Debatte nach umstrittenem Interview Australien hat ein Rassismusproblem

Ein australischer Nachrichtensender lässt einen Hitler-Verehrer seine kruden Ansichten verbreiten. Es hagelt Kritik, zugleich belebt der Fall eine alte Debatte: Wie rassistisch ist das Einwandererland?

Aufmarsch der australischen "United Patriots Front" (Archivfoto von 2016)
DPA

Aufmarsch der australischen "United Patriots Front" (Archivfoto von 2016)

Von , Sydney


Sie hätten wissen müssen, dass das keine gute Idee war. Der australische TV-Sender Sky News hatte am vergangenen Sonntag einen besonderen Gast für ein Einzelinterview eingeladen: Blair Cottrell, verurteilt unter anderem wegen Brandstiftung und Stalkings - sowie Anführer der ultrarechten Gruppe United Patriots Front. Cottrell hat schon gefordert, in jeder Schule Australiens solle ein Porträt Hitlers hängen. Nun war er bei Sky News in die "Adam Giles Show" eingeladen. Thema der Sendung: Einwanderung.

Wie zu erwarten, faselte Cottrell von dem angeblich fehlenden Nationalstolz in Australien und davon, dass die Bürger gegen ausländische Ideen geschützt werden müssten. Einer seiner Vorschläge: Weiße Farmer aus Südafrika ins Land zu lassen und dem Rest der Welt die Einreise verweigern. Während der Sendung twitterte er zudem live, unter anderem über die Vergewaltigung einer Sky-News-Moderatorin. Sie nannte ihn später "gefährlich".

Blair Cottrell
AAP/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Blair Cottrell

Der Sender hat kurz nach der Ausstrahlung reagiert. Videoclips wurden aus den sozialen Netzwerken entfernt. Die "Adam Giles Show" wurde vorerst abgesetzt. Zudem erklärte der Chef des Unternehmens Australian News Channel, zu dem Sky News gehört, man bedauere die Ausstrahlung, Cottrell werde künftig nicht mehr eingeladen. Doch dass es überhaupt so weit kommen konnte - dafür steht Sky News seit Tagen in der Kritik.

Der ehemalige Labor-Abgeordnete Craig Emerson, der bisher für den Sender als Kommentator arbeitete, kündigte und verwies dabei auch auf seinen Vater, der im Zweiten Weltkrieg gegen Nazis gekämpft habe. Die Entscheidung, Cottrell bei Sky News eine Plattform zu bieten, ist laut Emerson "ein weiterer Schritt dahin, Rassismus und Fanatismus in diesem Land zu normalisieren".

Mit dieser Ansicht steht er nicht alleine. Mitarbeiter des Senders nannten Cottrell öffentlich einen "Faschisten" und ein "Arschloch". Der Grünen-Politiker David Shoebridge forderte seine Kollegen im Parlament dazu auf, wie er vorerst nicht mehr mit Sky News zu sprechen. Mehrere große Firmen, darunter American Express und Specsavers, zogen ihre Werbeaufträge zurück.

Am Donnerstag entschied zudem die Verkehrsministerin im australischen Bundesstaat Victoria, dass in sämtlichen Bahnstationen in Melbourne künftig keine Nachrichten des Senders mehr gezeigt werden. Es seien dort zuletzt mehrere Interviews ausgestrahlt worden, die in eine falsche Richtung gelaufen seien, sagte Jacinta Allan in einem Radiogespräch. Der Auftritt von Cottrell habe das Fass zum Überlaufen gebracht. Via Twitter erklärte sie: "Hass und Rassismus haben keinen Platz auf unseren Bildschirmen oder in unserer Gemeinschaft."

Das klingt gut. Tatsächlich ist der Fall Cottrell aber nur der jüngste in einer langen Reihe, die an der Offenheit und der Ausländerfreundlichkeit des Einwandererlandes Australien zweifeln lassen.

Der Staat hat am Dienstag offiziell die Grenze von 25 Millionen Einwohnern überschritten, fast jeder vierte davon wurde im Ausland geboren. "Australien ist die erfolgreichste multikulturelle Gesellschaft der Welt, es ist eine unserer größten Errungenschaften", verkündete Premierminister Malcolm Turnbull im Juli. Er weiß aber auch: Mit dem Thema Fremdenfeindlichkeit lassen sich in Australien Wählerstimmen gewinnen.

