Skandal im Königshaus "Du scheinheiliges Scheusal"

Lügen, Seitensprünge, politische Intrigen und eine obskure Geistheilerin: In den Niederlanden sorgt eine Biografie über Königin Juliana, Mutter der heutigen Monarchin, für Aufsehen. Deren Ehekräche weiteten sich einst zur Staatskrise aus - bis heute sind die Dokumente darüber unter Verschluss.

Von , Amsterdam


Beim Aufräumen in den Kellern von Schloss Soestdijk stand sie auf einmal da: eine Kiste, verschlossen. Der Schlüssel war nicht auffindbar.

Es war Ende 2004. Prinz Bernhard, der Vater der niederländischen Königin Beatrix, war noch nicht lange tot. Den Bediensteten am Hofe war klar, dass es sich um eine besondere Kiste handeln musste. Sie brachten den Holzkasten ins Königliche Hausarchiv und brachen ihn auf. Zum Vorschein kamen Briefe, die meisten handgeschrieben, intim, mitunter hochnotpeinlich und voller politischem Sprengstoff.

"Ich weiß nicht, in wessen Gesellschaft du schläfst. Ich weiß nichts, nichts, nichts!" Diese verzweifelten Worte standen in einem Brief von Juliana, vormals Königin der Niederlande, Ehefrau von Prinz Bernhard und Mutter der heutigen Monarchin Beatrix.

Beim Aufbrechen der Kiste war auch der Historiker Cees Fasseur, 69, zugegen: ein Mann mit grau gelocktem Haar, von imposanter Präsenz. Die Anwesenheit des Wissenschaftlers kam nicht von ungefähr. Denn so vertraulich die Briefe klingen, offenbaren sie doch Brisantes über eine Staatsaffäre, die die konstitutionelle Monarchie der Niederlande beinahe zu Fall gebracht hätte.

Die Aufarbeitung dieser Vorfälle hat nun, nach 52 Jahren, einen entscheidenden Schritt getan - mit einem neuen Buch des Geschichtsgelehrten Fasseur, das vergangene Woche erschienen ist. Das Werk mit dem sachlichen Titel "Juliana & Bernhard. Eine Ehe 1936 -1956" steckt voller saftiger Details über die Verbindung der beiden Blaublüter ("Du scheinheiliges Scheusal", schrieb Juliana an Bernhard). Und es erzählt, wie es zu den dramatischen Ereignissen am Hof der Oranier im Sommer 1956 kam.

Eine Handgranate für die Geistheilerin

Damals wurde bekannt, dass Königin Juliana im Bann einer obskuren Geistheilerin namens Greet Hofmans stand. Der SPIEGEL hatte das in einer Titelgeschichte ("Zwischen Königin und Rasputin") enthüllt und sorgte für ein Erdbeben in der holländischen Politik.

Eine Untersuchungskommission unter Ex-Premier Beel ging den Vorwürfen sogleich nach und verbannte Hofmans schließlich vom Hofe. Begründet wurde dies damals unter anderem damit, dass Juliana einzelne Minister einbestellte, was die Verfassung so nicht vorsieht. Auch wurde eine pazifistische, gegen die Nato gerichtete kommunistische Grundhaltung Hofmans ruchbar - in den hysterischen Zeiten des Kalten Krieges galt dies als staatliches Sicherheitsrisiko.

Womöglich noch alarmierter war man im streng calvinistischen Holland angesichts der Gefahr, dass die Ehe von Bernhard und Juliana an Greet Hofmans scheitern könnte. Deswegen verdonnerte die Kommission die Königin dazu, zumindest "die Fassade" zu wahren und über die Seitensprünge ihres deutschstämmigen Gemahls geflissentlich hinwegzusehen.

Doppelmoral und politische Brutalität gipfelten in einer Handgranate, die der Geistheilerin zugeschickt wurde. Absender des Päckchens scheint wohl, so geht aus Fasseurs Buch hervor, ein Kreis von Konservativen gewesen zu sein, dem auch Bernhard nahestand.

"Stets ein Familienmann"

Hofmans verschwand daraufhin im Herbst 1956 endgültig vom Hofe und hinterließ eine verzweifelte, vereinsamte, wankelmütige Königin auf Soestdijk zurück. Juliana beschwerte sich denn auch bitterlich, ihr Mann wolle sie vermutlich als "geisteskrank" hinstellen, sie in eine Psychiatrie abschieben und die noch junge Beatrix als Marionettenkönigin seiner Gnaden installieren. Julianas Mutter ging noch einen Schritt weiter und witterte hinter den Machenschaften ihres teutonischen Schwiegersohns gar einen "deutschen Putsch".

Dass die Bundesrepublik tatsächlich die Absicht besessen haben könnte, den kleinen Polderstaat zu annektieren - da irrten Ihre Majestät. Nicht aber hinsichtlich der aktiven Rolle, die Prinz Bernhard bei der Aufdeckung des Skandals gespielt hatte.

Historiker Fasseur zeichnet nach, wie es zu der damaligen Titelgeschichte des SPIEGEL kam: Wie Bernhard selbst einen britischen Journalisten mit Milieuschilderungen aus dem bizarren Hofleben versorgte; wie dieser sich nicht traute, die Geschichte zu veröffentlichen und sich schließlich an einen Freund, den damaligen SPIEGEL-Redakteur Claus Jacobi wandte. Der Leidener Geschichtsforscher Fasseur recherchierte sein Buch deshalb auch im Archiv des SPIEGEL.

Noch heute taugt der Stoff in den Niederlanden für heftige Diskussionen, etwa darüber, ob Fasseur Prinz Bernhard zu positiv dargestellt hat. So billigt er dem Prinzen zu, trotz seiner Affären "stets ein Familienmann" gewesen zu sein, der mit der Lancierung der Hofmans-Story im SPIEGEL die schwelende Staatskrise zu einem heilenden Donnerwetter geführt hat.

"Ihre Majestät hat den größtmöglichen Abstand gewahrt"

Julianas schwierige Position angesichts des Machismo ihres Ehemanns und der Bigotterie der niederländischen Politik werde von Fasseur hingehen nicht ausreichend gewürdigt, beschweren sich dagegen vor allem weibliche Kommentatoren. So habe man es Bernhard beispielsweise durchgehen lassen, dass der seine Gespielin zum offiziellen Winterurlaub mit Ehefrau Juliana mitnahm. "Das ist doch pures, auf Erniedrigung ausgerichtetes Ausspielen von Macht", schreibt etwa die feministische Kolumnistin Elsbeth Etty vergangene Woche im "NRC Handelsblad".

Im übrigen habe Fasseur nicht beweisen können, dass Juliana auch wirklich unter der Knute ihrer Heilerin gestanden habe. Auch wird ihm angekreidet, als einziger Historiker das Recht zur Einsicht in die Archive erhalten zu haben, mithin ein "Lakai von Beatrix" zu sein. Fasseur widerspricht: "Ihre Majestät hat den größtmöglichen Abstand zu dem Buch gewahrt und wollte den Text deshalb auch vorher nicht lesen."

Warum Beatrix allerdings Fasseur gerade jetzt die Sondergenehmigung zum Verfassen eines derart süffigen Sittengemäldes erteilte, darüber wird ebenso lebhaft spekuliert. Eine beliebte Erklärung lautet: Sie wolle reinen Tisch machen mit der unappetitlichen Vergangenheit, bevor sie die Amtsgeschäfte an ihren Nachfolger übergeben will - ihren Sohn Willem Alexander und dessen Ehefrau Prinzessin Máxima.



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