Hatz auf Ausländer in Sömmerda "Wir stehen ihnen bei"

Im thüringischen Sömmerda hat ein rechter Mob drei Asylbewerber verfolgt und mit Schlägen und Tritten verletzt, andere Bürger verhinderten offenbar Schlimmeres. Der Bürgermeister ist "angefressen", die Pfarrerin nicht überrascht.

Luftbild von Sömmerda in Thüringen
imago

Luftbild von Sömmerda in Thüringen

Von


Eine Meldung aus Thüringen sorgte zum Wochenanfang für Aufregung: In Sömmerda soll eine Gruppe von 15 Männern drei Asylbewerber mit Schlägen und Tritten verletzt und unter wüsten Hetzparolen durch den Ort gejagt haben.

Laut Polizei ereignete sich der Vorfall gegen drei Uhr am Sonntagmorgen. Auf einem Konzert des Seriendarstellers und Sängers Oli.P im örtlichen Veranstaltungszentrum "Werk ohne Namen" gerieten Einheimische und Zugewanderte demnach in Streit. Es soll schon im Gebäude zu ersten gewaltsamen Übergriffen gekommen sein.

Ein privater Sicherheitsdienst beförderte die Männer aus dem Lokal. Auf der Straße kamen weitere Gewaltbereite hinzu, zum Schluss verfolgten insgesamt 15 Männer die drei Asylbewerber vom Club bis zum Busbahnhof, so die Darstellung der Polizei. Einer von ihnen soll dabei volksverhetzende Parolen gebrüllt haben, er wurde festgenommen.

Der 19-Jährige ist der bisher einzige Tatverdächtige. Bei den Opfern handelt es sich laut Staatsanwaltschaft in Erfurt um zwei Iraker und einen Serben. Ein 24-jähriger Iraker musste im Krankenhaus behandelt werden, seine Begleiter wurden leicht verletzt.

Das Landeskriminalamt Thüringen ermittelt nun wegen gefährlicher Körperverletzung, Volksverhetzung und der Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen.

Über den Auslöser der Auseinandersetzung war zunächst nichts bekannt - nur der NPD-Kreisverband in Sömmerda war sehr schnell mit einer eigenen Version des Tathergangs zur Stelle. "Mutige Deutsche" hätten einen "Asyl-Gangbang" verhindert, hieß es auf der Facebook-Seite der Rechten. Die Asylbewerber hätten in dem Club Frauen belästigt, so der Vorwurf. Man hoffe, dass in Zukunft mehr Landsleute zusammenstehen und sich "gegen grabschende Fachkräfte" zur Wehr setzen würden.

Schon zuvor hatte die NPD Stimmung gemacht, mit Warnungen vor marodierenden Vergewaltigern, nach dem Motto: "Die nächste könnte deine Tochter sein."

Bei der Polizei in Sömmerda ist bisher keine Anzeige wegen sexueller Belästigung oder Nötigung eingegangen. "Uns liegen keinerlei Erkenntnisse darüber vor, dass es im Vorfeld der Tat zu Übergriffen auf Frauen durch Ausländer gekommen ist", sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Erfurt.

Sömmerdas Bürgermeister Ralf Hauboldt (Die Linke) betonte, er könne sich nur auf die Informationen stützen, die es im offiziellen Polizeibericht zu dem Vorfall gegeben habe. Der Vorwurf einer "Hetzjagd durch die Stadt", wie er in verschiedenen Medien und sozialen Netzwerken laut geworden sei, sei übertrieben, denn Konzerthalle und Busbahnhof trennten in Wahrheit nur 50 Meter.

Ralf Hauboldt, Bürgermeister von Sömmerda (Die Linke)
imago

Ralf Hauboldt, Bürgermeister von Sömmerda (Die Linke)

Allerdings sei ihm auch nichts bekannt von Übergriffen auf Frauen, wie es die NPD kolportiert. "Wir warten jetzt die Ermittlungen ab und werden dann sehen, wo die Ursache für den Vorfall liegt. Der Sachverhalt muss genauestens aufgeklärt werden."

Den Aufruf der NPD, im Ernstfall selbst durchzugreifen, anstatt den Sicherheitsbehörden zu vertrauen, lehnt Hauboldt ab. "Das lassen wir uns nicht gefallen. Wir werden prüfen, ob das rechtliche Konsequenzen haben muss."

Die örtliche NPD habe schon viel behauptet, was sich später als Unwahrheit herausgestellt hat, so der Bürgermeister. "Die NPD instrumentalisiert solche Vorfälle politisch, das ist nicht neu", sagt der Bürgermeister. "Sie bauschen auf und versuchen, Kapital daraus zu schlagen. Natürlich bin ich deswegen angefressen."

Laut einer Erhebung der Friedrich-Schiller-Universität in Jena ist der Anteil rechtsradikal eingestellter Personen im Freistaat zuletzt gesunken. Er ist aber mit 16 Prozent noch immer sehr hoch.

Wie ist die Situation in Sömmerda? Im vergangenen Sommer feierten Rechte hier den "Thüringentag der nationalen Jugend". Aus Sömmerda stammt auch Christoph S., ein 33-jähriger Arbeitsloser, der in den vergangenen Jahren mit Volksverhetzung und anderen Delikten auffällig wurde. Im August 2015 grölte er in einer Berliner S-Bahn rassistische Parolen und entblößte sich. Dabei soll er eine Migrantenfamilie, eine Mutter und zwei Kinder, bedrängt haben. Er wurde im April zu zwei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt.

Die NPD hat im Stadtrat von Sömmerda einen Sitz, im Kreisrat zwei. In den Gremien würden die Vertreter der Rechten vor allem durch Abwesenheit oder Schweigen auffallen, sagt der Bürgermeister. Ihr Auftreten im öffentlichen Raum sei ungelenk.

"Es hat sich eine Menge getan in den vergangenen zwei Jahren", sagt der Bürgermeister. "Unsere Bürgerbewegung ist stark, wir haben ein sehr aktives Bürgerbündnis, das für mehr Toleranz kämpft. Wir machen eine gute Flüchtlingsarbeit, Bündnisse wie Thügida konnten sich bei uns nicht behaupten."

Juliane Baumann klingt besorgter. Sie ist seit knapp drei Jahren evangelische Pfarrerin in Sömmerda. Der Vorfall vom Sonntag überrascht sie nicht. "Wir haben immer wieder mit rechten Provokationen zu tun", sagt sie. Nicht nur stadtbekannte Rechtsradikale seien das Problem, sondern auch die sogenannten Mitläufer, die bei Bedarf schnell aktiviert werden könnten. "Als Christin ist es meine Pflicht, gegen Ausländerhass und Rassismus Stellung zu beziehen. Wir mischen uns ein, haben mit etwa 100 Menschen ein Bündnis für Toleranz gegründet."

Auch im Fall der verfolgten Asylbewerber sollen mehrere Bürger eingeschritten sein. "Sie haben geholfen und damit vermutlich verhindert, dass noch schlimmere Verletzungen entstehen konnten", heißt es bei der Staatsanwaltschaft Erfurt.

140 Asylbewerber gibt es in Sömmerda, das knapp 19.000 Einwohner zählt. Die Zugewanderten machen also gerade mal 0,7 Prozent der Bevölkerung aus. Untergebracht sind sie in drei Unterkünften. "Wenn Demonstrationen oder Fackelmärsche der Rechten geplant sind, gibt die Polizei Warnungen an die Bewohner aus, lieber im Asylbewerberheim zu bleiben. "Dann", sagt Pfarrerin Baumann, "gehen wir zu ihnen hin und stehen ihnen bei."



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.