Skandal um Escort-Girl: Berlusconi und das Bunga-bunga

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Silvio Berlusconi in der Bredouille: Eine 17-Jährige behauptet, mehrere zehntausend Euro von Gefolgsleuten des italienischen Regierungschefs dafür erhalten zu haben, dass sie dessen Partys in der Villa San Martino besuchte. Jetzt ermittelt die Mailänder Staatsanwaltschaft im Umfeld des Premiers.

Die Berlusconi-Affäre: "Komplett unbegründeter Verdacht" Fotos
REUTERS

Rom - Ein verwirrtes Aschenputtel, 30.000 Euro in bar und jede Menge pikanter Details aus dem Leben des italienischen Premiers: Zum wiederholten Mal ist Silvio Berlusconi wegen seiner angeblichen Vorliebe für Minderjährige in die Schlagzeilen geraten - und erneut fordert Italiens größte Oppositionspartei den Rücktritt des Regierungschefs: "Berlusconi kann keine weitere Minute länger in einem öffentlichen Amt bleiben, das er auf unanständige Weise verraten hat", sagte der Vorsitzende der linken Demokratischen Partei (PD), Pier Luigi Bersani, am Samstag. "Das Land hat ein Recht auf moralische Nüchternheit."

Diesmal ist die Protagonistin des Skandals eine Bauchtänzerin, die sich Ruby Rubacuori oder auch "Herzensdiebin" nennt. "Ich habe den Ministerpräsidenten getroffen", soll die 17-Jährige einem Sozialarbeiter anvertraut haben. "Ich habe 30.000 Euro von Silvio Berlusconi erhalten, in bar, in einem Umschlag", zitiert die regierungskritische Zeitung "Il Fatto Quotidiano" die junge Frau.

Dreimal soll Ruby der "Repubblica" zufolge in Berlusconis Villa San Martino im lombardischen Arcore zu Besuch gewesen sein, außerdem wertvollen Schmuck, Designermode, ein Auto und Uhren mit der Aufschrift "Gut, dass es Silvio gibt" von ihrem Gönner geschenkt bekommen haben. Nein, sie habe keinen Sex mit dem Premier gehabt, betonte die Minderjährige. Aber sie habe einen tiefen Einblick in das Leben der Schönen und Reichen bekommen, der Escort-Damen und Politiker, die dort ein- und ausgingen.

Erotisches Dessert im Separee

Auch über "Bunga-bunga" sprach Ruby mit den Beamten der Staatsanwaltschaft Mailand, die sie im Zusammenhang mit Ermittlungen im Rotlichtmilieu schon vor Monaten erstmals befragt hatten. "Bunga-bunga" bezeichne eine angebliche Angewohnheit des Hausherrn von Arcore, nach dem traditionellen Abendessen schöne Frauen und interessierte Gäste zu einer Art erotischem Dessert ins Separee einzuladen.

"Silvio hat mir gesagt, dass der Ausdruck Bunga-bunga von Ghaddafi kommt: Es sei ein Ritus in seinem afrikanischen Harem", zitiert die "Repubblica" aus den Ermittlungsakten.

Am 14. Februar 2010 will Ruby erstmals in Begleitung eines Vermittlers nach Arcore gekommen sein. Über einen Seiteneingang habe sie das Gebäude erreicht und sei dann "Silvio" vorgestellt worden: "Er ist sehr höflich. Da sind etwa 20 weitere Mädchen, aber nur zwei Männer" - Silvio und ein anderer Mann, so ihre Schilderung. Bei Letzterem soll es sich um einen Journalisten aus Berlusconis Mediaset-Gruppe handeln, der an der wegen mangelnder Objektivität umstrittenen Nachrichtensendung Tg4 des Privatsenders "Rete 4" mitwirkt.

Wegen mutmaßlicher Begünstigung der Prostitution ermittelt die Staatsanwaltschaft Mailand jetzt gegen den Journalisten und einen weiteren Bekannten Berlusconis, einen Medienunternehmer und "Talent-Scout", der Ruby versprochen haben soll, sie im Showbusiness unterzubringen.

"Ich habe keine Ahnung, wer diese Ruby ist, ich habe niemals irgendeine Art von Beziehung zu ihr gehabt", dementierte der Journalist am Donnerstag die Meldungen. Vielleicht habe er sie "ein paar Mal beim Abendessen mit dem Premier gesehen", sagt er dem Sender "Radio Città Futura". Er bestritt aber, die 17-Jährige je mit dem Talent-Scout oder gar mit Silvio Berlusconi bekannt gemacht zu haben.

Zwar erinnere er sich an einen gemeinsamen Abend in der Villa San Martino, wo man an der Bar gesessen und etwas getrunken habe. Auch Mädchen seien dort gewesen, aber es sei alles ganz normal verlaufen. Er habe zudem keinen Schimmer, was "Bunga-bunga" bedeute.

In einem Interview mit dem "Corriere del Mezzogiorno" im April 2009 erinnerte sich die ebenfalls minderjährige mutmaßliche Berlusconi-Gespielin Noemi Letizia an einen Witz, den ihr "Papi" einst erzählt habe: "Zwei Minister der Regierung Prodi fahren nach Afrika und werden von einem Eingeborenenstamm entführt. Der Häuptling fragt die erste Geisel: "Willst du sterben oder Bunga-bunga?" "Bunga-bunga" sagte dieser und wird vergewaltigt. Der zweite entschließt sich, gleich zu sterben. Sagt der Häuptling: "Erst Bunga-bunga, dann sterben."