Das hat die Flüchtlingspolitik der Vergangenheit gezeigt - die zur Errichtung der umstrittenen Lager auf Manus und Nauru führte, in denen die Regierung Bootsflüchtlinge unter teils widrigen Umständen festhält. Und das zeigt auch das jüngste Beispiel: Melbourne.

Australiens Flüchtlingspolitik - Die wichtigsten Stationen
2001: Der "Tampa"-Streit
Im August 2001 war der norwegische Frachter "Tampa" in internationalen Gewässern nahe Australien unterwegs. Die Besatzung sah ein sinkendes Fischerboot, es war ursprünglich in Indonesien gestartet und hatte rund 430 Flüchtlinge an Bord. Die Besatzung der "Tampa" rettete die Menschen und wollte - wie es das internationale Seerecht vorsieht - den nächstgelegenen Hafen ansteuern, in diesem Fall die Weihnachtsinsel. Die australische Küstenwache verweigerte allerdings die Erlaubnis und forderte den Kapitän auf, nach Indonesien zu steuern; so sollte verhindert werden, dass die Flüchtlinge australischen Boden betreten. Der Kapitän weigerte sich allerdings, dem Befehl zu folgen. Es folgte ein acht Tage langes Ringen und eine diplomatische Krise zwischen Norwegen und Australien. Am Ende wurden die Flüchtlinge nach Nauru gebracht - es war der Anfang von Australiens strikter Asylpolitik.
2001 - 2008: Die Pazifische Lösung, Teil 1
Unter Premierminister John Howard (Liberal Party) führte Australien die sogenannte Pazifische Lösung ein. Seitdem finden Asylverfahren von Bootsflüchtlingen nicht mehr auf australischem Boden statt, sondern auf Pazifikinseln. Mit Nauru und Papua-Neuguinea schloss die Howard-Regierung Ende 2001 entsprechende Vereinbarungen. Die Pazifische Lösung war bei der australischen Bevölkerung populär und sicherte dem zuvor abgeschlagenen Howard seine Wiederwahl. Legendär ist Howards Aussage kurz nach dem "Tampa"-Streit: "Wir werden entscheiden, wer in dieses Land kommt und unter welchen Umständen sie kommen." Im Jahr 2007 wurde er abgewählt, sein Nachfolger Kevin Rudd (Labor) stoppte kurz darauf die Lagerhaft für Flüchtlinge auf Nauru und Manus. Dort lebten zwischen 2001 und 2008 insgesamt 1637 Menschen. Von ihnen wurden 1153 wieder umgesiedelt, 705 der Flüchtlinge kamen schließlich doch nach Australien.
ab 2012: Die Pazifische Lösung, Teil 2
Im August 2012 kündigte Premierministerin Julia Gillard (Labor Party) an, die Lager auf Manus und Nauru wieder in Betrieb zu nehmen. Sie folgte damit der Empfehlung einer Expertenkommission, die sie eingesetzt hatte, nachdem die Anzahl an Bootsflüchtlingen deutlich zugenommen hatte. Die Pazifische Lösung war damit wieder in Kraft. Im Jahr 2013 wurden die Regeln noch einmal verschärft: Seitdem haben auch anerkannte Flüchtlinge keine Chance mehr auf ein Aufenthaltsrecht in Australien.
2013: Operation Sovereign Borders
Seit 2012 war die Zahl der Bootsflüchtlinge gestiegen, im Jahr 2013 standen Parlamentswahlen an. Premierminister Tony Abbott (Liberal Party) nutzte das Thema für den Wahlkampf: Er rief die "Operation Sovereign Border" aus, die vom Militär geführte Operation "Souveräne Grenzen". Sie basierte auf dem Imperativ: "Stoppt die Boote!" Seitdem fängt die australische Marine Boote mit Flüchtlingen direkt ab und zwingt sie zum Umkehren. Sind die Menschen in seeuntüchtigen Schiffen unterwegs, werden sie in Rettungsboote gebracht und dann zum Umkehren gezwungen. Die meisten starten von Indonesien aus und müssen dorthin zurück. Laut offiziellen Statistiken schaffte es im Jahr 2014 noch ein Boot mit 160 Flüchtlingen an die australische Küste. In den beiden darauffolgenden Jahren kein einziges mehr.
2016: Abkommen mit den USA
Im November 2016 einigten sich die Regierungen in Washington und Canberra auf ein Flüchtlingsabkommen: Die USA wollen einmalig bis zu 1250 anerkannte Flüchtlinge aus den australischen Lagern aufnehmen. Einige Menschen sind inzwischen in die USA umgesiedelt, bei weiteren dauert das Überprüfungsverfahren noch an.

