Alkoholismus im Indianerreservat: Amerikanischer Alptraum

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Eine Handvoll Einwohner und vier Bierläden: Das Örtchen Whiteclay in Nebraska lebt vom Alkoholismus der Oglala-Sioux im benachbarten Reservat. Nun hat der Stamm Geschäfte und Großbrauereien auf eine halbe Milliarde Dollar verklagt - sie sollen für die Schäden zahlen.

Reservat in South Dakota: Klage im Kampf gegen Alkoholismus Fotos
AP

Wer im Pine Ridge Reservat wohnt, lebt den amerikanischen Alptraum. Hier, im Südwesten des US-Bundesstaats South Dakota, gibt es etwa 40.000 Menschen, die meisten davon vom Stamm der Oglala-Sioux. Ihre durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 45 bis 52 Jahren, mehr als 25 Jahre unter dem Durchschnitt der USA.

Shannon County im Reservatsgebiet ist laut US-Zensus der drittärmste Bezirk im ganzen Land, fast die Hälfte der Bevölkerung hat ein Einkommen unterhalb der Armutsgrenze. In vier von fünf Familien gibt es Alkoholkranke, eines von vier Kindern ist bereits bei der Geburt wegen des Alkoholkonsums der Mutter geschädigt. Die Arbeitslosenquote liegt bei 80 Prozent, die Selbstmordrate ist sehr hoch, mehr als die Hälfte der Kinder wird von den Großeltern aufgezogen.

Alkohol ist im Reservat schon seit 1832 verboten. Eine Legalisierung wurde 1970 nach nur zwei Monaten zurückgenommen, ein weiterer Versuch, Alkoholkonsum zu erlauben, wurde 2004 nach heftigen Protesten aufgegeben.

Es gibt Stimmen im Reservat, die das Alkoholverbot für die katastrophale Situation mitverantwortlich machen. Das Verbot mache Alkohol nur noch begehrenswerter, lautet ihr Argument. Würden der Verkauf und Konsum legalisiert, höre der Schmuggel auf. Zudem könnten mit den Einnahmen Therapien bezahlt und die Wirtschaft gestärkt werden. Wenn man schon mit dem Übel leben müsse, wolle man wenigstens finanziell profitieren.

Ein Dorf lebt vom Alkoholismus der Nachbarn

Reservatsbewohner, die das Verbot befürworten, halten dagegen, eine Legalisierung werde die Probleme nur verschärfen. 2006 wurden 28 Stämme kontaktiert, die Alkohol in ihren Reservaten erlaubt hatten. Keiner davon gab an, dass sich dadurch die Einnahmen erhöht hätten. Und die Hoffnung, mit legal erhältlichem Alkohol würden die Reservatsbewohner ihren Konsum besser steuern können, sei bestenfalls naiv.

Diese Sichtweise hat sich nun durchgesetzt. Dass Alkohol die Gemeinschaft, Gesundheit und Familien im Reservat zerstört, liegt nach offizieller Ansicht des Stammes daran, dass er in Whiteclay, direkt hinter der Grenze zum Nachbarstaat Nebraska, so einfach zu bekommen ist. Von Pine Ridge, dem größten Ort im Reservat, bis in das Nest im Mittleren Westen sind es nur wenige hundert Meter.

Kurz gesagt, lebt Whiteclay von der Alkoholsucht der Reservatsbewohner. Und deshalb hat der Stamm fünf der weltgrößten Brauereien - Anheuser-Busch, SAB Miller, Molson Coors Brewing Co., MillerCoors LLC und Pabst Brewing Co. - sowie Bierlieferanten und die Betreiber der Geschäfte in Whiteclay verklagt - auf eine halbe Milliarde Dollar. Die Beklagten sollen wissentlich zum Alkoholkonsum und seinen Folgen im Reservat beigetragen haben. Der Stamm will Entschädigung für die erlittenen und zu erwartenden Schäden.

4,9 Millionen Dosen Bier im Jahr

Whiteclay, nicht mehr als ein paar Gebäude entlang des Highway 87, hat etwa ein Dutzend Einwohner und vier Alkoholläden. Stateline Liquor, Arrow Head Inn, Jumping Eagle Inn und D & S Pioneer Service setzen täglich durchschnittlich gut 13.000 Dosen Bier ab, fast fünf Millionen Stück pro Jahr.

Durch das Geschäft sollen sich die Beklagten seit Jahren bereichert haben - insbesondere, da Bier laut "New York Times" in Whiteclay fast doppelt so teuer ist wie anderswo im Land. Besonders beliebt ist der Zeitung zufolge Hurricane High Gravity Lager, ein Bier mit 8,1 Prozent Alkoholgehalt.

