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S.P.O.N. - Helden der Gegenwart: In der Verjüngungsfalle

Eine Kolumne von Silke Burmester

ARD und ZDF haben sich eine Frischzellenkur verordnet, die Öffentlich-Rechtlichen suchen die Nähe zur jungen Zielgruppe. Man fragt sich: Warum nur?

Warum betreiben Anbieter von Dienstleistungen und Produkten Marktforschung? Warum schauen sich Experten Berechnungen zur demografischen Entwicklung, zu Ernährungsgewohnheiten oder zur Wolkenentwicklung an? Um auf das Kommende vorbereitet zu sein, um rechtzeitig und angemessen reagieren zu können. Um die passenden Produkte und Dienstleistungen für den sich ändernden Bedarf anbieten zu können. Pflegeheime, Weizenwürste, Regenschirme.

Anders die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender. Die, so scheint es, betreiben Marktforschung, gucken sich die Statistiken der zu erwartenden Bevölkerungsentwicklung an, um entgegen des Trends reagieren zu können. Es muss, verborgen in den Kellern des ZDF-Lerchenbergs oder in einem der vielzähligen, über das gesamte Land verteilten ARD-Anstaltsableger eine Abteilung "Kontra-Entwicklung" geben. Hier sitzen Fachkräfte eigens, um Pläne entgegen des Bedarfs zu entwickeln.

Der neueste Coup heißt "Verjüngung". Besonders das ZDF hat es sich auf die Fahne geschrieben, ein Programm anzubieten, das auch Menschen diesseits der 65 Jahre anspricht. Nur, warum?

ZDF, was ist das?

Das Fernsehen ist ein Medium, das zusehends an Bedeutung verliert. Jugendliche konsumieren das, was sie sehen wollen - Filme, Serien, Videoclips, Information -, zunehmend über das Internet. Sehen sie fern, schalten sie vor allem ProSieben und RTL ein. Schon vor ein paar Jahren kam es in einem Zugabteil der Bahn zu einem Gespräch unter den Fahrgästen, unter ihnen zwei pubertierende Mädchen. Ein Reisender sagte, er arbeite beim ZDF. Die Mädchen fragten, was das sei. So berichtet es der ZDF-Mitarbeiter.

Die jüngste Überlegung, den Nachwuchs an das heranzuführen, wofür er in absehbarer Zeit Gebühren zahlen muss, gipfelt in der Idee von ARD und ZDF, einen gemeinsamen Jugendsender aufzubauen. Weil das Konzept nicht überzeugt, wurde die Abstimmung darüber durch die Ministerpräsidenten gerade erneut verschoben.

Aktuell macht sich das ZDF mit der Ankündigung lächerlich, ein deutsches "Breaking Bad" produzieren zu wollen. Mit Bastian Pastewka. Das mutet unter Kennern der US-Erfolgsserie so ähnlich an, wie das Unterfangen in den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts Mirácoli-Parmesello als das auszugeben, was der Italiener sich über die Spaghetti streut.

Lieber "Die Schwarzwaldklinik"

Immer mehr Menschen in Deutschland werden alt. Für die Anbieter von Oldiefernsehen wie ARD und ZDF eine komfortable Situation. Sie könnten dasitzen und abwarten, wie ihnen die Zielgruppe entgegenwächst. Wie sie von Tag zu Tag größer wird und immer mehr Menschen ihre Sendungen einschalten. Aber nein, entgegen des Trends wollen die jetzt junge Zuschauer gewinnen und Menschen ansprechen, die noch nicht einmal wissen, dass es ARD und ZDF gibt.

Altersheime und Pflegeheime für Personen mit Demenz bieten zusehends Dinge an, die die Bewohner aus der Vergangenheit kennen. Röhrenradios, an deren großen Knöpfen sie drehen können, Telefone mit Wählscheibe und Poesiealben. Es geht darum, den Menschen das zu geben, was sie kennen, damit sie sich wohlfühlen. Denn der ältere Mensch will in der Regel nix Neues. Der will Bekanntes. Der aktuelle Ältere will nicht Joko und Klaas beim Pupsfernsehenmachen zuschauen, der will Peter Frankenfeld. Und "Adelheid und ihre Mörder". Und vielleicht "Die Schwarzwaldklinik". Anders als RTL mit seinem "Tutti Frutti"-Repertoire haben die Öffentlich-Rechtlichen ein riesiges Archiv dessen, was mal gute Unterhaltung war und was älteren Menschen in dieser schnellen, wirren Zeit, Vertrautes und das Gefühl von Geborgenheit bieten könnte.

Viele an Demenz Erkrankte haben einen sogenannten "Weglaufdrang". Das heißt, sie wollen ihre Umgebung verlassen, wollen "nach Hause" oder jemanden besuchen. Einige Heime haben Bushaltestellen auf ihrem Gelände errichtet, um dem Drang ein Ziel zu geben, um zu verhindern, dass die Alten in die Welt hinausmarschieren.

Die öffentlich-rechtlichen Sender hätten die Möglichkeit, diese Bushaltestelle zu sein. Ein Ort der Illusion, der Rettung verspricht. Ihr Personal kennt sich bestens mit biederem, behäbigen Fernsehen aus und weiß, was Leuten, die nicht jung sind, gefällt. Warum dem Jugendwahn anheimfallen, bei dem man nur verlieren kann? Warum nicht dasitzen, die Röhrenradios und Poesiealben des Fernsehens senden und zusehen, wie die Zielgruppe wächst und wächst und wächst?

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Silke Burmester

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