Sorgerecht-Urteil für ledige Väter: Schluss mit Mutti

Ein Kommentar von Claudia Voigt

Es mag paradox klingen - aber das europäische Urteil zum Väter-Sorgerecht ist auch ein Urteil im Sinne der Frauen. Es schafft Gleichberechtigung. Denn es bricht endlich mit dem merkwürdigen Ideal der deutschen Gesellschaft von einer Mutter, die für das Kindeswohl wichtiger sein soll als jeder andere.

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Vater mit Sohn auf Schulhof: Abschied von tradierten Bildern

Die Rolle der Mutter ist in Deutschland ideologisch überfrachtet. Sie stellt Frauen im Alltag vor Aufgaben, die fast nicht zu bewältigen sind.

Wenn ein Kind in Mathe einen Fünfer nach Hause bringt - Schuld der Mutter, sie hat in den Tagen vor der Klassenarbeit nicht ausreichend mit dem Sohn oder der Tochter gepaukt.

Wenn es an Allergien erkrankt - Schuld der Mutter, sie hat das Baby nicht oder nicht lang genug gestillt.

Wenn das erwachsene Kind später von einer Beziehungskrise in die nächste trudelt - Schuld der Mutter, sie hat es in den ersten Jahren nicht zufriedenstellend an sich gebunden.

Weil katholische Bischöfe, konservative Politiker und manche Bindungsforscher nicht müde werden, eine Ausnahmerolle für Mütter zu entwerfen, die irgendwo zwischen einer Heiligen und einer Nachhilfelehrerin changiert, hinkt Deutschland im europaweiten Vergleich ständig hinterher. Das betrifft die Geburtenrate genauso wie den Ausbau von Ganztagsschulen.

Mütter sind in Deutschland zusätzlich zu ihren erzieherischen Aufgaben mit einer enormen psychologischen Verantwortung beladen. Das Glück der Kinder liegt vor allem in ihren Händen. Der Druck auf die Frauen ist in dieser Hinsicht so groß, dass viele sich gleich ganz gegen Kinder entscheiden. Und von jenen, die Babys bekommen haben, bauen nicht wenige den Druck ab, indem sie sich in einen Wettkampf mit anderen Müttern stürzen, wer denn nun die bessere Mami sei. Schön zu beobachten zur Mittagszeit an deutschen Grundschulen, wenn die Hausfrauen am Schultor warten und spitze Bemerkungen abschießen gegen die berufstätigen Mütter, die wieder mal eine Babysitterin geschickt haben.

90 Prozent der Frauen wollen Beruf und Kinder miteinander vereinbaren

Das speziell deutsche Mutterbild stammt aus der Zeit Martin Luthers, als das Ideal der heiligen Familie projiziert wurde auf das Bild der leiblichen Familie. Seit der Reformation galt die Sorge um die Familie für die Frauen als das höchste Gut. Pestalozzis Erziehungsreform um 1800 erhob die Mütterlichkeit dann zur höchsten Kategorie für alle Frauen. Diese Lehre erlebte im Biedermeier große Verbreitung. Im "Dritten Reich" schließlich wurde die Mutterschaft zur nationalen Aufgabe erklärt. Das Ideal der deutschen Mutter ist ein historisches und schweres Erbe.

Doch es hat in der jüngeren Vergangenheit einige Erschütterungen erlebt. Durch die Frauenbewegung Ende der sechziger Jahre. Und in der vergangenen Legislaturperiode durch die Politik Ursula von der Leyens. Die Entscheidung für das Elterngeld und den Ausbau der Krippenplätze sind wichtige Impulse, um Müttern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern. Sie stärken ein verändertes weibliches Rollenbild.

Diese Gesetze kommen den Wünschen der jungen Frauen entgegen. In einer jüngst aktualisierten Studie "Frauen auf dem Sprung", eine Kooperation des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung mit der Zeitschrift "Brigitte", sagen 90 Prozent der befragten Frauen zwischen 17 und 29, dass sie Beruf und Kinder miteinander vereinbaren wollen.

Damit diese Wünsche Realität werden können, müssen auch die Aufgaben innerhalb der Familie gleichberechtigt verteilt werden. Vor allem die Rolle des Mannes muss sich verändern. Das Wickelvolontariat war ein Anfang.

Die Hausfrauenmutter wird zum Auslaufmodell

Wenn die Männer, statt Versorger und Wochenendpapi zu sein, mehr Aufgaben im Alltag und bei der Kindererziehung übernehmen, entsteht Raum und Zeit für die Berufstätigkeit der Frauen.

Vor allem die Generation der jungen Frauen wird von ihren Partnern in dieser Hinsicht Unterstützung erwarten. Es geht ihnen dabei nicht nur um die Erfüllung ihrer Wünsche, sondern um eine existentielle Forderung. Seit die Bundesregierung 2008 das Unterhaltsrechtrecht änderte, haben verheiratete Frauen nach einer Scheidung geringere Unterhaltsansprüche. Die "gute Partie", die den geschiedenen Ehepartner bis ans Lebensende alimentieren muss, ist damit von gestern. Die Hausfrauenmutter wird zum Auslaufmodell.

