Sperrzone Fukushima Helfer dürfen radioaktiv belastete Leichen nicht bergen

Die Toten sind mit Schlamm bedeckt, der Tsunami hat sie unkenntlich gemacht, viele sind radioaktiv verseucht. Bei der schwierigen Bergung der Leichen im japanischen Katastrophengebiet müssen jetzt Tausende Soldaten helfen. In der Sperrzone ist die Suche verboten - Angehörige sind verzweifelt.

AP/ Yomiuri Shimbun

Von


Hamburg - Sie weiß bis heute nicht, ob ihr Bruder überlebt hat. Sie kann es nur hoffen, aber rund drei Wochen nach dem Tsunami stehen die Chancen mehr als schlecht. Die 58 Jahre alte Frau, deren Name nicht bekannt ist, war während des Bebens in der Stadt Soma. Als sie in ihre Heimatstadt Minamisoma zurückkehrte, standen von 30 Häusern ihres Wohngebiets noch acht. Ihr Ehemann sah mit an, wie ihr Bruder, der hinter dem Steuer seines Kleinlasters saß, von den Wellen weggerissen wurde. Seither fehlt von ihm jede Spur.

Ist ihr Bruder wirklich ums Leben gekommen? Wenn ja: Wo genau ist er gestorben? Wo liegt sein Leichnam? Die Frau, deren Geschichte die japanische Nachrichtenagentur Jiji aufgreift, weiß es nicht. Sie kann keine der Fragen beantworten. Denn Minamisoma liegt im Sperrgebiet, die Stadt wurde evakuiert, die Frau und ihr Ehemann wurden in eine Notunterkunft gebracht.

Erst musste sie machtlos ertragen, wie Erdbeben und Tsunami ihr altes Leben zerstörten, jetzt ist es die radioaktive Strahlung, die vom havarierten AKW Fukushima ausgeht und es ihr unmöglich macht, Gewissheit zu erlangen. Der Stadtteil von Minamisoma, in dem ihr Bruder verunglückte, ist derzeit von der Suche nach Vermissten und Leichen ausgenommen - die radioaktive Strahlung ist zu hoch.

"Wir müssen sicherstellen, dass die Polizisten geschützt sind"

Die Polizisten tragen bei ihrer Suche Strahlenmessgeräte. Sobald der Alarm schlägt, sind sie angehalten, die Sperrzone zu verlassen. Immer wieder muss die Suche daher unterbrochen werden. "Wir wollen die Leichen schnellstmöglich bergen, aber wir müssen sicherstellen, dass die Polizisten ausreichend gegen die radioaktive Strahlung geschützt sind", sagte ein Einsatzleiter.

Anfang der Woche wurde ein Toter rund fünf Kilometer vom AKW Fukushima entfernt gefunden. Das Messgerät piepte. Der Leichnam war derart verstrahlt, dass die Polizisten ihn in einen Sack wickelten und in ein leerstehendes Gebäude in der Nachbarschaft brachten, wie die Zeitung "Mainichi" berichtet. Dort soll er nun erst einmal bleiben.

Die Polizei kündigte an, man werde sich des Problems grundsätzlich annehmen. Doch auch dies wird dauern. Rund 1000 Todesopfer konnten nach Angaben der Behörden bislang noch nicht geborgen werden.

Und Lösungen sind schwierig: Eine Dekontaminierung der Leichen hätte zur Folge, dass die Toten später kaum mehr identifiziert werden können. Eine Übergabe der Toten an die Angehörigen birgt weitere Gefahren - ebenso wie die in Japan übliche Einäscherung. Durch das Verbrennen der Leichen könnten sich die radioaktiven Partikel weiter verteilen.

"Wir finden die Leichen überall - in Autos, in Flüssen, unter Geröll oder auf den Straßen", sagte ein Polizist aus der Präfektur Fukushima. Die Behörden gehen inzwischen davon aus, dass insgesamt 19.000 Menschen durch das Erdbeben und den Tsunami ums Leben gekommen sind.

"Ich möchte, dass man nach meinem Bruder sucht"

Der meterhohe Schutt, den die Riesenwelle zurückgelassen hat, erschwert die Arbeit der Helfer. An diesem Freitag haben Tausende japanische und amerikanische Soldaten mit einer Suche nach Tsunami-Opfern vor der nördlichen Pazifikküste Japans begonnen. 120 Flugzeuge und Hubschrauber und 65 Schiffe waren im Einsatz. Die Zeitung "Yomiuri Shimbun" schreibt, insgesamt seien 17.000 japanische und 7000 US-Soldaten beteiligt.

