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Belästigung in Kieler Sophienhof: Die Suche nach Klarheit

Von und , Kiel

Dutzende Migranten sollen in einem Kieler Einkaufszentrum drei Mädchen belästigt haben, jetzt stellt sich heraus: Viele vermeintliche Gewissheiten in dem Fall sind längst nicht gesichert.

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Sophienhof in Kiel

Vor dem Schnellrestaurant Orient Fresh vermischen sich die Düfte von Dönerfleisch und Pizzakäse, als Kadir Aktas zur Höchstform aufläuft. "Hier saßen einfach drei Mädchen und ein paar Jungs", sagt der 33-Jährige Imbissverkäufer und wedelt mit seinen Armen hektisch umher. "Ich weiß überhaupt nicht", fügt er hinzu, "woher das Gerücht mit den angeblich 30 Tätern herkommt."

Das Problem ist: Offenbar weiß das niemand so recht.

Aktas, gepflegter Dreitagebart und grellgrünes Poloshirt, sitzt an jenem Holztisch im Kieler Einkaufszentrum, an dem sich am vergangenen Donnerstag Szenen abgespielt haben, die den Sophienhof weit über Kiel hinaus auf unrühmliche Art bekannt machten: Vor Lokal Nummer 35 im Obergeschoss sollen junge Männer drei Mädchen im Alter von 15, 16 und 17 Jahren bedrängt haben. An diesen Vorwürfen bestehen kaum Zweifel.

"Was jetzt gerade abläuft, ist nicht fair"

Nicht klar ist allerdings, was genau unter "bedrängen" zu verstehen ist, wie viele Unbekannte die drei Teenager belästigten, und ob hier tatsächlich etwas Strafbares geschah.

"Da wollte doch bloß einer auf dicke Hosen machen", sagt Aktas, der das Geschehen von seinem Laden aus beobachtet haben will. Demnach hatte aus einer Gruppe von sechs jungen Männern heraus ein Duo die Mädchen begafft und ihnen Kommentare zugerufen, erst später sei es dann zu einem kleinen Handgemenge mit zu Hilfe gerufenen Polizisten gekommen.

Schaulustige habe es gegeben, ja, aber keinesfalls Dutzende Täter. "Wenn direkt vor meinem Laden jemand angegriffen würde, käme ich auch sofort zu Hilfe und würde mir die Burschen packen", sagt er. "Aber was jetzt gerade abläuft, ist nicht fair."

Die Pressemitteilung der Kieler Polizei mit der Nummer 160226.1 verbreitete am Freitag allerdings einen anderen Hergang, formulierte als vermeintliche Tatsache: Die drei Mädchen seien tags zuvor "massiv belästigt" worden. Zwei junge Afghanen fotografierten sie demnach mit ihren Handys, versendeten Bilder an mutmaßliche Kumpel, und im Nu versammelte sich ein Pulk von "20 bis 30 Personen mit Migrationshintergrund" (hier im Wortlaut).

"Einfach nicht gesichert"

Körperliche Übergriffe auf die Mädchen habe es zwar nicht gegeben. Als aber die von Zeugen alarmierten Polizeibeamten eintrafen, wehrten sich die Beschuldigten gewaltsam, hieß es. "Die beiden afghanischen Haupttäter" seien in Gewahrsam genommen worden.

Seit den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht lösen derartige Nachrichten ein großes Echo aus. Und prompt griffen Medien im ganzen Land die Vorfälle auf. Auch SPIEGEL ONLINE berichtete mit Verweis auf die Polizei: "Männergruppe belästigt Mädchen in Einkaufszentrum". Einen Tag später bestätigte ein Polizeisprecher, weitere Frauen hätten sich gemeldet und von Belästigungen im Sophienhof berichtet.

