Gefilmter Übergriff: Belästigungsvideo empört Inder

Von , Islamabad

Eine Gruppe von Männern belästigt in Indien 45 Minuten lang ein Mädchen. Niemand hilft. Ein Journalist filmt, ruft sogar noch ein Kamerateam. Jetzt tobt in Indien eine Diskussion über Medienethik und das Frauenbild in der Gesellschaft.

Screenshot aus dem Video, das im Internet abrufbar ist: "Nationale Schande" Zur Großansicht
Newslive/ Youtube

Screenshot aus dem Video, das im Internet abrufbar ist: "Nationale Schande"

Manche nennen den Vorfall eine "nationale Schande": Mehr als zwölf Männer fallen über eine junge Frau her, die gerade die Kneipe Club Mint verlassen hat. Sie belästigen die 16-Jährige, schlagen sie, reißen ihr die Kleider vom Leib. Immer wieder setzen sie dem Mädchen zu, niemand kümmert sich um die Schreie. Dabei sind viele Menschen unterwegs. Niemand hilft.

Die Szenen in Guwahati, einer Stadt am Ufer des Brahmaputra, im nordostindischen Bundesstaat Assam, werden festgehalten. Zufällig war an jenem Abend des 9. Juli ein Journalist vor Ort, Gaurav Jyoti Neog. Auch er schaut zu, greift nicht ein. Stattdessen ruft er bei seinem Sender an und bittet, einen Kameramann zu schicken. Ein Kamerateam des lokalen Kanals Newslive rückt an, filmt etwa 20 Minuten lang. Die Gewalt gegen die Frau dauert insgesamt 45 Minuten. Die Bilder werden von mehreren TV-Sendern ausgestrahlt.

Seither wächst die Wut - die Menschen fragen sich: Wie sicher sind Frauen im modernen Indien eigentlich? Immer wieder belegen Studien, dass Indien eines der frauenfeindlichsten Länder der Welt ist. Eine Studie im vergangenen Jahr outete indische Männer als Weltmeister in Chauvinismus, häuslicher Gewalt und sexueller Nötigung.Die Zahl der registrierten Vergewaltigungen nimmt im ganzen Land zu, nicht nur in Metropolen wie Neu-Delhi und Mumbai, sondern auch auf dem Land. Schriftstellerin Palash Krishna Mehrotra schreibt in der "India Today", ein altes Thema sei wieder in den Mittelpunkt gerückt: "unsere primitive Einstellung gegenüber Frauen".

Das Opfer aus Guwahati hatte am ganzen Körper Wunden, berichtet die Frauenaktivistin Alka Lamba, die die 16-Jährige nach dem Übergriff besucht hat. "Die Täter waren wohl betrunken und müssen während der Tat geraucht haben, denn das Mädchen hat an mehreren Stellen Brandwunden." Sie habe das Gefühl, die Männer hätten den Teenager behandelt "wie ein Tier".

Die Fragen, die sich viele Inder nun stellen: Warum hat der Reporter nicht eingegriffen? Warum dauerte es 45 Minuten, bis die Polizei eintraf, obwohl die nächste Polizeistation nur ein paar Minuten Fußweg entfernt ist?

"Ich habe um Hilfe gefleht, aber nichts geschah"

Eine Woche später gerät nun der Regierungschef des Bundesstaates Assam, Tarun Gogoi, unter Druck: Die Menschen in Guwahati werfen der Polizei Untätigkeit vor, hängen selbstgemachte Fahndungsplakate mit den Fotos der Gesuchten auf. Gogoi räumt Fehler ein und setzt der Polizei am Samstag schließlich die Frist, jene zwölf Männer, die auf dem Filmmaterial zu identifizieren sind, innerhalb von 48 Stunden dingfest zu machen.

Die Frist ist verstrichen, sechs der mutmaßlichen Täter, darunter der Hauptverdächtige, sind verschwunden. Es gibt Hinweise darauf, dass er sich in den benachbarten Bundesstaat abgesetzt hat. Dies habe die Auswertung seiner Handydaten ergeben, teilt die Polizei in Guwahati am Montag mit. Wegen des öffentlichen Drucks und weil der Fall international bekannt wurde, suchen nun Polizisten nach den Tätern. Erst sechs wurden bislang festgenommen.

Von indischen Fernsehsendern befragt, wirft das Opfer dem Kamerateam vor, die Männer nicht gestoppt zu haben. "Sie haben nur Bilder gemacht, sonst nichts. Warum haben sie mir nicht geholfen?" Nur durch das Eintreffen der Polizei im letzten Moment sei ihr eine Vergewaltigung erspart geblieben. Gegenüber Ermittlern sagte die junge Frau, sie habe das Kameralicht gesehen, sie habe registriert, dass jemand sie und ihre Peiniger filme. "Ich habe um Hilfe gefleht, aber nichts geschah", zitieren Zeitungen die Frau.

Ministerpräsident Gogoi kritisiert ebenfalls den Reporter. "Dies war ein Fall von unethischem Journalismus. Es ist in Ordnung, den Vorfall als Teil der beruflichen Pflicht zu filmen, aber als Teil seiner sozialen Verantwortung hätte er die Polizei informieren müssen", sagt Gogoi am Montag. "Die Medien kritisieren die Regierung und vor allem die Polizei, aber sie selbst haben auch eine verantwortliche Rolle zu spielen. In diesem Fall haben sie kläglich versagt."

Journalist Neog fühlt sich zu Unrecht gescholten. Ihm wird vorgeworfen, er habe die Gewalt gegen die Frau befeuert, um sie filmen zu können. "Das sind absurde, völlig verrückte Vorwürfe", zitieren ihn indische Zeitungen. Er habe lediglich seine "professionelle Pflicht als verantwortungsvoller Journalist" erfüllt. Die Kameraleute habe er gerufen, um die Verantwortlichen später identifizieren zu können.

Ein Aktivist der Organisation Right to Information behauptet, er habe Filmmaterial, das belege, dass Neog die Täter angestachelt habe. Unklar bleibt, woher er das Material hat - und warum der Filmer dieser Sequenzen auch nicht geholfen hat.

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