Sri Lanka nach dem Bürgerkrieg: Glücksmomente im Grauen

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Wenn Krieg herrscht, klicken die Kameras, und die Welt schaut hin. Doch wie leben und fühlen die Menschen danach? Drei Jahre nach dem Ende des 26-jährigen Bürgerkriegs hat der preisgekrönte Fotograf James Morgan Sri Lanka besucht - ein Land, zerrissen zwischen Leid und Aufbruch.

Fotograf James Morgan: Sri Lanka nach dem Bürgerkrieg Fotos
James Morgan

Ein junger Mann liegt in seinem Blut am Boden, notdürftig zugedeckt. Um ihn herum Männer und Frauen, die mit schmerzverzerrten Gesichtern den Himmel anschreien. Kinder spielen in zerrissenen Kleidern und mit leerem Blick in ausgebombten Ruinen. Syrien, Irak, Sudan? So unterschiedlich die Konflikte, so ähnlich sind die Bilder des Krieges.

"Westliche Mainstream-Medien haben unser Bild von Krieg geprägt. Das ist häufig stereotyp", sagt der britische Fotograf James Morgan. Und Kriegsfotografen bedienen diese Erwartungen immer wieder aufs Neue: Schnell dorthin, wo es am heftigsten ist, draufhalten, Blut, klick, Tod, klick, Verzweiflung, klick, Zerstörung, klick - ein Gefühl flüchtigen Glücks über das eigene Überleben. Das war's. Bis zum nächsten Mal.

Der aufklärerische Wert dieser Fotos ist für Morgan die gute Seite der Berichterstattung. Andererseits erzeugt sie eine Vorstellung von Menschen im Krieg, die ungeachtet der unvorstellbaren Erfahrungen häufig einseitig ist. "Die Persönlichkeiten von Kriegsopfern sind genauso komplex wie wir alle. Die Menschen sind nicht 24 Stunden am Tag deprimiert, sie lachen auch, empfinden Lebensfreude, Optimismus, tun banale Dinge und haben alberne Momente", sagt Morgan.

250.000 wurden aus ihren Häusern vertrieben

Möglichst viele dieser Facetten will Morgan in seinen Fotos einfangen. "Slow-Photography" nennt er das. Eigentlich interessiert sich der 25-jährige, preisgekrönte Fotograf für indigene Gruppen in ihrem natürlichen Lebensraum und für Umweltschutz. Dafür reist Morgan seit vier Jahren um die Welt, nach Afrika, Asien, Südamerika, Sibirien. Vor Ort taucht er mit Haien, isst bei minus 47 Grad Wodka-Eis und wandert nachts zu religiösen Prozessionen in verlassene Bergdörfer. Auch in Sri Lanka war Morgan auf der Suche nach Ureinwohnern. Unterdrückung, Marginalisierung, Armut - deren Merkmale erkennt der Fotograf. Doch auf der Insel im Südosten Indiens lag noch etwas anderes in der Luft.

Es ist der seit 2009 beendete 26-jährige, brutale Bürgerkrieg, der in den Fasern Sri Lankas nachwirkt. Bis Präsident Mahinda Rajapaksa im Mai 2009 die tamilische Rebellenbewegung LTTE, die Befreiungstiger, endgültig niederschlagen ließ, starben bis zu hunderttausend Menschen, 250.000 wurden aus ihren Häusern vertrieben, die Uno sprach von Kriegsverbrechen. Heute herrscht offiziell Frieden, die Börse in der Hauptstadt Colombo wuchs 2010 schneller als jeder andere Handelsplatz in der Welt, und Touristen kommen, um in Sri Lanka die Seele baumeln zu lassen.

Nah, und doch distanziert genug

Doch der innere Krieg hat die Gesellschaft gespalten und manchmal sogar das Vertrauen der Menschen in den Nachbarn zerstört. So lassen Vater und Mutter Navaratnam ihre beiden jugendlichen Töchter aus Angst vor Übergriffen nie allein zu Hause. Die Familie wurde auf der Flucht getrennt, die heute 16-jährige Manchula lebte drei Jahre lang in einem Camp für Binnenvertriebene, ohne Kontakt zu ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester. Was ihr dort widerfahren ist, lässt sich nur erahnen.

Im Februar 2012 wurde die Familie mit Hilfe von Unicef wieder zusammengeführt, ein nicht selbstverständlicher Segen: Noch immer werden über 740 Kinder vermisst. Knapp zwei Wochen nach dem Wiedertreffen besuchte Morgan die Navaratnams in ihrem Haus im Norden Sri Lankas. Die Region ist nach wie vor stark militarisiert und weit entfernt vom Fortschritt der Hauptstadt - eine Gefahr für den jungen Frieden, sagt Morgan.

Wie lebt eine Familie nach so viel Grauen und dem großen Glück der Wiedervereinigung? Morgan will mit seinen Bildern die Geschichte zeigen, die sein Gegenüber bereit ist, zu erzählen. Nah, und doch distanziert genug, um den Menschen ihren eigenen Raum zu lassen.

Die Fotos zeigen Manchula, wie sie weint und lacht, redet und schweigt - lebendig.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Sri Lanka
willi2007 13.06.2012
oder Ceylon, wie es früher hieß, die Perle im indischen Ozean. Ein von einem langen Krieg und dem Tsunami im Dezember 2004 gebeuteltes Land. Möge der Krieg und der Hass zwischen Singalesen und Tamilen für immer begraben sein. Es wäre ein Segen für diese wunderschöne Perle.
2. Perle
lalito 13.06.2012
Habe viele Monate meines Lebens dort verbringen dürfen. Vor rund einem viertel Jahrhundert, als man Sandsäcke zum Schutz der mit Vorderladern Bewaffneten aufschichtete, wie auch in den letzten Jahren des Krieges, als die MIGs sporadisch ihre einsamen Runden am Firmament drehten. Eine eigene ruhige Mentalität, inselbedingt, fantastisches Essen und noch ein Viertel recht unberührter Natur - bleibt zu hoffen, dass die Shingalesen nun die kommende Ernte sinnvoll und weiterhin mit diesem besonderen kolonial/postkolonialen Stil mit Charme anlegen. Und ja, es gibt Verlierer auf dieser Insel - immerhin bleibt es tatsächlich ruhig, bisher nichts anderes von dort gehört. Dieses eine zeitlang Paradies genannte Land im indischen Ozean hat mein Leben immer wieder absolut positiv beeinflusst - wer erhebliche körperliche wie auch seelische Traumata heilen oder lindern möchte ist dort allerbestens aufgehoben.
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Fläche: 66.000 km²

Bevölkerung: 20,41 Mio.

Hauptstadt: Colombo

Staatsoberhaupt: Mahinda Rajapakse

Regierungschef: D.M. Jayaratne

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