Sozialwissenschaftler über Karneval: "Sich endlich ungeniert öffentlich betrinken"
Heiko Kosow ist passionierter Karnevalist und Sozialwissenschaftler. Im Interview spricht der 64-jährige ehemalige Karnevalsprinz über traurige Jecken, Karneval als Forum der Selbstdarsteller - und erzählt seinen besten Witz.
SPIEGEL ONLINE: Herr Kosow, Sie waren im vergangenen Jahr selbst Karnevalsprinz in Arnsberg. Muss man den Wissenschaftler in sich zu Hause lassen, wenn man als "Heiko der Erste, der Wieder-Regierende" zur Prunksitzung geht?
Kosow: Nein. Wir nennen das als Soziologen "teilnehmende Beobachtung". Ich habe als Mitwirkender immer geguckt: Warum verhalten sich die Menschen im Karneval so und nicht anders?
SPIEGEL ONLINE: Was überwog denn - das Mitschreiben als Wissenschaftler oder das Mitschunkeln als Karnevalist?
Kosow: Das Feiern. Mit Menschen zusammen zu sein, mit ihnen zu schunkeln, zu lachen und zu singen. Das ist auch aus soziologischer Sicht ungeheuer wichtig - Karneval ist ein identitätsstiftendes Gemeinschaftserlebnis.
SPIEGEL ONLINE: Und was haben Ihre teilnehmenden Beobachtungen ergeben?
Kosow: Es gibt ein ungeheures Spektrum, warum Leute Karneval feiern. Manche werden einfach mitgenommen, zum Beispiel vom Ehepartner, obwohl sie gar keine Lust haben. Dann gibt es Leute, die im Karneval alles an Selbstdarstellung nachholen, was sie im Laufe des Jahres versäumt oder unterlassen haben, indem sie sich auf bestimmte Art verkleiden.
SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?
Kosow: Zarte und zurückhaltende Frauen, die als Sexbombe auftreten. Oder der brave Bankangestellte, der sich als Bankräuber oder als Gefangener verkleidet. Kostümiert tut man Dinge, die man sich sonst nicht traut. Manche verkleiden sich, um nicht erkannt zu werden.
SPIEGEL ONLINE: Anonym kann man ja auch viel besser endlich mal Dampf ablassen.
Kosow: Die Ventilfunktion ist für manche Leute in der Tat wichtig. Besonders früher war der Karneval eine Gelegenheit für die Bürger, sich kritisch mit der Obrigkeit zu beschäftigen. Und natürlich darf man sich endlich ungeniert in der Öffentlichkeit betrinken.
SPIEGEL ONLINE: Das kann man auch im Stadion oder in der Kneipe.
Kosow: Ja, aber die Möglichkeit, über mehrere Tage von Weiberfastnacht bis Aschermittwoch zu feiern, macht Karneval einzigartig. Wenn es dieses Fest nicht gäbe, müsste man es in einigen Teilen Deutschlands erfinden. Die Leute sind heiß auf diese Zeit. Manche fangen am Tag nach Aschermittwoch an, den nächsten Karneval zu planen. Viele Leute fahren extra zu Karneval ins Rheinland.
SPIEGEL ONLINE: Und manche fliehen.
Kosow: Ja, das stimmt.
SPIEGEL ONLINE: Was ist das Seltsamste am Karneval?
Kosow: Wenn Leute sehr schön geschminkt und sehr schön verkleidet völlig traurig dasitzen. Die wissen dann genau, dass ihr Aussehen nicht mit ihrer inneren Verfassung übereinstimmt. Aber komischerweise kann man diese Leute viel leichter an die Seite nehmen und fragen, warum sie schlecht gelaunt sind.
SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie als Karnevalsprinz gegen die schlechte Laune getan?
Kosow: Ich hatte etwa 40 Auftritte in sechs Wochen. Da habe ich bei jedem ein paar Gags gemacht.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie gereimt?
Kosow: Nein.
SPIEGEL ONLINE: Dann lassen Sie mal ihren besten Witz hören.
Kosow: Der Erzbischof von Köln besuchte 2011 mit seinem Dreigestirn den Papst und brachte dem Heiligen Vater einen Papageien als Geschenk mit. Der Papagei spricht den Papst immer mit "Hoheit" statt "Heiligkeit" an und ist davon auch nicht durch viel Training abzubringen. Schließlich kommt man auf die Idee, den Papst in vollem Festornat vor den Vogel zu stellen - dann muss doch selbst das Tier begreifen, wen es vor sich hat. Als der Papst so bekleidet vor den Papageien tritt, legt der seinen Kopf zur Seite und fängt an zu singen: "Einmol Prinz zo sin".
Die Fragen stellte Benjamin Schulz
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- Montag, 20.02.2012 – 08:46 Uhr
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- Heiko Kosow, 64, ist studierter Sozialwissenschaftler und war elf Jahre lang bis zu seiner Pensionierung 2008 Regierungsvizepräsident in Arnsberg. Kosow ist stellvertretender Senatssprecher des Berufsverbandes Deutscher Soziologinnen und Soziologen und im Herausgeberkreis der Verbandszeitschrift Sozialwissenschaften und Berufspraxis. Im vergangenen Jahr war der passionierte Karnevalist Prinz der "Kleinen Arnsberger Karnevalsgesellschaft".
Christoph Meinschäfer
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