Vernachlässigte Kinder "Nur Brot und Margarine im Kühlschrank"

Vernachlässigt, unterernährt, misshandelt - immer wieder bringen extreme Kinderschicksale Jugendämtern den Vorwurf ein, schlampig zu arbeiten. Aber wie erkennt man, wann ein Kind in Obhut genommen werden muss? SPIEGEL-TV-Reporterin Sanja Hardinghaus hat Jugendamtsmitarbeiter begleitet.

SPIEGEL TV

Hamburg - Lea-Sophie aus Schwerin verhungerte, Chantal aus Hamburg starb an einer Methadon-Vergiftung, Kevin aus Bremen wurde von seinem Stiefvater getötet, die Leiche in Stücke gehackt. Immer wieder sorgen entsetzliche Fälle von Kindstötung oder -vernachlässigung in Deutschland für Schlagzeilen.

Die Namen der Toten und derer, die knapp überlebt haben, sind für viele Ausdruck der zunehmenden Verrohung und Verelendung in der Gesellschaft. Stets in der Kritik sind die Jugendämter, die sich vorwerfen lassen müssen, nicht adäquat oder zu spät gehandelt zu haben.

Im vergangenen Jahr haben Jugendämter bundesweit 107.000 Fälle möglicher Kindeswohlgefährdung überprüft. 17.000-mal schritten sie wegen akuter Gefahr ein, in 21.000 Fällen stellten sie eine latente Bedrohung der Kinder fest. In der öffentlichen Wahrnehmung scheinen immer mehr Eltern ihre Kinder zu vernachlässigen oder zu misshandeln. Und in der Praxis?

"Wir haben im vergangenen Jahr 360 Kinder in Obhut genommen, das ist eines pro Tag", sagt der Leiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes im Jugendamt Braunschweig, Martin Aldinus. Früher seien es weniger als hundert gewesen. "Die Überforderung der Eltern ist gestiegen, aber glücklicherweise auch die Aufmerksamkeit der Bevölkerung", so Aldinus. Laut Statistischem Bundesamt kommen in 14 Prozent der Fälle die Hinweise von Nachbarn oder Bekannten, in 13 Prozent aus Schulen oder Kindergärten.

Doch wann genau liegt eine akute Gefährdung vor? Wann ist der Moment gekommen einzugreifen, ein Kind möglichst schnell aus der Schusslinie zu nehmen?

SPIEGEL-TV-Reporterin Sanja Hardinghaus hat Jugendamtsmitarbeiter in Braunschweig bei ihrem schwierigen Job begleitet. Oft müssen sie Eltern wie Maik M. und Nicole B. an die elementarsten Pflichten bei der Kinderbetreuung erinnern: ausreichend und möglichst gesundes Essen zur Verfügung zu stellen, zum Beispiel.

"Manchmal hatten wir nur Brot und Margarine im Kühlschrank", sagt die Tochter, ein zartes brünettes Mädchen im roten T-Shirt. Die Wohnung ist kahl, es riecht streng, die Scheibe einer Tür ist zerbrochen. Die dreifache Mutter Nicole B. ist seit dem Besuch der Jugendamtsmitarbeiter verzweifelt: "Man kann mir alles nehmen, aber nicht meine Kinder", sagt sie und weint. "Ich habe total Angst, dass wieder einer kommt und uns in die Pfanne haut."

Deshalb haben sie und Maik M. jetzt die Wohnung aufgeräumt und Gemüse eingekauft. Sie geben sich Mühe. "Das Kindswohl ist hier noch nicht akut gefährdet", sagt Martina Liehr vom Jugendamt Braunschweig. "Für die Kinder ist es noch in Ordnung." Man werde weiter ein Auge auf die Familie haben.

Es gibt aber auch Fälle, in denen eine sogenannte Inobhutnahme unausweichlich wird. Wie bei der Mutter eines eineinhalbjährigen Jungen, die nachts mit Lärm und Gepolter bei den Nachbarn für Ärger sorgt. Die extrem gläubige Frau lebt allein mit ihrem Sohn, scheint überfordert, psychisch labil und leicht erregbar.

"Das Kind bekommt keine Aufmerksamkeit, weil die Mutter mit anderen Dingen beschäftigt ist", so formuliert es die Jugendamtsmitarbeiterin. Das bedeutet im Klartext: Sie ist nicht in der Lage zu erkennen, was das Kind braucht, was ihm gut tut und was ihm schadet, und ihm einen geregelten Tagesablauf zu bieten.

Als Liehr die Nigerianerin bittet, sie mit dem Sohn in eine Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtung zu begleiten, wird die Frau wütend, wehrt sich und versucht zu fliehen. Die Polizei muss eingreifen. "Das Kindeswohl ist in diesem Fall akut gefährdet", sagt Liehr. "Wir werden innerhalb von 48 Stunden einen Gerichtsbeschluss erwirken, damit das Kind untergebracht werden kann."

Jugendämter sprechen von Kindeswohlgefährdung, wenn das körperliche, geistige oder seelische Wohl des Kindes bereits geschädigt wurde - aber ebenso, wenn dies zu erwarten ist und die Sorgeberechtigten nichts dagegen unternehmen.

