Zwangsarbeit Auf dem Sklavenschiff

Phirun war Sklave an Bord eines thailändischen Schiffs, bis ihm die Flucht gelang. Millionen Menschen leben heute als Leibeigene. Ihr Schicksal und unsere Lust an billigen Waren sind untrennbar miteinander verknüpft.

Von , Alexander Epp (Animation) und Michael Meißner (Illustration)


DER SPIEGEL/Michael Meißner

Als Phirun am Strand erwacht, stehen Männer und Frauen um ihn herum und reden auf ihn ein. Er hustet, spuckt Wasser, fühlt den Sand im Gesicht. Er lebt.

Phirun, 26, wohnte in einem Dorf nahe der Stadt Siem Reap, im Norden von Kambodscha, als ihn ein Mann aus dem benachbarten Thailand ansprach und ihm einen gut bezahlten Job in einer Konservenfabrik versprach. Bis zu 500 Baht könne er täglich verdienen, wenn er ein paar Überstunden mache, umgerechnet gut zwölf Euro. Für Phirun, der seit Jahren schlecht bezahlte Gelegenheitsjobs machte, war das ein verlockendes Angebot.

Aber Phirun besaß keine Papiere und hatte kein Geld für die Reise nach Thailand. Der Mann erklärte, das sei kein Problem, er würde das alles schon organisieren. Anstatt misstrauisch zu werden, willigte Phirun ein. Immerhin musste er kein Geld an einen Schleuser zahlen. Anfang 2014 ließ er sich über die Grenze schmuggeln.

Doch anstatt in einer Fabrik Ananas in Dosen zu füllen, fand er sich auf einem alten Fischkutter wieder, auf dem es an allen Ecken rostete. Menschenhändler hatten ihn an den Schiffsbesitzer und Kapitän verkauft, für umgerechnet 300 Euro. "Man sagte mir, dass ich dafür zwei Monate ohne Lohn arbeiten müsse", erzählt Phirun. Doch auch danach sah er kein Geld. Stattdessen wurden er und andere junge Männer an Bord geschlagen und mussten täglich 15 Stunden und mehr arbeiten, sieben Tage die Woche, ohne Aussicht auf Urlaub.

Dann setzt es Ohrfeigen

Sie schliefen auf dem Boden des Schiffs, in dünne Bettlaken gehüllt, immer nur wenige Stunden am Stück. Die Hängematten waren den Vorgesetzten vorbehalten, nur der Kapitän hatte eine richtige Matratze. Es gab zu wenige Laken, aber da es immer Arbeit gab, konnten ohnehin nicht alle gleichzeitig schlafen. Der Kapitän sei hin und wieder betrunken über sie gestolpert. Vor seinen Wutausbrüchen hätten sie sich besonders gefürchtet, weil er dann Ohrfeigen verteilte. Die anderen Besatzungsmitglieder hätten dann geschwiegen.

Neun Monate lang war Phirun Sklave an Bord eines thailändischen Fischkutters. "Wir legten nie in einem Hafen an. Lebensmittel und sonstigen Nachschub brachte uns ein anderes Schiff, ebenso neues Personal." Phirun berichtet, dass ein Sklave, der sich einen Arm gebrochen hatte, über Bord geworfen wurde. "Der Kapitän sagte uns: 'Wenn ihr euch weigert zu arbeiten, blüht euch auch dieses Schicksal!' Dabei hatte der sich gar nicht geweigert zu arbeiten, sondern war verletzt."

Thailands Fischindustrie setzt auf billige Arbeitskräfte aus dem Ausland, dieser junge Mann stammt aus Burma
AP

Thailands Fischindustrie setzt auf billige Arbeitskräfte aus dem Ausland, dieser junge Mann stammt aus Burma

Die Fischindustrie in Thailand ist ein wichtiger Wirtschaftszweig, das Land ist der weltweit drittgrößte Exporteur von Fisch und Meeresfrüchten. Der Bedarf an Speisefischen wächst, insbesondere nach exotischeren Sorten, die nur in wärmeren Regionen vorkommen. Um wettbewerbsfähig zu sein, zahlen die Fischer in Thailand nur geringe Löhne - oder beschäftigen Sklaven. Nahezu alle Arbeiter an Bord stammen aus Kambodscha oder Burma. "Wir bekamen zu essen, oft Reste, und Wasser zu trinken. Das war alles", sagt Phirun.

