Brandanschlag in Solingen Die Zeit vergeht, das Grauen bleibt

Fünf Menschen starben in den Flammen: Vor 25 Jahren zündeten junge Männer ein Haus in Solingen an. Die Tat veränderte vieles - auch das Leben des Richters, der die Mörder verurteilte.

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Von , Solingen


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Solingen, Untere Wernerstraße 81, 29. Mai 1993. Gegen halb zwei in dieser Nacht blickt Christian R. durch die Scheiben der Haustür und bemerkt einen Lichtschein. Zusammen mit Felix K. schüttet er nun im Windfang einen Kanister aus, sie verteilen das Benzin auf der Holzverschalung an der Wand, der Haustür, dem Fliesenboden. Als die ersten Flammen lodern, laufen sie weg.

Fünf Mädchen und junge Frauen konnten nicht mehr weglaufen. Die 18-jährige Hatice, die zwölfjährige Gülüstan, die neunjährige Hülya, die 27-jährige Gürsün, die vierjährige Saime: Sie alle starben in dieser Nacht, verbrannten oder erstickten oder stürzten in den Tod. Acht weitere Hausbewohner erlitten zum Teil schwere Verletzungen, einige sind für immer entstellt.

Den Ablauf der Tat hielt später das Oberlandesgericht Düsseldorf fest. Demnach waren vier junge Männer für den Anschlag auf das Haus der türkischstämmigen Familie Genç verantwortlich; zwei schritten zur Tat, zwei standen Schmiere. Die Mörder hatten Verbindungen in die rechte Szene und handelten aus Hass gegen Zuwanderer - so erläuterte es der Vorsitzende Richter Wolfgang Steffen an einem nebligen Herbsttag 1995.

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Fünffachmord von Solingen: Tatort Untere Wernerstraße

"Der Tag des Urteils wird mir immer im Gedächtnis bleiben", sagt der 79-jährige Steffen heute. Er erinnert sich noch genau an diesen 13. Oktober vor 23 Jahren. Steffen und die vier anderen Richter des sechsten Strafsenats hatten an 127 Verhandlungstagen die Tat und die Vorgeschichten der Angeklagten akribisch seziert, 285 Zeugen und Sachverständige befragt.

"Es war ein sehr schwieriger Indizienprozess", sagt Steffen, "das hat schon eine Menge Kraft gekostet." Christian R. und Markus G. legten ein Geständnis ab, das G. jedoch am 80. Verhandlungstag widerrief. Die weiteren Angeklagten Christian B. und Felix K. beteuerten ihre Unschuld, zudem gab es Zweifel an einigen Ermittlungsergebnissen.

Am Ende verurteilten die Richter die vier Angeklagten zu langen Gefängnisstrafen - wegen fünffachen Mordes, versuchten Mordes an 14 Menschen und besonders schwerer Brandstiftung. Keiner der Verurteilten ging gegen den Schuldspruch vor.

"Das Leid der Opfer geht im Prozess unter"

Inzwischen sind die Mörder von Solingen längst wieder in Freiheit, die Familie Genç wird für immer mit den Folgen der Tat leben müssen. Und Richter Steffen? Ihn prägte dieses Verfahren wie nur wenige Prozesse zuvor: "Das Leid der Opfer", sagt er, "ihre seelische Pein, geht in so einem Prozess unter, dafür ist logischerweise kaum Platz." Zudem habe der Solingen-Prozess sein Privatleben stark eingeschränkt. Sehr stark.

Steffen war schon vor dem Verfahren ein renommierter Richter: Jahrelang war er für große Terrorfälle zuständig gewesen, hatte Prozesse gegen Mitglieder der RAF und IRA geleitet, in einem Fall ging es um die Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer. Auch deshalb stand er während des Solingen-Prozesses unter Polizeischutz. Für ihn galt Gefährdungsstufe 1 - dieselbe wie für Bundeskanzler Helmut Kohl.

Wolfgang Steffen (2003)
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Wolfgang Steffen (2003)

"Ich wurde auf Schritt und Tritt bewacht und musste jede einzelne Privatfahrt vorher bei der Polizei anmelden", sagt Steffen über diese Zeit. Vor jedem Abendessen bei Freunden rückte zunächst die Polizei an, selbst beim Joggen um den Unterbacher See in seinem Wohnort Düsseldorf hätten ihn Beamte begleitet ("einer zu Fuß, einer auf dem Fahrrad"). Er habe sich zudem Sorgen um seinen Sohn gemacht: "Mit der Schule musste ich die Möglichkeit besprechen, dass ihm etwas zustößt - das war nicht schön."

Steffen ließ sich wenig später in einen Revisionssenat versetzen - und wechselte nach seiner Pensionierung schließlich die Seiten: Der Jurist wurde Opferanwalt, ließ sich in den Beirat des Weißen Ringes wählen und engagierte sich in einer Expertenkommission des Justizministeriums für bessere Opferrechte. "In diesem Moment", sagt er, "war der Solingen-Prozess mit maßgeblich für meine Entscheidung: Ich tu was für die Opfer, die kommen einfach zu kurz."

An der Stelle, wo ein paar junge Männer im Frühsommer 1993 einen Benzinkanister entleerten, klafft heute eine Baulücke. Ein Gebäude mit der Hausnummer 81 gibt es in der Unteren Wernerstraße nicht mehr, an die Stelle der ausgebrannten Ruine wurden fünf Kastanien gepflanzt, für jede Tote eine. Groß sind die Bäume über die Jahre geworden, und voller Leben.


Lesen Sie am Dienstag, wie es der Familie Genç heute geht und wie der Gedenktag in Solingen verläuft.


Zusammengefasst: Vor 25 Jahren zündeten vier junge Rechtsradikale das Haus einer türkischstämmigen Familie in Solingen an, fünf Mädchen und junge Frauen starben in den Flammen. Der Richter, der die Mörder 1995 zu langen Freiheitsstrafen verurteilte, wurde später Opferanwalt. Der Solingen-Prozess, sagt er heute, habe bei der Entscheidung eine große Rolle gespielt.

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