Reaktion auf die Übergriffe in Köln Zornig, aber nicht blind

Nach den Übergriffen der Silvesternacht in Köln schäumt die Wut in den sozialen Netzwerken. Der Zorn ist verständlich - aber er darf nicht zu voreiligen Schlüssen verleiten.

Kölner Dom am Hauptbahnhof: 60 Anzeigen nach Übergriffen in Köln
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Kölner Dom am Hauptbahnhof: 60 Anzeigen nach Übergriffen in Köln

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Da muss man doch nur eins und eins zusammenzählen: In der Silvesternacht wurden Frauen am Kölner Hauptbahnhof sexuell belästigt und bestohlen, eine Frau soll vergewaltigt worden sein. Bis Montag wurden 60 Anzeigen erstattet, etwa ein Viertel wegen sexueller Übergriffe. Zeugen beschreiben die Täter als alkoholisiert, enthemmt, als "nordafrikanisch" oder "arabisch aussehend". Einige Festgenommene sollen kopierte Aufenthaltsbescheinigungen für Asylverfahren dabei gehabt haben - so berichtet es ein Polizeibeamter dem "Kölner Express".

Das Ergebnis der simplen Rechnung steht für viele schnell fest, wie sich in den sozialen Netzwerken, auf Facebook und Twitter nachlesen lässt: Muslimische Flüchtlinge sind kriminelle Sexualstraftäter, sie hätten nie ins Land gelassen werden dürfen, und jetzt müssen sie alle abgeschoben werden.

Dieser einfache Schluss ist falsch, denn einfach ist fast nichts, versucht man die Vorgänge in der Silvesternacht in Köln zu erklären. Nur eines kann man jetzt feststellen: Die Übergriffe sind erschreckend, sie sind nicht hinnehmbar, sie dürfen sich nicht wiederholen. Die Täter müssen gefunden und bestraft werden.

Leider wird das schwierig.

Wie es heißt, waren rund tausend meist junge Männer auf der Kölner Domplatte. Wie viele davon und wer genau Straftaten begangen hat, wird sich kaum noch feststellen lassen. Soviel ist aber sicher: Es war offenbar ein Bruchteil der Anwesenden.

Auch die pauschale Schuldzuweisung, die Täter seien Flüchtlinge gewesen, ist zum jetzigen Zeitpunkt falsch. Noch wissen wir schlicht zu wenig über die Kölner Grapscher und Diebe, noch laufen die Ermittlungen. Zudem handelt es sich bei den Menschen, die in Deutschland Asyl beantragen, nicht um eine homogene Gruppe.

Waren es, wie berichtet wird, Gruppen von organisierten Diebesbanden, die den Kölner Hauptbahnhof schon seit Monaten unsicher machen und die, enthemmt von Alkohol und im Schutz der Menschenmasse, noch dreister geworden sind? Dann stellt sich die Frage, warum die Polizei gegen diese Personen nicht schon längst und entschieden vorgegangen ist - bekannt ist das Problem schon lange.

Keine Frage: Männer, die sich an Frauen vergreifen, dürfen nicht straflos davonkommen - egal, wie betrunken sie sind, aus welchem Land sie kommen oder welcher Religion sie angehören. Sollten sich die Täter von Silvester nicht ermitteln lassen, dann muss die Polizei zumindest dafür sorgen, dass sich solche Übergriffe nicht wiederholen können. Nicht in Köln und nicht andernorts.

Das ist die einzig richtige Reaktion auf die Übergriffe in Köln - nicht die pauschale Verurteilung von Flüchtlingen. Die Mehrzahl von ihnen ist nicht zu uns gekommen, um Gewalt auszuüben. Sie sind vor Gewalt geflohen.

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Stefan Kuzmany leitet den Bereich Meinung und Debatte bei SPIEGEL ONLINE.

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hajopie 05.01.2016
1. Aufklärung
... ist hier gefragt. Und danach bitte endlich mal das Strafrecht konsequent gegen die Straftater durchsetzen. Das würde mir schon reichen.
babbaschor 05.01.2016
2. Es war nur ein Bruchteil der Anwesenden?
Was war mit der Mehrheit die Tatenlos zugesehen hat? Es haben sich dort alle tausend strafbar gemacht. Entweder wegen sexuellen Missbrauchs oder wegen unterlassender Hilfeleistung.
SINAN_75 05.01.2016
3. Zustimmung, Herr Kuzmany,
mehr kann man dazu nicht sagen.
eku 05.01.2016
4. So oder so...
...ob die Täter von Köln, Hamburg und Stuttgart jetzt in der Mehrheit Flüchtlinge oder hier lebende Männer mit Migrationshintergrund sind; weder konnte die Polizei absehen dass es zu diesen Straftaten kommt, geschweige denn einschreiten oder verhindern. Das nennt man dann wohl rechtsfreie Zone. Höchste Zeit zu handeln, und höchste Zeit für Rücktritte.
oli h 05.01.2016
5. Die sind rum um's Eck
Machen wir uns nichts vor: Die Täter werden nicht bestraft werden, weil sie sich nicht ermitteln lassen werden, zumindest kein signifikant großer Anteil. Sollte es aber den Verantwortlichen nicht gelingen, so etwas künftig zu verhindern (Der Karneval steht ja als Bewährungsprobe schon vor der Tür) dann schaden sie nicht nur den Opfern und den Flüchtlingen, die froh sind hier Schutz gefunden zu haben sondern sie unterstützen vor allem Pegida und Konsorten. Diese profitieren letztlich am Meisten von den Übergriffen.
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