Mindestens 4000 Menschen konnten im Katastrophengebiet außerhalb der Sperrzone bislang nicht identifiziert werden. Die Autopsien gestalten sich mehr als schwierig. Die Toten werden in provisorische Leichenschauhäuser gebracht, doch viele Identifizierungsmerkmale sind nicht mehr vorhanden. Der Tsunami hat die Kleidung zerrissen, die persönlichen Gegenstände wie Handy oder Führerschein wurden fortgespült. Manche Leichen sind öl- oder schlammbedeckt. Sie müssen erst einmal gesäubert werden, damit Merkmale wie Narben oder Muttermale ausgemacht werden können.

Teilweise werden die Menschen fernab von ihrem eigentlichen Aufenthaltsort gefunden. Manche Familien wurden gänzlich ausgelöscht - es gibt schlicht niemanden mehr, der die Toten identifizieren könnte. Und je weiter die Zeit voranschreitet, desto schwieriger wird es.

Die 58 Jahre alte Frau aus Minamisoma suchte zwei Tage lang gemeinsam mit ihrem Mann nach dem Bruder. Sie fanden seinen völlig zerstörten Kleinlaster. Dann kam der Evakuierungsbefehl. Auf dem Weg zur Notunterkunft gingen sie und ihr Mann zum Leichenschauhaus in Soma. Dort erfuhr sie nur, dass man in ihrem Stadtteil nicht nach Opfern suchen könne.

"Ich möchte, dass sie die radioaktiven Strahlen in den Griff bekommen", sagte die 58-Jährige der Nachrichtenagentur Jiji. "Ich möchte, dass man nach meinem Bruder sucht. Nicht, dass ich glaube, er könnte überlebt haben. Aber trotzdem..."

Mitarbeit Rosa Vollmer, mit Material von AP

insgesamt 117 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dresden71 01.04.2011
1. Eine Frage ....
an die Grünen: Kann man eigentlich ruhig schlagen wenn man seinen Vorteil/Wahlsieg aus dem Leid dieses Menschen schlägt? Mehr was es ja am letzten Wochenende nicht....
Günter Bodendörfer 01.04.2011
2. Dresden
Zitat von dresden71an die Grünen: Kann man eigentlich ruhig schlagen wenn man seinen Vorteil/Wahlsieg aus dem Leid dieses Menschen schlägt? Mehr was es ja am letzten Wochenende nicht....
Jetzt haben Sie es denen aber mal richtig gegeben. Weiter so, endlich mal einer der sagt was Sache ist. "Wahlsieg aus dem Leid dieser Menschen" Ihnen ist wohl keine Dummheit zu blöde?
trafozsatsfm 01.04.2011
3. Ich kann es nicht mehr hören!
Zitat von dresden71an die Grünen: Kann man eigentlich ruhig schlagen wenn man seinen Vorteil/Wahlsieg aus dem Leid dieses Menschen schlägt? Mehr was es ja am letzten Wochenende nicht....
Eine Frage... an dresden71: Kann man eigentlich ruhig schlafen, wenn man eine längst überfällige politische Diskussion in Deutschland zu verhindern versucht, indem man immer wieder auf das Leid unschuldiger Opfer einer schrecklichen Naturkatastrophe verweist? Ich finde, das ist obszön!
Denken!, 01.04.2011
4. es ist furchtbar,
Zitat von sysopDie Toten sind mit Schlamm bedeckt, der Tsunami*hat sie unkenntlich gemacht, viele sind radioaktiv verseucht. Bei der schwierigen Bergung der Leichen im japanischen Katastrophengebiet*müssen jetzt*Tausende Soldaten helfen. In der Sperrzone ist die Suche verboten - Angehörige sind verzweifelt. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,754533,00.html
wie diese Menschen starben, sie sind danach verstrahlt worden. Welche radioaktiven Stoffe waren es? - Gläubige Christen würden hoffen, die Seelen der Toten konnten rechtzeitig fliehen. Ich möchte hier keine naturwissenschaftlichen Erklärungen hören. Die Atomenergie ist die schlimmste Ausgeburt der Menschen. Selbst wenn es nur wenige Lebende trifft, Plutonium 239 hat eine Halbwertszeit von 24.000 Jahren, strahlt 240.000 Jahre, bis es ungefährlich zerfallen ist... Menschen zerfallen zu Staub, Asche. Die Strahlung bleibt, wir werden sie nicht mehr los. Das ist eine Schande!
Ragtimer 01.04.2011
5. Und Sie ?
Zitat von dresden71an die Grünen: Kann man eigentlich ruhig schlagen wenn man seinen Vorteil/Wahlsieg aus dem Leid dieses Menschen schlägt? Mehr was es ja am letzten Wochenende nicht....
Können Sie, dresden 71, ruhig schlafen, dass Sie das Leid dieser Menschen dazu verwenden, so einen Schwachsinn wie Ihren offenbar frustrierten Beitrag zu veröffentlichen?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.