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Ressentiments gegen Sinti und Roma: "Das Schreckensbild des Zigeuners hält sich beharrlich"

Ein Interview von Rainer Leurs

Vize-Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Peritore: "Viele Stimmen der Solidarität" Zur Großansicht
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Vize-Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Peritore: "Viele Stimmen der Solidarität"

Die Ablehnung von Sinti und Roma nimmt in Deutschland zu: Mehr als die Hälfte der Befragten zeigten in einer Studie antiziganistische Einstellungen. Schuld an der Entwicklung seien auch die etablierten Parteien, sagt Zentralrats-Vize Silvio Peritore.

Silvio Peritore, geboren 1961 in Karlsruhe, ist Vize-Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma. Er studierte unter anderem Politik und Geschichte und promovierte zum Thema "Der NS-Völkermord an den Sinti und Roma in der deutschen Erinnerungsarbeit". Heute lebt und arbeitet Peritore in Heidelberg.
SPIEGEL ONLINE: Herr Peritore, einer Studie der Uni Leipzig zufolge haben erschreckend viele Deutsche ein Problem damit, wenn sich Sinti und Roma in ihrer Gegend aufhalten. Mit dieser Position hätte man momentan die absolute Mehrheit im Land. Macht Ihnen das Angst?

Peritore: Es ist jedenfalls ein Phänomen, das wir schon seit Jahrzehnten beobachten: Das Schreckensbild des sogenannten Zigeuners hält sich beharrlich, auch wenn es mit der Lebensrealität der Sinti und Roma in Deutschland nichts zu tun hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich solche Vorbehalte?

Peritore: Die NPD, aber auch etablierte Parteien in der Mitte der Gesellschaft haben zuletzt Wahlkampf auf dem Rücken dieser Minderheit ausgetragen. Die CSU etwa, indem sie vor der sogenannten Armutszuwanderung warnte. Auch die AfD reitet auf dieser Welle und entdeckt alte Feindbilder neu. Leider stößt sie damit auf Zustimmung.

SPIEGEL ONLINE: Dann sehen Sie die Verantwortung für den um sich greifenden Antiziganismus bei den Parteien?

Peritore: Natürlich gibt es viele vernünftige Politiker, aber leider auch Populisten, die Stimmungen ganz gezielt anheizen. Als die Slowakei, Tschechien, Rumänien oder Bulgarien der EU beitraten, waren Wirtschaft und Politik daran interessiert, neue Absatzmärkte zu erschließen und viel Geld zu verdienen. Dann muss man aber auch in Kauf nehmen, dass sich Menschen aus diesen Ländern nach dem Beitritt in der EU frei bewegen können. Dass sie gleiche Chancen haben, auf Beschäftigung, Bildung und menschenwürdiges Wohnen. Dagegen sperrt man sich nun, indem man ein populistisches Feindbild zeichnet.

SPIEGEL ONLINE: Im CSU-Wahlkampf ging es aber nicht speziell um Sinti und Roma - eher allgemein um gering qualifizierte Migranten, die angeblich wegen der Sozialleistungen nach Deutschland kommen.

Peritore: Sie haben recht, Hans-Peter Friedrich hat nie expressis verbis von Sinti und Roma gesprochen. Es wusste aber jeder, welche Gruppe gemeint ist. Dabei sind die meisten Zuwanderer aus Südosteuropa gar keine Roma. Die wenigen, die tatsächlich aus dieser Region kommen, sind Bürger ihrer Länder und verdienen die Chance, in jedem EU-Mitgliedstaat eine bessere Perspektive zu finden als in ihrer Heimat.

SPIEGEL ONLINE: Wie nehmen Sie die Stimmung unter den Sinti und Roma in Deutschland wahr?

Peritore: Viele von denen, die aus Ländern wie Bulgarien kommen, arbeiten auf Spargelfeldern oder auf dem Bau als Helfer. Zum großen Teil werden sie ausgebeutet von Unternehmen; ihre Situation ist schlimm. Unter den in Deutschland eingesessenen Sinti und Roma höre ich viele Stimmen der Solidarität, gerade bei jenen, die zur Holocaust-Generation gehören und selbst Not erfahren haben. Die haben Verständnis dafür, dass diese Menschen versuchen, in reichen Ländern Fuß zu fassen. Aber keines dafür, dass sie von Teilen der Öffentlichkeit über einen Kamm geschoren werden.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Peritore: Sie müssen unterscheiden. Wir haben hier 70.000 deutsche Sinti und Roma, die sind völlig integriert, haben Jobs, die Kinder gehen in die Schule. Diese Menschen können Sie nicht vergleichen mit Zuwanderern, die nach Deutschland kommen, um Arbeit zu finden. Zwölf Millionen europäische Sinti und Roma sind eben keine homogene Masse. Was alle gemeinsam haben, ist nur der Begriff des sogenannten Zigeuners, mit dem sie abgestempelt werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie machen sich diese Ressentiments im Alltag bemerkbar?

Peritore: Viele haben Angst, als sogenannter Zigeuner erkannt zu werden, weil sie dann Probleme im Job oder bei der Wohnungssuche bekommen könnten. Ich selber habe meine Herkunft lange verheimlicht. Ich trage ja einen italienischen Namen, weil mein Vater aus Sizilien stammt; also bin ich lange als Italiener durchgegangen. Erst als ich Funktionär für die Belange der Sinti und Roma wurde, habe ich mich dazu bekannt. Und natürlich mache auch ich persönlich negative Erfahrungen: Beleidigungen, Bedrohungen. Ich versuche, damit gelassen umzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Deutsche unterstellen Sinti und Roma einen Hang zur Kriminalität: In der Studie gaben 56 Prozent der Befragten an, sie würden zu Straftaten neigen. Wie entsteht so ein Bild?

Peritore: Das frage ich mich auch, und ich beschäftige mich schon lange mit diesem Phänomen. Ich denke, dass es in allen Bevölkerungsteilen einen gewissen Prozentsatz von Menschen gibt, die sich nicht an Normen und Gesetze halten - auch unter den Sinti und Roma. Diese Leute müssen strafrechtlich belangt werden wie jeder andere auch. Was mich ärgert, sind allerdings die Vorverurteilungen. Alle für schuldig zu halten, bis sie ihre Unschuld bewiesen haben.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie ein Beispiel nennen?

Peritore: Nehmen Sie den Fall der kleinen Maria, dem blonden Mädchen, das im vergangenen Jahr in Griechenland bei einem Roma-Paar entdeckt wurde. Das war ein Höhepunkt der negativen Berichterstattung der vergangenen Jahre. Weltweit wurde da das Klischee des kinderklauenden Zigeuners kolportiert. Bis sich herausstellte, dass der Fall sich ganz anders abgespielt hatte. Aber der Makel bleibt. Ich finde, da haben die Medien eine ganz große Verantwortung.

SPIEGEL ONLINE: Was kann man tun, um in Deutschland mehr Akzeptanz zu schaffen?

Peritore: Man muss den Menschen die Chance geben, einen Dialog zu führen. Über kulturelle Prägungen, Sprache, Kultur; eben all das, was Minderheiten ausmacht. Man muss deutlich machen, dass wir alle die gleichen Sorgen teilen - über unsere Sicherheit, unsere Renten, unsere Arbeitsplätze oder faire Chancen für unsere Kinder. Die Ewiggestrigen, die Rassisten, werden wir nie bekehren können. Da mache ich mir keine Hoffnungen. Aber mit den vielen Unentschlossenen in den Dialog zu kommen, das ist entscheidend.

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