Skandal in Irlands Kirche: Geschlagen, gedemütigt, vergewaltigt

Aus Dublin berichtet Martin Alioth

Irland arbeitet einen Missbrauchsskandal ungeheuren Ausmaßes auf: In katholischen Heimen und Schulen wurden jahrzehntelang Tausende Minderjährige gequält. Schweigender Komplize war der Staat, der das System finanzierte - die Einrichtungen erhielten eine Kopfprämie für jedes Kind.

Die Leidtragenden mussten draußen bleiben. Als die Untersuchungskommission der irischen Regierung am Mittwoch ihren Bericht zu dem schwerwiegendsten Missbrauchsskandal in der Geschichte des Landes im edlen Conrad Hotel in Dublin vorstellte, hatte sich dort auch eine Gruppe von Opfern versammelt - doch zu ihrem Zorn wurden die Menschen nicht eingelassen.

"Leer und betrogen" fühlten sich die Opfer, klagte John Kelly, Sprecher der Organisation SOCA, mit wuterfüllter Stimme. Die bloße Untersuchung der Vorfälle geht ihm nicht weit genug. Die Schuldigen, so Kelly, müssten belangt, vor Gericht gestellt werden.

Tausende von irischen Kindern wurden jahrzehntelang systematisch in Anstalten missbraucht, die von der Katholischen Kirche in Irland geführt, aber vom irischen Staat finanziert wurden. Zu diesem Schluss kommt der 2500 Seiten starke Bericht. Seit dem Jahr 2000 hatte eine Expertenkommission unter der Leitung eines Richters ermittelt, von den über 3000 Opfern, die sich als Zeugen gemeldet hatten, wurden aus Zeitgründen nur etwa 1800 persönlich befragt und angehört.

Das Oberhaupt der katholischen Kirche in Irland entschuldigte sich am Mittwoch. Er sei "zutiefst beschämt, dass Kinder in diesen Institutionen auf so schreckliche Weise leiden mussten", sagte Kardinal Sean Brady, der Primas von Irland und Erzbischof von Armagh, der Nachrichtenagentur AFP zufolge.

Die Kommission war nach einer Fernsehdokumentation eingesetzt worden, die den damaligen irischen Premierminister, Bertie Ahern, 1999 zu einer offiziellen Entschuldigung im Namen des irischen Staates veranlasst hatte.

Insgesamt erhoben die Opfer Beschuldigungen gegen mehr als 200 Institutionen. Es handelt sich um Besserungsanstalten, Arbeitsheime, Waisenhäuser und dergleichen, in die uneheliche, delinquente, verwaiste oder ansonsten missliebige Kinder von willfährigen Gerichten überwiesen wurden. Sie waren im Durchschnitt acht Jahre alt.

Es handelte sich also oft um Kinder, die sich an keine Angehörigen um Hilfe wenden konnten - und wenn sie es wagten, glaubte man ihnen nicht. Glaubte man ihnen doch, blieben Kirche und Staat untätig.

Sexueller Missbrauch war endemisch

Die Komplizenschaft von Kirche und irischem Staat kommt nicht von ungefähr - die Verflechtungen waren einst so dicht, dass eine Unterscheidung bisweilen schwer fiel: Der damalige Erzbischof von Dublin, John Charles McQuaid, durfte die noch immer gültige irische Verfassung von 1937 vorweg redigieren.

Die Mehrheit der Missbrauchsfälle trug sich in den Jahren 1936 bis 1970 zu, aber der Bericht enthält auch ältere und jüngere Fälle. Es ist ohnehin bekannt, dass klerikaler Missbrauch in Irland nicht 1970 endete - damals wurden bloß die viktorianischen Anstalten geschlossen.

Der Bericht spricht von systematischem, körperlichem, sexuellem und emotionalem Missbrauch. Federführend waren bei den Jungen die Christian Brothers, die die beiden größten "Industrial Schools" in Artane (Dublin) und Letterfrack (Donegal) führten. In diesen beiden Anstalten sei der sexuelle Missbrauch "endemisch" gewesen, sagt der Bericht schneidend, also permanent und im System eingebaut. Pikanterweise wurden die wesentlichen Beweise für den sexuellen Missbrauch dieses Ordens in den Archiven des Vatikans gefunden.

