Somalische Piraten: Reiche Beute, arme Fischer
Entführte Supertanker, Schüsse auf ein Kreuzfahrtschiff: Die somalischen Piraten werden immer dreister. Armut und politisches Chaos zwingen sie in die Kriminalität - sagen sie. Doch wer steckt wirklich hinter den Banden in ihren schnellen Booten?
Mombasa - Der Aufschrei war laut und klang verbittert. Er war adressiert an die Vereinten Nationen und die internationale Gemeinschaft. "Helft uns, das Problem zu lösen", bat der Berufsfischer Muhammed Hussein aus der somalischen Küstenstadt Marka, rund hundert Kilometer südlich von Mogadischu. "Was hier stattfindet, ist wirtschaftlicher Terrorismus." Und sein Kollege Jeylani Shaykh Abdi ergänzte: "Sie rauben uns nicht nur unseren Fisch, sie rammen unsere Boote und kappen unsere Netze - mitsamt dem Fang."
Die somalischen Fischer machten noch einmal deutlich, wie es um sie und ihre Lebensgrundlage bestellt ist: schlecht. An die 700 Schiffe aus anderen Ländern würden vor der rund 3300 Kilometer langen Küste Somalias ihre Netze auswerfen und weder auf den Fischbestand noch auf die Fischer Rücksicht nehmen.
Eine Lizenz oder eine Vereinbarung mit der Regierung in Mogadischu habe keiner der fremden Trawler - wie auch, die Regierung sei schließlich seit 15 Jahren nicht mehr handlungsfähig.
Trawler von weither kreuzen vor der somalischen Küste
Die Eindringlinge würden zu enge Netze verwenden, klagten Hussein und Shaykh Abdi. Die Fremden fischten mit verbotenen langen Schleppnetzen, teilweise auch mit Dynamit, die einheimischen Fischer würden in ihren Booten gerammt, würden mit kochendem Wasser übergossen und, wenn sie gar nicht Platz machten, auch mit Gewehren beschossen. Nicht selten schreckten die Eindringlinge auch nicht davor zurück, somalische Milizen zu finanzieren, um die lokalen Fischer zu vertreiben.
Das war 2006. Der Aufschrei war vernehmlich - aber folgenlos. Schon damals ging es den somalischen Fischern nicht gut. Heute geht es ihnen noch ein bisschen schlechter.
Noch immer kreuzen Trawler von weither vor der langen Küste, aus Japan und Indien genauso wie aus Italien oder Spanien. Der spanische Fischkutter, der im Mai von Piraten gekapert wurde oder das philippinische Fangschiff, das Anfang November versehentlich von einem indischen Kriegsschiff versenkt wurde, waren deutliche Hinweise auf die Attraktivität, die die somalischen Fanggründe weltweit haben.
Nicht ohne Grund: Die Küste vor Somalia gehört zu den fischreichsten der Ozeane.
Thunfisch und Sardinen, Doraden und Barsche, Haie und Hummer - alles geht den Fischern dort in die Netze. Rund 30.000 berufsmäßige Fischer gab es um die Jahrtausendwende noch im Land. Dazu kamen rund 60.000 Gelegenheitsfischer.
Ein blühendes Geschäft war die Fischerei in Somalia nie. Somalis sind keine begeisterten Fischesser, der größere Teil des Fangs ging traditionell in den Export.
Giftmüll wird einfach ins Meer geschüttet
Doch auch das bisschen Infrastruktur, das mal war, ist weitgehend zusammengebrochen. Die verarbeitende Industrie, insbesondere jene für den Export, hat aufgehört zu existieren. Es gibt im Land keine zuverlässigen Transporte und keine funktionierenden Kühlhäuser mehr, und auch keine Schiffe, die in Mogadischu anlegen könnten.
Ein anderes Problem kommt hinzu: Der Giftmüll, der zunächst an Land deponiert wurde, seit dem Zusammenbruch des Barre-Regimes 1991 aber mit Vorliebe einfach ins Meer geschüttet wird.
Seit knapp zwanzig Jahren gilt die Küste vor Somalia wegen der nicht vorhandenen Küstenwache als Tummelplatz europäischer Verklappungsschiffe. Handfeste Beweise waren selten, aber immer wieder gab es mysteriöse Begebenheiten: Anfang 2002 wurden auf der Höhe von Merca, südlich von Mogadischu, Zigtausende toter Fische angeschwemmt. Die Ursache blieb unklar.
Im Frühjahr 2004 beobachteten Fischer zwei große Container im Wasser unweit von Bosaso. Ob die Fracht gezielt versenkt oder bei Seegang von Bord eines Containerschiffs getragen wurde, blieb ebenfalls ungeklärt. Ende 2004 spülte der Tsunami, der auch die afrikanische Küste erreichte, Dutzende von giftigen Fässern an die somalischen Strände. "Zahlreiche Küstenbewohner berichten von Zahnfleischbluten, ungewöhnlichen Hautveränderungen und Atemproblemen", notierten Beobachter der Uno damals.
- 1. Teil: Reiche Beute, arme Fischer
- 2. Teil: Giftverklappung - die Weltgemeinschaft sieht tatenlos zu
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- Donnerstag, 04.12.2008 – 15:25 Uhr
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Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.
Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
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