"Die Bierindustrie verkauft in Whiteclay Alkohol und verletzt dabei die Gesetze Nebraskas und des Oglala-Stammes", sagt Anwalt Thomas White, der den Stamm vertritt, zu SPIEGEL ONLINE. In Whiteclay gibt es kein Lokal, in dem Alkohol getrunken werden darf. Alkoholkonsum auf der Straße ist in Nebraska verboten. Entweder, so White, werde also illegal auf der Straße getrunken, eine Verletzung der Gesetze Nebraskas. Oder die Ware werde ins Reservat geschmuggelt, eine Verletzung der Gesetze des Stammes.

Produzenten und Verkäufer, so die Klageschrift, wussten vom Schmuggel - oder hätten wegen Einsätzen der Behörden, zahlreicher Hinweise durch Medienberichte, offizieller Anhörungen sowie Protesten der Oglala davon wissen müssen. "Man kann nicht 4,9 Millionen Dosen Bier verkaufen, seine Hände in Unschuld waschen und sagen, mit dem Schmuggel haben wir nichts zu tun", sagt Anwalt White. Deshalb sei der Verkauf in Whiteclay so, "als gäbe man einer Person einen Baseballschläger in die Hand - wohlwissend, dass er damit gleich jemandem eins über den Schädel zieht".

"Wer will neben einem Ort wie Whiteclay ein Haus kaufen?"

Die Regeln gegen Alkohol im Reservat sind strikt: Lallen, Torkeln oder nur nach Alkohol zu riechen reicht aus, um festgenommen zu werden. Das geschieht häufig: Der Klageschrift zufolge gab es 2008 im Reservat mehr als 27.000 Festnahmen - bei mehr als 90 Prozent davon spielte Alkohol eine Rolle. Alkoholismus ist laut dem Stammesvorsitzenden John Yellow Bird Steele für 95 Prozent der Kosten des Gesundheitssystems im Reservat verantwortlich.

Ein nun eingereichter Zusatz zur Klageschrift geht speziell auf diese öffentlichen Folgekosten des Alkoholproblems ein - und verweist auch auf Nachteile für einzelne Privatleute: Das Alkohol-Nest Whiteclay mindert den Wert des umliegenden Landes: "Wer will neben einem Ort wie Whiteclay ein Haus kaufen oder eine Fabrik bauen?", fragt Anwalt White.

Und wie sieht es mit der persönlichen Verantwortung der Reservatsbewohner aus? Niemand wird gezwungen, Alkohol zu trinken. Anwalt White lässt diesen Einwand nicht gelten. "Wir akzeptieren ja auch nicht, dass Handlungen von Drogenkonsumenten die Regierung daran hindern, auch die Leute zu verfolgen, die diese Drogen zur Verfügung stellen."

Die Beklagten wollen sich zur Sache nicht äußern. Die betroffenen Großbrauereien ließen Anfragen von SPIEGEL ONLINE unbeantwortet.

Nachbargemeinden wollen Problem auf Whiteclay begrenzen

Whiteclays Einwohner sehen sich selbst als Opfer. Der Bundesstaat Nebraska wolle nichts ändern, meint Victor Clarke, der in dem Ort einen Supermarkt betreibt und keinen Alkohol verkauft. So bleibe das Problem in dem Ort isoliert - in Nachbargemeinden sagten Einwohner, man wolle die problematische Indianerkundschaft nicht haben.

Die Polizei sagt, sie sei machtlos. Zwei- bis dreimal am Tag fährt eine Patrouille vorbei. "Oft entsteht ein Problem in South Dakota und zeigt sich in Whiteclay", sagte Sheriff Terry Robbins.

Das Problem beschäftigt Nebraska schon seit Jahren. Der Staat überlegt, in Orten wie Whiteclay nun den Alkoholverkauf zu beschränken. In einer sogenannten Alcohol Impact Zone könnte etwa der Verkauf bestimmter alkoholischer Getränke verboten oder die Öffnungszeiten eingeschränkt werden.

Das dürfte kaum ausreichen, um die Oglala-Sioux zufriedenzustellen. "Wir glauben, dass wir nicht vorwärts kommen oder funktionieren können, ohne die Frage Whiteclay zu lösen", sagte der Stammesvorsitzende Steele.

