient. Die ganzen Kindesmissbraucher gehören eingesperrt. Dieser ganze "ach so heilige Bund", so verlogen und falsch. Einfach traurig.
den Müttern, die ihre Kinder vergewaltigen? Den Erzieherinnen, die die Kinder im Kindergarten mißbrauchen? Und so weiter, und so weiter. Glauben Sie nicht? Noch nie was gehört davon? Mittlerweile bringen es engagierte Frauen (Astrid von Friesen, Ursula Enders, etc.) immer öfters ins Gespräch. Nicht nur in der Kirche gibt es Mißbrauch, der abgestellt werden muß. Schaun Sie hier: http://www.constantin-conrad.de/coco/inhalt/mu-sexualtaeterinnen1.html Und hier: http://maennersache.blog.volksfreund.de/2008/11/13/astrid-von-friesen-offener-brief-an-ethikrat-wegen-weiblicher-haeuslicher-gewalt/
kilger_1999 31.08.2010
Bevor das übliche Gekeife und Gezeter gegen die Sexualmoral der Kirche (insbesondere gegen den Zölibat) seinen Ausgang nimmt möchte ich an dieser Stelle einen Kommentar eines Priesters der Petrusbruderschaft (nein, nicht der [...]
Zitat von sysopDie überarbeiteten Leitlinien der deutschen katholischen Bischöfe zum Umgang mit sexuellem Missbrauch bleiben weit hinter der erhofften Null-Toleranz-Linie zurück. Vor allem fehlt eine tabulose Auseinandersetzung mit der Sexualmoral der Kirche. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,714922,00.html
Bevor das übliche Gekeife und Gezeter gegen die Sexualmoral der Kirche (insbesondere gegen den Zölibat) seinen Ausgang nimmt möchte ich an dieser Stelle einen Kommentar eines Priesters der Petrusbruderschaft (nein, nicht der Piusbruderschaft!) zum Thema "Der Priester und die Keuschheit" anführen. Es handelt sich hier um eine tabulose Auseinandersetzung mit der Sexualmoral der Kirche, allerdings nicht wie Peter Wensierski in seinem Spiegel-Kommentar es wohl erwartet hätte. Ich bin mal gespannt, ob der übliche Kirchenbasher-Mob sich die Mühe macht den Beitrag von Pater Cras zu lesen und sich damit auf eine faire Weise auseianderzusetzen. Aber das ist wahrscheinlich zu viel erwartet. http://www.konfraternitaet.eu/pages/priesterjahr/priester-und-keuschheit.php
takeo_ischi 31.08.2010
Danke für Ihren hilflosen Ablenkungsversuch. Hier geht es aber um die abartigen Taten in der RKK unter Duldung der Kirchenoberen und ich glaube nicht, dass diese Taten irgendwie besser oder weniger schlimm werden, weil anderswo [...]
Zitat von wohei-dhoden Müttern, die ihre Kinder vergewaltigen? Den Erzieherinnen, die die Kinder im Kindergarten mißbrauchen? Und so weiter, und so weiter. Glauben Sie nicht? Noch nie was gehört davon? Mittlerweile bringen es engagierte Frauen (Astrid von Friesen, Ursula Enders, etc.) immer öfters ins Gespräch. Nicht nur in der Kirche gibt es Mißbrauch, der abgestellt werden muß. Schaun Sie hier: http://www.constantin-conrad.de/coco/inhalt/mu-sexualtaeterinnen1.html Und hier: http://maennersache.blog.volksfreund.de/2008/11/13/astrid-von-friesen-offener-brief-an-ethikrat-wegen-weiblicher-haeuslicher-gewalt/
Danke für Ihren hilflosen Ablenkungsversuch. Hier geht es aber um die abartigen Taten in der RKK unter Duldung der Kirchenoberen und ich glaube nicht, dass diese Taten irgendwie besser oder weniger schlimm werden, weil anderswo bekanntermaßen auch Böses geschieht. Gerade ein Verein wie die Kirche, der sich gerne als strenge, moralische Instanz geriert hätte noch viel entschiedener gegen die ethisch verwerflichen Straftaten vorgehen müssen. Die neuen Leitlinien sind leider nur der alte Dreck in neuen Kleidern. Politische Augenwischerei.
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  • Dienstag, 31.08.2010 – 17:50 Uhr
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Hilfe für Opfer sexuellen Missbrauchs
Das "Wir sind Kirche"-Nottelefon hat die Rufnummer 0180-3000862. Die Hotline wurde 2002 eingerichtet. Bei dieser von der Kirche unabhängigen Anlaufstelle können Opfer über ihre Erfahrungen sprechen. Ihnen werden dann weitere Beratungsstellen genannt. Auf Wunsch der Opfer gibt Katharina B. den Namen des Täters ans Bistum weiter.





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