Hypothesen, Halbwahrheiten, Medienmüll

Diese Schilderung könnte ein Beleg dafür sein, dass der Begriff im Umfeld des Präsidenten tatsächlich kursierte, und Ruby mithin zumindest in diesem Zusammenhang nicht gelogen hat. Denn: Vieles, was die 17-Jährige bisher gesagt hat, ist den Ermittlern zufolge konfus, widersprüchlich und bei weitem nicht immer glaubhaft. Trotz ihres an Erfahrungen reichen Lebens wirke Ruby noch immer sehr unreif, hieß es.

Dementsprechend groß ist die Zurückhaltung bei den Behörden: Der oberste Staatsanwalt des Landes, Edmond Brut Liberati, erklärte, dass es in den kommenden Tagen keine Erklärungen zu dem Fall geben werde. Sämtliche Angaben müssten vorsichtig geprüft werden. Derzeit scheint lediglich gesichert, dass Ruby am 14. Februar tatsächlich in Arcore war, weil ihr Mobiltelefon dort geortet wurde. Außerdem sollen einige der Schmuckstücke, von denen sie sagt, es seien Geschenke Berlusconis, tatsächlich vom Premier selbst gekauft worden sein.

Der 74-Jährige wischte die Kritik an seinem Lebensstil am Freitag auf gewohnt lässige Art vom Tisch. "Ich bin ein fröhlicher Mensch, ich liebe das Leben und die Frauen." "Niemand wird mich dazu bringen, meinen Lebensstil zu ändern, ich bin stolz darauf", sagte der Ministerpräsident in Brüssel. "Ich habe ein furchtbares Leben, ich muss Übermenschliches leisten, arbeite bis halb drei Uhr morgens und stehe um sieben Uhr wieder auf." Da brauche er ab und zu einen entspannenden Abend.

Als "kolossale Übertreibung" und Zeitungsente bezeichneten Berlusconis Anwälte Niccolò Ghedini und Piero Longo den Wirbel um die Aussagen der jungen Frau. Man sei vollkommen ruhig, aber angesichts des riesigen Medienechos verständlicherweise verärgert, so die Berater des Premiers. Die Vorwürfe der Journalisten seien "komplett und total unbegründet".

Das mag sein, dennoch macht sich offenbar Unruhe breit, auch unter den Personen, die Ruby als notorische Besucher von Berlusconis Partys in Arcore nannte. Eine ellenlange Namensliste soll den Ermittlern laut "Repubblica" vorliegen - darunter Fernsehmoderatorinnen, aufsteigende Show-Größen und absteigende Starlets, aber auch einige Politikerinnen, zwei davon mit Ministeramt.

Der Mailänder "Corriere della sera" zeichnete am Donnerstag die bewegte Vergangenheit der Ruby Rubacuori nach - in allen ihren trostlosen Details. Geboren am 11. November 1992, riss sie erstmals mit 14 von zu Hause aus, ließ das sizilianische Messina und ihre marokkanische Familie hinter sich. Dreimal wird sie wegen Diebstahls angezeigt, immer wieder versuchen verschiedene Behörden, sie in einer betreuten Wohnanlage für Minderjährige unterzubringen. Nach einer kurzen Liaison mit einem 33-Jährigen verdingt sie sich in Mailand eine Zeit lang als Zimmermädchen, Bauchtänzerin und Kosmetikerin.

Berlusconi hilft Ruby aus der Haft

Eine Weile lebt sie unbehelligt, obwohl die Behörden sie suchen und sie untergetaucht ist. Bis am 27. Mai 2010 eine lautstarke Auseinandersetzung die Polizei auf den Plan ruft, wie die "Repubblica" berichtet. Eine Frau wirft der 17-Jährigen vor, ihr 3000 Euro und wertvolle Uhren gestohlen zu haben. Der Streit eskaliert, als die Beamten vor Ort eintreffen, stellen sie fest, dass die Beschuldigte keine gültige Aufenthaltsgenehmigung hat. Bei Feststellung der Personalien auf der Wache stellen die Beamten fest, dass das Mädchen gesucht wird. Es sei bei Auffinden in eine Jugendeinrichtung zu bringen.

Am 28. Mai wird sie ins Polizeipräsidium gebracht, wo sie bereits von einer Vertrauten von Silvio Berlusconi erwartet - und aus dem Polizeigewahrsam entlassen wird. Der Ministerpräsident räumte am Freitag ein, bei der Freilassung von Ruby seine Hände mit im Spiel gehabt zu haben. Er weist jedoch die Vorwürfe zurück, er habe sein Amt missbraucht. Er habe lediglich die Polizei angerufen und eine Person benannt, in deren Obhut die Beamten die Minderjährige geben konnten, aber niemanden beeinflusst.

"Ich bin ein Mensch mit einem guten Herzen und immer bereit, jemandem in Not zu helfen", so Berlusconi am Donnerstag schelmisch.

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