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1.
LeToubib 29.04.2012
Tja, die Nachfrage regelt halt das Angebot ...
2. Kein Einzelfall
DaDschan 29.04.2012
Auf meinen Reisen durch die USA habe ich leider immer wieder feststellen müssen, dass (mehrheitlich weiße) Geschäftemacherei mit der Alkoholsucht entlang der Reservatsgrenzen die Regel ist. Sich einem indianischen Territorium von weißer Seite aus zu nähern, erkennt man zuverlässig, weil unübersehbar und überall daran, dass die Anzahl der Liquor-Stores explosionsartig zunimmt. Und selbst an Tankstellen (gesehen unter anderem in Arizona/Navajo) steht palettenweise Billig-Whisky in 1 gal Plastik-Kanistern (ca. 3,79 Liter) zum Verkauf. Entfernt man sich wieder einige Meilen von der Grenze, so gibt es solche Angebote plötzlich nicht mehr...
3. wir sind halt aufgeklaert
ofelas 29.04.2012
Zitat von LeToubibTja, die Nachfrage regelt halt das Angebot ...
Komisch, Neu Zealand, Australien, oder Nord Amerika, ueberall wo die Urbevoelkerung verdraengt wurde durch Europaer wird das gleiche Verhalten gesehen. Die Urbevoelkerung ist enteignet, sozial marginalisiert, Drogenkonsum und Gewalt ist extrem hoch...muss an dennen liegen
4.
Rainer Helmbrecht 29.04.2012
Zitat von ofelasKomisch, Neu Zealand, Australien, oder Nord Amerika, ueberall wo die Urbevoelkerung verdraengt wurde durch Europaer wird das gleiche Verhalten gesehen. Die Urbevoelkerung ist enteignet, sozial marginalisiert, Drogenkonsum und Gewalt ist extrem hoch...muss an dennen liegen
Ich bin kein Fachmann für dieses Problem, aber ich stelle mir vor, was die Amis gemacht hätten, wenn sie etwa ein Viertel der Bevölkerung hätten integrieren müssen. In Deutschland haben wir die Migration durch Zuwanderung und auch durch die EX DDR. Ich kann nicht verstehen, warum man nicht kapieren kann, dass es sich nicht um Gottes eigenes Land handelt, sondern um Manitus Land. Es fehlt einfach der Wille zu einer ordentlichen Lösung, die auch den Ureinwohnern Gerechtigkeit bringt. Bei der Lösung für die Indianer sollte auch für die Schwarzen etwas dabei sein. MfG. Rainer
5. Usachen
box-horn 30.04.2012
Zitat von ofelasKomisch, Neu Zealand, Australien, oder Nord Amerika, ueberall wo die Urbevoelkerung verdraengt wurde durch Europaer wird das gleiche Verhalten gesehen. Die Urbevoelkerung ist enteignet, sozial marginalisiert, Drogenkonsum und Gewalt ist extrem hoch...muss an dennen liegen
In einem Staat, in dem "verantwortlich" immer andere sind, nur man selbst nicht, hat die Klage vermutlich Aussicht auf Erfolg. Anderenfalls bliebe nur festzustellen, daß lizensiertes Bierbrauen und Schnapsbrennen nicht verboten ist und jeder einzelne frei ist zu entscheiden, ob er das Zeugs nun kauft oder nicht. Davon abgesehen sind für überhöhten Alkoholpreise im Reservat natürlich nicht die Hersteller verantwortlich, sondern der Handelsweg bis hin zum Liquor-Store, und sie haben auch nichts davon. Wer diese Klage im Munde führt ist entweder der Meinung, geringere Preise führen zu geringerem Konsum, oder noch mehr Konsum sei gut für die Konsumenten. Kann es doch wohl irgendwie nicht sein... eigentlich können die Preise gar nich hoch genug sein, um den Konsum irgendwie einzugrenzen. Meines Erachtens ist die "Institution" des Reservats einer der Hauptverursacher an dem Alkoholismus und der allgemeinen wirtschaftlichen Misere der Ureinwohner. Unter dem Deckmäntelchen der "Traditionspflege" und der Zahlungen der Bundesstaaten an die Reservationen hat sich eine Subkultur entwickelt, die nicht (oder viel zu selten) auf wirtschaftliche und bildungsmäßige Entwicklung setzt, sondern auf möglichst geringe Veränderungen, mit allen Folgen mangelnder Perspektive für den einzelnen, neben eines genetisch bedingten höheren "Suchtfaktors" durch einen anderen Stoffwechsel (im Unterschied zu den europäisch-stämmigen "Weißen"), eine der Hauptursachen. Die Kinder und Jugendlichen werden an die Reservate gebunden und damit zu dem gleichen Schicksal verdammt. Und das ist keineswegs nur die Schuld des "bösen weißen Mannes" sondern auch der Profiteure des Systems unter den Ureinwohnern, mit denen ich unter diesen Gesichtspunkten wenig Mitleid habe. Die Ureinwohner machen sich selbst zu Bürgern zweiter oder dritter Klasse. Im Grunde sollten man die Reservate auflösen und die Ureinwohner zwingen, unter der Mehrheitsbevölkerung zu leben, die Kinder in "normale" US-Schulen zu geben, damit diese dann den Weg zur "normalen" Ausbildung womöglich bis hin zur Universität finden, und zwar regelmäßig, und nicht nur ausnahmsweise. Darüberhinaus würde der nachbarschaftliche soziale Druck und dessen Mißbilligung allzuheftigen Alkkonsums einiges zur Eindämmung beitragen.
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