Die Großstadt liegt im Bundesstaat Victoria, dort stehen im November Wahlen an. Seit Anfang des Jahres schürt Einwanderungsminister Peter Dutton (Liberal) die Angst vor Jugendlichen aus dem Sudan, er spricht von "Gangs", die Melbourne angeblich terrorisierten. Im Januar behauptete er, Menschen in Melbourne hätten inzwischen Angst, abends in Restaurants zu gehen, weil ihnen "diese Gangs" nach Hause folgen würden (was auf Twitter dazu führte, dass zahlreiche Bewohner der Stadt Fotos von sich bei harmonischen Abendessen in Restaurants veröffentlichten).

Wenige Monate später sprach dann auch der Premierminister und Chef der Liberal Party von "ernsten Bedenken über sudanesische Gangs" und kritisierte die Regierung des Bundesstaates, die von dem Labor-Politiker Daniel Andrews angeführt wird. Tatsächlich geht in Victoria laut Kriminalstatistik nur ein Bruchteil der Straftaten auf Bürger aus dem Sudan zurück. Der Großteil wird von Australiern verübt. Auf Turnbulls Kommentar entgegnete Andrews: "Ich sage das mit Respekt, aber der Premierminister weiß nicht, wovon er redet."

Dutton und Turnbull (2016)
DPA

Dutton und Turnbull (2016)

Dass Rassismus in Australien nach wie vor ein großes Problem ist, bestätigte Anfang der Woche auch der offizielle Regierungsbeauftragte für den Kampf gegen Rassismus im Land, Tim Soutphommasane. Er hielt am Montag die letzte Rede seiner fünfjährigen Amtszeit - und stellte dem Land kein gutes Zeugnis aus. Man lebe wieder in Zeiten, in denen mit Rassenfragen Politik gemacht werde, sagte er. "Noch vor fünf Jahren hätte ich nicht gedacht, dass die größte Bedrohung für Rassenharmonie aus unserem Parlament und aus Teilen unserer Medien kommen würde. Aber so ist es."

insgesamt 42 Beiträge
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hardeenetwork 09.08.2018
1. Das Ende vom Frieden
Die Welt zerlegt sich zur Zeit selber. Und das ohne Grund. Hass und Gewalt werden propagiert und die breite Masse schaut einfach weg. Unruhen und Zerstörung treiben uns in eine ungewisse Zukunft. So unnötig ...!
SPONU 09.08.2018
2. Wenn man die Nachrichten verfolgt
....muss man zum Schluss kommen, die ganze Welt hat ein Rassismusproblem. Australien, USA, Oesterreich, UK, Polen, Ungarn, Frankreich, Deutschland sowieso. Lieber SPON, stellt mal die richtigen Fragen und kratzt nicht nur an der Oberfläche und haut clickbait headlines raus. More people, more problems.....darauf läuft es nämlich hinaus.
treime 09.08.2018
3. Gewollt.
Hätte man auch vor 10 oder 20 Jahren machen können, aber dank Internet und "(un)social media" geht es heutzutage ja perfekt. Weltweit wohlgemerkt. Warum ist Populismus in seinen reinsten, rassistischen Grundzügen aktuell so (hoch)modern? Nun, es war immer einfach damit Wähler zu ködern. Nun ist es weltweit der Tenor: bloss keine Flüchtlinge! Egal wie - Lügen, Intrigen - Stimmungsmache - immer gegen "Andere". Auch in Australien fragt man sich wohl nicht, warum die Leute zu ihnen flüchten? Und >1.600 Flüchtlinge in Lagern stellen Australien schon vor Probleme? Die scheinen echte Probleme zu haben da unten. Können WIR aber nicht be- und verurteilen, wir kennen die Details und Diskussionen nicht.
hektor2 09.08.2018
4. Lustig
Die alte Strafkolonie hat Angst vor Kriminellen und verfällt dem Rassenwahn. - Schade, aber offensichtlich gibt es geistige Einzeller weltweit.
eskimo47 09.08.2018
5. Kein Wunder
Sky News gehört ebenso wie Trump's Lieblingssender Fox der Familie Murdoch...
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