Die Täter wurden geschützt, sofern es sich nicht um einen Gärtner oder einen Chauffeur handelte. Schlimmstenfalls wurden chronische Kriminelle einfach in eine andere Institution versetzt. Zeitweise gingen mindestens sieben Kleriker gleichzeitig in derselben Schule ihren sexuellen Begierden nach.

Körperlicher Missbrauch bei den "Sisters of Mercy"

Bei den Institutionen für Mädchen herrschte körperlicher Missbrauch vor, also Prügel. Diese wurde oft täglich und grundlos verabreicht, für die Kinder sei das ein "täglicher Terror" gewesen. Der dominante Orden für Mädchen hieß perverser Weise "Sisters of Mercy" - die Schwestern der Barmherzigkeit. Dieser Orden betrieb auch die in einem anderen Film angeprangerten "Magdalen Laundries", Wäschereien für "gefallene Mädchen", also Frauen, deren Lebenswandel Anstoß erregte.

Der irische Staat, vertreten durch sein Bildungsministerium, finanzierte diesen Missbrauch der Kinder. Die katholischen Orden erhielten eine Kopf-Prämie pro Kind und bemühten sich regelrecht um zusätzliche Kinder, denn das Geschäft lohnte sich. Aber das Ministerium griff aus Angst oder Respekt vor der katholischen Kirche nie ein, wenn Klagen über Missbrauch bekannt wurden. Der Staat wurde so zum schweigenden Komplizen des Unrechts, denn offiziell blieb die Sorgepflicht ja beim Staat, die Orden handelten im Auftrag der Öffentlichkeit.

Sowohl das Ministerium als auch die religiösen Orden versuchten, die Arbeit der Kommission zu sabotieren. Die erste Vorsitzende, Richterin Mary Lafoy, trat nach drei Jahren aus Protest gegen diese amtliche Obstruktion zurück.

Bis zu 500 Priester könnten verstrickt sein

Am hartnäckigsten wehrten sich die Christian Brothers. Ihren dauernden Sabotageversuchen ist es zuzuschreiben, dass der Bericht keine Namen nennt.

SOCA-Sprecher Joe Kelly ist empört, dass die Willfährigkeit der Gerichte nicht untersucht wurde. Er verlangte, dass die Führung der Kirche und der religiösen Orden ebenso vor Gericht gestellt werde wie die duckmäuserischen Ministerialbeamten.

Mary Raftery, die Produzentin des Fernsehfilms "States of Fear", der 1999 das öffentliche Bewusstsein geweckt hatte, meinte am Mittwochabend im irischen Rundfunk, sie glaube dennoch, der schockierende Bericht werde den Opfern endlich Genugtuung verschaffen, da er den Wahrheitsgehalt ihrer Anklagen amtlich und ausführlich bestätige.

Die groben Tatsachen, die in diesem fünfbändigen Bericht aufgelistet werden, waren schon bekannt. Der Ruf der katholischen Kirche hat in den vergangenen Jahren in Irland durch aktuelle Fälle von sexuellem Missbrauch durch Priester und die anschließende Vertuschung durch die zuständigen Bischöfe derartigen Schaden genommen, dass er durch die neuen Einzelheiten kaum mehr weiter beeinträchtigt werden kann.

Möglicherweise kommt es aber noch schlimmer: Im Sommer soll ein Bericht über Missbrauch durch Priester in der riesigen Erzdiözese Dublin veröffentlicht werden; der gegenwärtige Erzbischof von Dublin, der überaus ehrenwerte Diarmuid Martin, hat schon mehrfach gewarnt, es seien bestürzende Einzelheiten zu erwarten. Es ist die Rede von bis zu 500 Priestern, die in die Vorgänge verstrickt gewesen sein könnten.

Am Mittwochabend wiederholte der irische Provinzial der Christian Brothers die Entschuldigungen des Ordens für den vergangenen Missbrauch in einer Sendung des irischen TV-Kanals RTE. Christine Buckley, ein prominentes Opfer der "Sisters of Mercy" wurde in derselben Nachrichtensendung gebeten, die Aussagen des Provinzials zu kommentieren. "Ich glaube ihm kein einziges Wort", sagte sie mit kaum unterdrücktem Zorn.

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