Fünffachmord von Solingen "Ich spüre den Schmerz wie am ersten Tag"

Fünf Tote, ewiges Leid: Neonazis zündeten 1993 das Haus der Familie Genç in Solingen an. Bis heute sprechen die Überlebenden untereinander nicht über den Tag, an dem ihre Verwandten starben.

Mevlüde Genç mit Enkelin Özlem (l.)
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Mevlüde Genç mit Enkelin Özlem (l.)

Von , Solingen


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Mevlüde Genç humpelt langsam in Zimmer 118 des Solinger Rathauses, sie stützt sich auf ihren Gehstock, lässt sich auf einen Stuhl sinken. 75 ist sie jetzt, hört nicht mehr so gut, und erst vor Kurzem haben die Ärzte sie wegen eines grauen Stars am Auge operiert.

Aber die Seniorin ist nicht hier, um über ihre körperlichen Gebrechen zu sprechen. Sondern über die seelischen Wunden und Narben, die sie und ihre Familie seit einem Vierteljahrhundert quälen. "Dieser Schmerz", sagt Genç auf Türkisch, "hat sich überhaupt nicht geändert, ich spüre ihn auch heute noch wie am ersten Tag."

Der erste Tag war der 29. Mai 1993. Es war der Tag, an dem die wiedervereinigte Bundesrepublik endgültig ihre Unschuld verlor - und Mevlüde Genç fünf Töchter, Nichten und Enkel: Hatice, Gülüstan, Hülya, Gürsün und Saime starben in dieser Nacht bei einem rassistischen Brandanschlag auf das Wohnhaus der Gençs in Solingen. Das jüngste Opfer war vier Jahre alt, acht weitere Menschen erlitten zum Teil schwere Verletzungen.

Wie verkraftet man ein solch furchtbares Erlebnis?

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Fünffachmord von Solingen: Tatort Untere Wernerstraße

Mevlüde Genç ist nicht alleine gekommen. Neben ihr sitzen ihr Mann Durmus, ein gebückter Senior von 74 Jahren, und ihre Enkeltochter Özlem. Die 18-Jährige hat gerade ihre Abiturprüfungen abgelegt, demnächst möchte sie studieren - "vielleicht Ernährungswissenschaften", sagt sie und lächelt schüchtern. Obwohl sie erst Jahre nach dem Anschlag zur Welt kam, beschäftigt auch sie diese Tat seit vielen Jahren.

Der Anschlag gilt als eine der folgenschwersten rassistischen Taten in der Geschichte der Bundesrepublik - und war der Höhepunkt einer Serie: Seit Juli 1991 hatten unzählige Gewalttaten die Republik erschüttert, brutale Übergriffe wie im sächsischen Hoyerswerda oder in Rostock-Lichtenhagen - und als es Ende 1992 im norddeutschen Mölln Tote gab, waren die Opfer erstmals Menschen, die schon vor vielen Jahren nach Deutschland gekommen waren. Menschen wie die Familie Genç.

Die Probleme, die damals zutage traten, sind auch heute wieder akut: soziale Spannungen, das wirtschaftliche Gefälle zwischen Ost und West, plötzlich aufbrechender Hass auf alles Fremde. Die Politik reagierte in den frühen Neunzigern, indem sie monatelang über "Asylmissbrauch" diskutierte und schließlich mit einer Verfassungsänderung den Schutz für Zuwanderer drastisch einschränkte. Drei Tage nach diesem Beschluss brannte das Haus der Gençs.

Tatort in Solingen, 29. Mai 1993
AP

Tatort in Solingen, 29. Mai 1993

Die Familienmitglieder reden untereinander nicht darüber, so schildert es Mevlüde Genç, die sich damals aus dem Erdgeschoss retten konnte. "Ich habe meinen Kindern und Enkeln niemals davon erzählt und bespreche das nicht mit ihnen." Sie hat eine weiche Stimme, aber sie spricht monoton, als wäre sie völlig erschöpft. "Wenn man die alten Wunden immer wieder aufreißt", sagt sie, "führt das nur zu neuen Schmerzen." Vor allem aber wolle sie nicht, dass ihre Kinder emotional reagieren: mit Hass auf die Täter - oder die ganze Gesellschaft.