Tatsächlich gibt es Fälle, in denen die Erziehungsberechtigten selbst ihre Defizite erkennen und die Kinder auch gegen deren Willen der Obhut des Staates anvertrauen. Die 43-jährige Corinna W. - hellblondes Haar, pinkfarbene Strähne, grüne Brille - ist so ein Fall. Sie verzweifelt an den heftigen Auseinandersetzungen mit ihrem pubertierenden Sohn, seiner Renitenz und der Aggression, mit der beide ihre Kämpfe austragen. Sie zweifelt an ihrer eigenen Erziehungsfähigkeit. "Ich habe Probleme", sagt sie. Als das Jugendamt eine Inobhutnahme des Kindes empfiehlt, ist sie untröstlich, aber auch ein bisschen erleichtert: "Es ist traurig, aber es geht nicht anders."

Sendetermin : SPIEGEL TV Magazin, Sonntag, 4. August 2013, 21.50 - 22.35 Uhr, RTL

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insgesamt 50 Beiträge
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Siegmund Marx 04.08.2013
1. Respekt
ich habe die Reportage nicht gesehen, habe aber generell sehr viel Respekt vor den Mitarbeitern der Jugendämter. Viele von ihnen opfern sich auf unter schwierigen Bedingungen bei geringer Entlohnung und stehen doch ständig in der Kritik. Egal wie sie es machen: es scheint immer irgendwie falsch zu sein. Holt man ein Kind aus einer Familie ist es falsch, weil das Kind bei einer Pflegefamilie oder vor allem im Heim ja stark eingeschränkte Entwicklungschancen hat. Belässt man es dort und es passiert was, ist das Jugendamt mit der Frage konfrontiert, wie es so etwas zulassen konnte. Und die Arbeit der Jugendämter nimmt eine breite Öffentlichkeit eh nur dann wahr, wenn etwas schiefläuft und der Fall breit durch die Medien geht. Wenn was gut läuft kriegts leider kaum jemand mit. Das erachtet man als selbstverständlich. Ist es aber nicht, bei den Arbeitsbedingungen und dem Klientel.
JaguarCat 04.08.2013
2. Wie neutral sind die Entscheidungen?
Generell ist es gut, dass es die Jugendämter gibt, und dass diese bei Gefahr auch öfters einschreiten als früher. Andererseits stellt sich schon die Frage, wie neutral die Ämter sich ihr Urteil bilden. Ein alleinerziehender Papa hat nach meiner Erfahrung ein mindest doppelt so hohes Risiko, plötzlich ohne Kinder dazustehen, wie eine alleinerziehende Mama. Und je weniger deutsch die Eltern sprechen, desto schneller sind ebenfalls die Kinder weg. Ich hatte dann auch mal das Vergnügen, eine "Ersatzmutter" kennenzulernen, die mehrere der dauerhaft in "Obhut" genommenen Kinder aufgezogen hatte. Dass diese allesamt, sobald sie volljährig waren, schnellstmöglichst das Weite suchten und nichts mehr mit ihrer vom Jugendamt zugeordneten "Stiefmutter" zu tun haben wollten, sagt so einiges. Jag
nonymus2013 04.08.2013
3. Schönrednerei
Die Jugendämter reden ihre Arbeit medienwirksam schön. Da die Klientel völlig hilflos ist, gehen die meisten Fälle in der Grauzone unter. Die Problematik der Vernachlässigung ist noch nie beachtet worden und so wie es aussieht besteht auch keine Chance dafür. Es ist dafür sehr ärgerlich, wenn man solche bemühten Darstellungen liest, in denen windelweiche Formulierungen noch als Heldentaten verkauft werden.
kl1678 04.08.2013
4.
---Zitat von spon--- "Wir haben im vergangenen Jahr 360 Kinder in Obhut genommen, das ist eines pro Tag", sagt der Leiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes im Jugendamt Braunschweig, Martin Aldinus. Früher seien es weniger als hundert gewesen. "Die Überforderung der Eltern ist gestiegen,(...) ---Zitatende--- und wie kann man diesen Anstieg erklären? Einfach die Änderung subjektiver Kriterien der Ämter oder eine generelle Abnahme der mentalen Belastbarkeit junger Eltern in Braunschweig? Und wie könnte man letzteres erklären?
rabenkrähe 04.08.2013
5. jaja
Zitat von sysopSPIEGEL TVVernachlässigt, unterernährt, misshandelt - immer wieder bringen extreme Kinderschicksale Jugendämtern den Vorwurf ein, schlampig zu arbeiten. Aber wie erkennt man, wann ein Kind in Obhut genommen werden muss? SPIEGEL-TV-Reporterin Sanja Hardinghaus hat Jugendamtsmitarbeiter begleitet. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/sptv-magazin-vernachlaessigte-kinder-jugendamt-braunschweig-a-914331.html
...... Dabei sind gar nicht die (relativ) wenigen Extremfälle das Schlimme, es ist die dahinterkommende Masse an emotionalen Vernachlässigungen und Schädigungen, die nicht ernst genug genommen werden, weil ja keine unmittelbare Lebensgefahr gesehen wird. Es ist verfehlt, stets nach den Ämtern zu rufen, es ist die Aufmerksamkeit der Umgebung, die fehlt. Verwandte, Freunde, Lehrer, Nachbarn, die ruhig und bedacht mal nachfragen könnten, wenn ihnen was auffällt. Sicher setzt dadurch nicht der kongeniale Wandel ein, aber die Vernachlässigenden merken sich, daß sie wahrgenommen werden und wenn bei sich wiederholenden Wahrnahmen und der Aufmerksamkeit mehrer Personen der Druck erhöht wird, könnte die Bereitschaft, nach Hilfe zu suchen, steigen. Wichtiger nämlich als die Keule der Ämter ist die Einsicht der Betroffenen und ihre Bereitschaft, nach Hilfe zu suchen! rabenkrähe
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