Also sprang Phirun über Bord

Einmal fuhr der Kutter außergewöhnlich nah an einer Küste entlang. Es war Nacht, Phirun sah Lichter an Land. Er war erschöpft von der harten körperlichen Arbeit und wusste, dass er wahrscheinlich schuften musste, bis er tot war. Also sprang er über Bord. Mit letzter Kraft erreichte er den Strand. Später erfuhr er, dass er am Golf von Thailand war, nahe Chumphon.

"Es waren Hotelmitarbeiter, die mich fanden", sagt Phirun. "Ich flehte sie an, mich nicht der Polizei zu übergeben, denn die hätten mich vielleicht wieder an irgendwelche Menschenhändler verkauft." Seine Retter hörten sich seine Geschichte an und halfen ihm. Seither arbeitet er in einem Hotel, ohne Papiere, ohne soziale Absicherung, aber immerhin nicht mehr als Sklave.

Weltweit leben knapp 36 Millionen Menschen unter sklavenähnlichen Bedingungen, schätzen Menschenrechtler. Wer beim Begriff Sklaverei an die Ausbeutung der Schwarzen in Amerika denkt, erfasst nicht das heutige Problem der modernen Leibeigenschaft.

Viele der weltweit etwa 35 Millionen Sklaven sind Kinder, wie dieser Junge, der als Schuhmacher auf einem Markt im pakistanischen Quetta arbeitet.

Hier arbeiten Kinder in einer Fabrik im pakistanischen Hyderabad. Sie stellen bunte Armreifen her.

Selbst in den Ziegelbrennereien arbeiten Kinder, wie hier der siebenjährige Marjan im westpakistanischen Peschawar.

Das Land mit den meisten Sklaven überhaupt ist Indien - hier junge Frauen aus Nepal, die aus indischen Bordellen gerettet wurden. Viele waren entführt und Zuhältern angeboten, manche von ihren Familien verkauft worden.

Die Zahl moderner Sklaven weltweit kann nur geschätzt werden. Dieser Junge in Indien sammelt Müll.

Sehr viele Sklaven, vor allem Kinder, arbeiten in Indien in Steinbrüchen, wie hier die fünfjährige Rina.

Das Land mit den meisten Sklaven in Bezug auf die Bevölkerungsgröße ist Mauretanien - hier Anwohnern eines Armenviertels in Nouakchott.

Seit einigen Jahren steht das Halten von Sklaven in dem nordwestafrikanischen Land unter Strafe. Doch dem "Global Slavery Index" zufolge hat sich die Lage in Mauretanien nicht entspannt.

Besonders viele Sklaven werden in Mauretanien in der Baumwollindustrie beschäftigt.

Auch in China ist Sklaverei ein gigantisches Problem. Auf dem Foto aus dem Jahr 2007 sind 31 Menschen aus der Provinz Shanxi zu sehen, die für ihre Arbeit nur Wasser und Brot erhielten.

Der Polizei gelang es, die Sklaven zu befreien. Sie hatten in einer Ziegelfabrik gearbeitet, die dem Sohn eines Funktionärs der Kommunistischen Partei Chinas gehörte.

"Es gibt kein einziges Land ohne dieses Phänomen", sagt Kevin Bales, Professor an der britischen University of Hull und einer der führenden Experten für Sklaverei. Auch in westlichen Industriestaaten arbeiten Menschen wie Leibeigene: in der Sexindustrie als Zwangsprostituierte, in Fabriken und als Bedienstete in Privathäusern, sagt Bales.