Genç weiß, wovon sie spricht: "Ich verspüre gegen niemanden Hass - mit Ausnahme dieser vier Männer." Gemeint sind die verurteilten Mörder von damals, die alle längst wieder in Freiheit sind. Es ist das einzige Mal, dass Genç nicht nur ihre Augenbrauen hebt, sondern auch die Stimme. "Diesen vier Männern wünsche ich, dass Gott sie bestraft, und zwar mit seiner ganzen Härte", sagt sie. "Ich habe meine Kinder verloren, und diese Kinder kommen nie zurück."

Die Seniorin spricht nun über den Indizienprozess vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf, der für die Familie eine anderthalbjährigen Tortur bedeutete. "Die waren während des Gerichtsverfahrens völlig unverfroren", sagt sie über die Angeklagten. "Sie haben gelacht und so getan, als wäre nichts passiert." Die Richter hätten zwar lange Haftstrafen verhängt, einmal 15 Jahre, dreimal zehn Jahre Jugendhaft; ihren Schmerz habe das aber nicht gelindert, sagt Mevlüde Genç: "Für mich, die ihre Kinder verloren hat, spielte es keine Rolle, ob das Gericht sie zu 50 oder zu einem Jahr verurteilt. Diese vier Personen sind für mich nichts."

Zeichnung der Angeklagten, 13. Oktober 1995
AP

Zeichnung der Angeklagten, 13. Oktober 1995

Es sind scharfe Verwünschungen - die erklären, warum die Mutter und Großmutter über dieses Thema lieber schweigt. Sie beeilt sich dann auch zu wiederholen, dass sie allen anderen Menschen gegenüber keinen Hass empfinde. Das ist seit Jahren ihre Botschaft: Genç hatte schon kurz nach dem Anschlag zu einem friedlichen Miteinander aufgerufen - und dafür später unter anderem das Bundesverdienstkreuz erhalten.

Eine politische Aktivistin ist Genç aber nicht, im Gegenteil. Als es um die AfD geht, die in Solingen bei der jüngsten Bundestagswahl jede zehnte Stimmen bekam, fällt Tochter Özlem ins Wort: "Meine Großmutter beantwortet keine politischen Fragen." Das macht sie dann aber doch.

Was sie darüber denke, dass seit einigen Jahren wieder Rassisten die Wohnungen von Migranten anzünden? "Wir sind alle Menschen und haben alle nur ein Leben. Mit Gewalt kann man nichts erreichen." Was sie darüber denke, dass Politiker das Gedenken instrumentalisieren könnten? "Ich möchte meiner getöteten Kinder gedenken. Politisches will ich nicht dabei haben." Was sie darüber denke, dass der türkische Außenminister mitten im Wahlkampf bei der Gedenkfeier auftritt? "Es ist mir sehr wichtig, dass auch wieder der türkische Staat einen Repräsentanten schickt."

"Wir werden bleiben"

Sie stamme aus der Türkei, aber Solingen sei zur Heimat geworden. "Ich habe die Stadt liebgewonnen, und deswegen habe ich es vorgezogen, hier zu bleiben." Sechs Monate im Jahr verbringe sie mit ihrem Mann auch in der Türkei, "weil wir viel Sonne brauchen und das genießen". Deutschland zu verlassen, sagt sie, sei aber keine Option.

Es ist ein Versprechen, das Mevlüde Genç erstmals vor einem Vierteljahrhundert gemacht hatte. "Wir werden hier bleiben", hatte sie wenige Tage nach dem Mordanschlag in einem Interview gesagt. "Wir haben unsere Wurzeln hier." Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft der Mevlüde Genç: Dass sie sich selbst dann nicht vertreiben lässt, wenn Rassisten ihre Kinder und Enkel ermorden.

Im Video: "Ich sah, wie die Flammen loderten"

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Zusammengefasst: 25 Jahre nach dem rassistisch motivierten Brandanschlag von Solingen leiden die Überlebenden noch immer unter den Spätfolgen. Mevlüde Genç, die Mutter, Tante und Großmutter der fünf Todesopfer, redet mit ihren Angehörigen bis heute nicht über die Tatnacht. Sie möchte auf diese Weise verhindern, dass ihre Verwandten Hass gegen die Gesellschaft entwickeln, in der sie leben.

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