Junge Frauen haben begriffen, dass sie finanziell auf eigenen Beinen stehen müssen, auch wenn sie eine Ehe schließen, sagt die Soziologin Jutta Allmendinger. Sie leitete die Studie "Frauen auf dem Sprung". Das Unterhaltsgesetz verändert die Bundesrepublik langfristig wohl mehr als die Krippenplatzoffensive des Familienministeriums: weil es das Wertesystem unserer Gesellschaft verschiebt.

Die Entscheidung des Europäischen Gerichthofs für Menschenrechte zum Sorgerecht lediger Väter wird ähnliche gesellschaftliche Langzeitfolgen haben. Welche Folgen hat es für Väter, Mütter und Kinder in Deutschland, wenn die Bundesregierung das Sorgerecht reformieren wird?

Mehr Gleichberechtigung wird möglich

Es gibt ledigen, getrennt lebenden Vätern mehr Möglichkeiten, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Und immerhin hat fast jedes dritte Kind, das heute in Deutschland geboren wird, Eltern, die nicht verheiratet sind.

Ledige Väter werden in Zukunft also mit den Müttern ihrer Kinder auf eine Stufe gestellt. Das bedeutet weniger Diskriminierung den Vätern gegenüber, keine Allmacht mehr für die Mütter. Sie müssen und können die Verantwortung für das Kind teilen. Davon profitieren vor allem die Kinder. Und das ist gut so.

Der Gerichtshof trifft mit der Entscheidung auch eine ideologische Aussage: Väter sind wichtig für ein Kind. Die merkwürdige Idealvorstellung dieser Gesellschaft von einer Mutter, die für das Wohl des Kindes wichtiger sein soll als jeder andere, verblasst. Mehr Gleichberechtigung wird möglich.

Es ist vermutlich kein Zufall, dass dieses Urteil am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gesprochen wurde. In anderen europäischen Ländern wie Frankreich und Schweden wird die Erziehung viel einfacher an Kindergärten und Schulen abgegeben.