Bales ist Mitglied der "Walk Free Foundation", die gegen Sklaverei kämpft, und Hauptautor des "Global Slavery Index", der erstmals im vergangenen Jahr das Problem weltweit beleuchtet hat. Mitte November ist der zweite Bericht erschienen.

Armut und die Zugehörigkeit zu einer Minderheit seien die häufigsten Gründe für Sklaverei. "Diese Menschen sind am verletzlichsten, sie können sich am wenigsten wehren", sagt Bales. "Die einzig gute Nachricht ist, dass die Tendenz langfristig nach unten zeigt. Es besteht die Hoffnung, die Sklaverei tatsächlich noch zu unseren Lebzeiten abzuschaffen."

Aktuelle Zahlen belegen allerdings, dass moderne Sklaverei wieder zunimmt. Zuletzt machten erschreckende Fälle Schlagzeilen, zum Beispiel von einem Inder, dem ein lukrativer Job in einer Ölfirma angeboten worden war, der mit gefälschtem Visa nach Malaysia gebracht und dort von einem Menschenhändler an eine Fabrik verkauft wurde. Von der steigenden Zahl an Sklaven in Großbritannien, die zum Teil für 200 Pfund an Farmen, Fabriken oder Bordelle verkauft werden. Oder von Tausenden Menschen aus Bangladesch, Indien und Pakistan, die auf Baustellen in arabischen Staaten, wie etwa in Katar, versklavt werden.

Oft wird Sklaverei nicht einmal als solche wahrgenommen. Beispiel Hanif Masih: Er musste in einer Ziegelbrennerei in Pakistan schuften. Inzwischen hat ihn eine Hilfsorganisation freigekauft, der SPIEGEL begleitete ihn auf seinem Weg in die Freiheit.

Auf die Frage, warum er nicht früher schon geflüchtet sei, antwortete Hanif: "Ich musste doch meine Schulden zurückzahlen." Er hatte sich vom Besitzer der Ziegelfabrik Geld geliehen, um die Arztkosten für die Geburt seiner Kinder bezahlen zu können. Aber die Schulden wurden nie niedriger. Stattdessen wurden ihm immer wieder neue Summen für jeden Tag ohne Arbeit angeschrieben.

Sklaverei ist nach Ansicht von Experten ein weltweites Problem, das in armen wie in reichen Ländern vorkommt. In Pakistan zum Beispiel arbeiten viele Sklaven in Ziegelbrennereien.

Der SPIEGEL begleitete den Sklaven Hanif auf seinem Weg in die Freiheit. Er hatte jahrelang in einer Ziegelfabrik in Kasur gearbeitet, nahe der Millionenmetropole Lahore.

Grund für Hanifs Versklavung war, dass er sich beim Fabrikbesitzer verschuldet hatte. Eine Hilfsorganisation kaufte ihn frei.

Jetzt lebt Hanif wieder in seinem alten Haus, in einem Dorf am Rande von Lahore.

Trotz Armut ist Hanif glücklich. Als Sklave war sein Traum, schlafen zu können, solange er will. Diesen Traum erfüllt er sich jetzt gelegentlich.

Sein Geld verdient der ehemalige Sklave Hanif als Erntehelfer, hier bei der Kartoffelernte, oder indem er Tee oder Joghurt verkauft.

Die Arbeit, sagt Hanif, ist hart. Aber jetzt könne er selbst entscheiden, ob und wieviel er arbeiten will.

"Wir brauchen nicht viel, um glücklich zu sein", sagt Hanif. Wichtig sei ihm nur, nie wieder Schulden zu machen.

Ein armer Mensch wie Hanif habe nichts anderes als sein Wort und seine Ehre, sagt Bales. Das wolle er nicht auch noch verlieren. "Er begehrt deshalb nicht auf gegen die Zustände, sondern arbeitet und arbeitet, wenn es sein muss, sein ganzes Leben." Geldgeber würden ihren Schuldnern eintrichtern, dass sie nur ihr Darlehen zurückzahlen müssten, danach könnten sie gehen. "Das ist eine regelrechte Gehirnwäsche. Mit dieser Argumentation wird Sklaverei gerechtfertigt, ohne es Sklaverei zu nennen."