Am Dienstag, fünf Tage nach dem Vorfall, kassierte die Polizei manche dieser vermeintlichen Gewissheiten: Der Sachstand habe sich "relativiert", sagt ein Sprecher SPIEGEL ONLINE. Gegen die beiden verdächtigen Afghanen werde zwar ermittelt wegen "Belästigung auf sexueller Basis, Bedrohung, Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Körperverletzung". Ob aber die Mädchen gefilmt und fotografiert wurden, "können wir noch gar nicht sagen". Die Handys der Verdächtigen seien bisher nicht ausgewertet worden.

Und auch, ob da ein Pulk von 20 bis 30 Migranten mitbelästigt hat, "ist einfach nicht gesichert", so der Sprecher. Man ermittele zurzeit, ob es sich zum Teil auch um Schaulustige gehandelt haben könnte. Und: Lediglich zwei weitere Frauen hätten sich seit Freitag gemeldet, die "allgemein" über ein Unsicherheitsgefühl durch Flüchtlinge geklagt hätten, sagte der Polizeisprecher. Einen Bezug zum Sophienhof gebe es nicht.

"Angemacht und Sprüche gerissen"

Quendresa Bytyqi, eine junge Frau mit Dutt und glitzernden Ohrringen, hat den Vorfall nach eigenen Angaben aus wenigen Metern Entfernung beobachtet. In Lokal 39, der Pizzeria Ciao Bella, habe sie an jenem Abend gearbeitet, als es im Gang vor dem Laden plötzlich lauter geworden sei. Ein paar Jungs hätten die Mädchen in der Sitzgruppe schräg vor dem Restaurant "angemacht und Sprüche gerissen", aber ansonsten "war da eigentlich nichts". Erst als immer mehr Schaulustige aufgetaucht seien, so Bytyqi, sei die Lage unübersichtlich geworden.

Eine solche Situation sei unangenehm für die betroffenen Mädchen, laut Bytyqi sind Zwischenfälle dieser Art, bei denen einzelne Jungs Mädchen belästigen, im Sophienhof nicht ungewöhnlich. Gerade jetzt, im Winter, würden sich hier abends viele Jugendliche treffen. Tatsächlich tummeln sich im Sophienhof an diesem eiskalten Dienstagabend etliche Passanten, die dem Äußeren nach zum Großteil Schüler sein müssten.

Über mangelnde Sicherheitsmaßnahmen kann sich hier seit dem Wochenende keiner beklagen: Es vergehen kaum drei Minuten, in denen vor dem Orient Fresh und dem Ciao Bella nicht Polizisten und Sicherheitsleute patrouillieren.

Die Polizei bemüht sich nun zu rekonstruieren, wie die vorschnelle Darstellung der Vorfälle als Tatsachen zustande gekommen ist: Der Polizeibeamte, der in der vorigen Woche die vermeintlichen Fakten verbreitete, sei in dieser Woche im Urlaub, heißt es aus der Behörde. Es sei eigentlich nicht üblich, dass Vorwürfe als Tatsachen dargestellt würden. Man müsse nun "intern aufbereiten", wie es dazu kommen konnte.

Vielleicht ging es den Polizeibeamten einfach darum, nicht erneut als vermeintliche Vertuscher dazustehen. Vor wenigen Wochen erst wurde bekannt, dass die Kieler Polizei auf Grund einer umstrittenen Vorgabe zeitweise Bagatelldelikte von Flüchtlingen nicht verfolgen sollte. Da mag das vorauseilende Melden von Fakten eine Art Gegenreaktion gewesen sein.

Zu den Vorwürfen der Mädchen sagte ein Sprecher der Kieler Staatsanwaltschaft, es sei "noch nicht klar, ob ein Straftatbestand" erfüllt sei. Nach den bisherigen Aussagen hätten die jungen Männer die Mädchen zeitweise verfolgt, sich zu den Mädchen an einen Tisch gesetzt und ihnen Luftküsse zugeworfen. Und sie hätten gesagt: "Ich liebe dich" und "Du bist so schön".

Klar ist also: Die Mädchen fühlten sich auch laut den Beschreibungen der Augenzeugen aus nachvollziehbaren Gründen belästigt. Was genau wer sich hat zuschulden kommen lassen, das müssen die Ermittler jedoch erst noch herausfinden.

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