Die Mütter spielen dort historisch bedingt nicht die Ausnahmerolle wie in Deutschland. Zeit, dass auch wir uns davon verabschieden.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 209 Beiträge
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1. Sorgerecht-Urteil für ledige Väter
mirrli 04.12.2009
Zitat von sysopEs mag paradox klingen - aber das europäische Urteil zum Väter-Sorgerecht ist auch ein Urteil im Sinne der Frauen. Es schafft Gleichberechtigung. Denn es bricht endlich mit dem merkwürdigen Ideal der deutschen Gesellschaft von einer Mutter, die für das Kindeswohl wichtiger sein soll als jeder andere. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,665191,00.html
2. Das
elwu 04.12.2009
ist der erste sachliche und inhaltlich rundum zutreffende Artikel zu diesem Thema. Eine seltene Perle hier auf SPON.
3. Sorgerecht-Urteil für ledige Väter
mirrli 04.12.2009
Wieder einmal wurde ein Gesetz gegen die Frau verabschiedet. Als Alleinerziehende hat sie es ja schon schwer genug, nun darf der Mann auch noch bei allen Entscheidungen bezüglich des "Kindes" mitentscheiden. Wie oft dieser Umstand dann wieder im Alltag gegen die Frau als Schikane eingesetzt wird und nicht zum Wohle des Kindes? Mich wundert es nicht wenn immer mehr Frauen sich weigern Kinder zu bekommen bei einer Gesellschaft, die alle Lasten den Frauen aufbürdet. Unsere Politiker haben den Bezug zum Alltagsleben verloren und das zieht sich durch alle Gesetzesentscheidungen hindurch. Ich kenne junge Frauen, die kinderlos bleiben weil ihnen dieser Staat jegliche Lebenssicherheit verweigert und damit meine ich ein würdiges Leben jenseits von staatlichen Transferleistungen.
4. Es hört nicht auf...
pibaer 04.12.2009
Ist dem Schreiber des Artikels eigentlich mal aufgefallen, dass es bei dem Urteil nicht um die Mütter, sondern um die Väter und Kinder geht? Aber nein, nun müssen wieder die Auswirkungen auf die armen Mütter in den Mittelpunkt rücken, weil denen ihre Entscheidungsgewalt nach Gutsherrenart (fast) genommen wurde. Die Ärmsten! Wie wäre wohl das Gezeter, wenn man in all den Gesetzen "Frau" durch "Mann" und umgekehrt ersetzt hätte? Und was soll das politisch motivierte Gefasel vom Ende der Hausfrauenmutterschaft? Das ist ja mittlerweile schon wie in der DDR, wo den Frauen ein pseudo-modernes Rollenbild eingetrichtert wurde: "Wenn Du nicht arbeitest, bist Du nichts."
5. alles toll ?
...ergo sum 04.12.2009
Na prima auch ! Dann darf das Kind ab sofort per EU-Gesetz erwarten das der Pappi sich endlich daran erinnert zu zahlen UND auch sich zu kümmern ? WO genau könnte ein Kind das zur Not einklagen ? WO genau könnte eine Mutter die Teilung der Rechte UND PFLICHTEN zur Not einklagen ? Ja gut, - Frau / Mutter soll / kann sich demnach endlich wieder auf ihre Ausbildung und / oder ihren Job konzentrieren, weil Pappi das Kleine zur Not (Krankheit, Dienstreisen ect.) zu sich holt und versorgt ? Ach ja ? Mutti kann sich demnach in Zukunft bei Bewerbungen auch darauf verlassen und dies so dem potentiellen AG mitteilen ? Demnach findet also bei den Vätern ab sofort ein völliges Umdenken statt ? Die neue Lebensgefährtin / Ehefrau hat dann auch nix dagegen und versorgt (während die Mutter des Kleinen mal ausfällt) des lieben Mannes Kind aus einer anderen Beziehung liebevoll mit ? Na schön das die Welt so einfach ist, - ein neues Gesetz und alle Probleme sind zu aller Zufriedenheit geregelt und gelöst. Diejenigen Männer, welche sich bereits liebevoll und verantwortungsbewußt um ihre Kinder gekümmert hatten / haben brauchen dieses Gesetz nicht. Da läuft das seit Jahren völlig problemlos ab. Die anderen Väter "aus den Augen und aus dem Sinn" werden ihre Einstellung deshalb aber nicht verändern. Schlußendlich bleibt immer alles an der Mutter hängen. Völlig egal ob eheliches Kind (nach Scheidung) oder uneheliches Kind. Der Mann zieht weiter und baut sich ein neues Leben auf und Frau kann zusehen wie sie mit dem "Erbe" ihrer Vergangenheit die kommenden Jahren klarkommt (mal kraß ausgedrückt), - und das dann in ALLEN ihren Lebensbereichen. Von Müttern wird deshalb weiterhin ausschließlich seitens der Gesellschaft gefordert werden perfekt zu sein. Ich kenne persönlich nur 2 Fälle in denen sich uneheliche Väter ab der Geburt ihrer Kinder sehr verantwortungs- und liebevoll rund um die Uhr gekümmert haben, aber unzählige Fälle (auch persönlich) wo nach einer Trennung / Scheidung das daraus entstandene Kind von den Väter als finanzielle Belastung und "schlechte" Erinnerung deklariert und auch so behandelt wurde. Klar das Frau dann Probleme damit hat zeitlich und finanziell die Ausbildung (Studium) weiterzubetreiben und Karriere zu machen. Ganz besonders wenn z.B. ! Kitas um 17 Uhr schließen und die Arbeitszeit PLUS Arbeitsweg / Uniseminare diese Zeiteinhaltung PLUS Einkauf nicht hergeben. jetzt komme mir niemand mit Oma / Opa ect. DAS ist längst überholt weil die auch entweder fern wohnen oder ebenfalls noch arbeiten, - so noch vorhanden. WAS genau wird sich jetzt wohl zugunsten der Kinder und zur Erleicherung der Mütter ändern ? Die Einstellung der Väter, die Einstellung der AG, die Öffnungszeiten der Kitas, die Verfügung von Hortplätzen .... ?
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Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte
Der Europäische Menschenrechtsgerichtshof (EGMR) in Straßburg wurde am 23. Februar 1959 gegründet. Er wacht über die Einhaltung der Europäischen Menschenrechtskonvention. Diese schreibt Grundrechte wie Meinungs-, Gewissens- und Religionsfreiheit, das Recht auf Achtung des Privatlebens und auf ein faires Gerichtsverfahren fest. Die Menschenrechtskonvention wurde bislang von 47 Staaten unterzeichnet, die im Europarat zusammengeschlossen sind. Sieht sich einer der 800 Millionen von der Konvention geschützten Bürger in seinen Rechten verletzt, so kann er vor den Menschenrechtsgerichtshof ziehen - allerdings erst, nachdem er vor den nationalen Gerichten gescheitert ist. Vor dem EGMR können nur Beschwerden gegen Staaten erhoben werden, nicht gegen Einzelpersonen. Am EGMR arbeiten 47 Richter, einer für jeden Mitgliedstaat des Europarats. Allein im vergangenen Jahr fällten sie mehr als 1500 Urteile. Da aber jedes Jahr Zehntausende Bürger klagen, schiebt der Gerichtshof einen Berg unerledigter Verfahren vor sich her: Fast hunderttausend Beschwerden sind noch nicht bearbeitet (AP).