Gemessen in absoluten Zahlen leben die meisten Sklaven laut "Global Slavery Index" in Südasien. Ihre Zahl wird in Indien auf 14,2 Millionen geschätzt, in China auf 3,2 Millionen, in Pakistan auf 2 Millionen, in Usbekistan auf 1,2 Millionen und in Russland auf 1 Million. Berechnet auf die Bevölkerungsgröße, sieht die Situation anders aus.

In Mauretanien leben Schätzungen zufolge etwa 155.000 Menschen als Sklaven, bei einer Bevölkerung von nur 3,9 Millionen Menschen. Neben Armut spielen hier traditionelle gesellschaftliche Hierarchien sowie bewaffnete Konflikte eine Rolle. Die oberen Schichten lassen Menschen aus der Bevölkerungsgruppe der Haratin, dunkelhäutiger als andere Volksgruppen und oft Nachfahren von Sklaven, für sich arbeiten. Kinderarbeit ist nicht selten. Diese Menschen werden als Leibeigene gehalten, ebenso gehören ihre Kinder dem Sklavenhalter. Viele werden als Landarbeiter oder als Hauspersonal beschäftigt oder zum Betteln geschickt.

Usbekistan fällt im jüngsten "Global Slavery Index" besonders negativ auf und rückt auf den zweiten Platz. Demnach sind dort rund 1,2 Millionen Menschen versklavt, bei einer Gesamtbevölkerung von 30,2 Millionen. Ein Großteil der Sklaven, darunter viele Kinder, ist in der Baumwollproduktion beschäftigt.

Haiti zählt dem Index zufolge bis zu 237.700 Sklaven, bei einer Bevölkerung von rund zehn Millionen Menschen. Leidtragende sind hier vor allem Kinder aus ländlichen Gebieten, die für reiche städtische Familien arbeiten. Erwachsene Sklaven werden in der Landwirtschaft und als Zwangsprostituierte ausgebeutet.

Ein Mangel an Rechtsdurchsetzung sowie Armut macht mehr als zwei Millionen Menschen in Pakistan zu Sklaven, bei einer Bevölkerung von über 180 Millionen. Sie arbeiten in nahezu allen Bereichen des Lebens, als Hausarbeiter, in Fabriken, auf den Feldern, in Ziegelbrennereien. Auch Behinderte werden wie Leibeigene gehalten, als Bettelsklaven. Eines der größten Probleme ist, wie das Beispiel von Hanif Masih zeigt, Schuldknechtschaft. Nach Schätzung der Asia Development Bank sind allein 1,8 Millionen Menschen Sklaven, weil sie sich verschuldet haben.

Die in Geldnot geratenen Menschen freizukaufen, hält Bales für keine gute Idee. "Das ist, als würde man seinen gestohlenen Fernseher vom Dieb zurückkaufen." Sklavenhalter würden dadurch in ihrem Handeln bestätigt. Sinnvoller, aber langsamer wirksam sei es, Armut zu bekämpfen, Menschen Bildung zu geben und Rechtsstaatlichkeit durchzusetzen, damit die Täter bestraft würden.

Auch Phirun aus Kambodscha geriet in Schuldknechtschaft, für den Schleuserdienst. Er merkte rasch, dass er seine Schulden nie abgelten würde, sondern arbeiten müsste bis zu seinem Ende. Bis heute plagt ihn die Angst, dass ihn der Kapitän oder der Schleuser finden und töten könnten oder dass ihn thailändische Beamte erwischen und womöglich erneut verkaufen. Das, sagt er, ist sein größter Albtraum.


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Hasnain Kazim ist Korrespondent von SPIEGEL ONLINE mit Sitz in Istanbul.

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