Von Hendrik Maaßen
Zunächst scheint sich sein Leben zu stabilisieren: Er findet in Riga - auch ohne Lettischkenntnisse - Arbeit in einer Lackiererei, die Maschinen aus Deutschland gekauft hat. Die technischen Anleitungen sind auf Deutsch verfasst. Wenn es Probleme gibt, rufen die Kollegen "den Deutschen". "Wadim tat es gut, wieder gebraucht zu werden", sagt seine Mutter Julia.
Es gab also endlich gute Tage. An schlechten Tagen rief Wadim weinend in Hamburg an: "Mama, ich brauche Geld", sagte er dann, oder er schrie in den Hörer "Warum kümmert ihr euch nicht um mich?"
"Er wollte nur wieder mit uns zusammenleben dürfen, hier in Hamburg", sagt Julia S. "Nichts weiter."
Wadims Arbeitgeber geht schließlich pleite. Der mittlerweile 21-Jährige versucht per Reisebus über Polen nach Deutschland einzureisen - eine Straftat, weil mit der Abschiebung ein Einreiseverbot ausgesprochen wurde. Grenzbeamte erwischen ihn, er wird zu einer Geldstrafe verurteilt, die er nicht zahlen kann oder will.
Ein Jahr später wird Wadim ersatzweise zum Haftantritt nach Brandenburg geladen. Rechtsanwalt Markus Prottung verliert den Glauben an das Rechtssystem: "Fordern Sie meinen Mandanten wirklich auf, eine weiter Straftat zu begehen, um eine andere zu sühnen?", schreibt er an die Behörde.
4300 Euro für eine neues Leben
Wadim verliebt sich in eine Lettin. Von Anwalt Prottung erfährt er in einer E-Mail, dass er wieder nach Hamburg dürfte, wenn er eine EU-Bürgerin heiratete. Doch das neue Leben hat einen Preis: Die deutschen Behörden verlangen zuerst die Abschiebekosten zurück. 4300 Euro müsste Wadim für seine Rückkehr bezahlen. Das Geld haben weder er noch seine Eltern.
Einen Sommer lang hält Wadims neue Liebe, dann trennt sich das Paar.
Wadim S. kündigt sein Zimmer in Riga. "Er war am Ende", sagt seine Mutter Julia. Mit einer Frachtfähre schmuggelt er sich wie fast jedes Jahr über Dänemark nach Hamburg.
Heiligabend 2009 besucht Wadim die Weihnachtsmesse seiner ehemaligen Gemeinde in Harburg. Er bleibt ein paar Wochen in der Stadt, trifft alte Freunde aus seiner Zeit als Messdiener wieder. Gemeinsam plant man eine Reise nach Frankreich. Wadim erzählt den Freunden von seinen Plänen: Als nächstes will er in Dänemark Arbeit suchen.
Doch dazu kommt es nicht.
Die Situation im Elternhaus ist angespannt. Julia und Stephan S. haben Angst vor jedem Polizeibeamten auf der Straße, sie drängen den Sohn, Hamburg zu verlassen. "Ich musste ihm doch sagen, dass er nicht bleiben kann", sagt Julia S. "Ich hätte es nicht ertragen, wenn er noch einmal abgeschoben worden wäre."
In einem der letzten Gespräche mit der Mutter sagt Wadim: "Ich will einfach hier in Hamburg sein, bei euch, so wie früher." Wie er sich das vorstelle, fragt sie. "Du wirst schon sehen, wie das geht", antwortet er.
Auf seiner Facebook-Seite postet Wadim im Januar einen Eintrag: "If some people live in the past, let them live in the past :-) !!!".
Wenige Stunden später legt er sich vor einen Zug.
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