Stalking "Ich wollte sie nur für mich haben"

Seine Freundin verließ ihn, sein Leben geriet aus den Fugen. Frank B. weinte, bettelte um eine zweite Chance - dann stellte er ihr nach, belästigte sie. Der 43-Jährige wurde zum Stalker. Ein bundesweit einzigartiges Projekt bietet Tätern wie ihm Hilfe an.

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Hamburg - Frank B.* war schon immer auf Ordnung bedacht. Das hat ihm - und seiner Ex-Freundin - womöglich das Leben gerettet. Der Diplom-Kaufmann bezeichnet sich selbst als Stalker, einer, der einen anderen Menschen "wider dessen Willen verfolgt oder belästigt", wie es im Text des Anti-Stalking-Gesetzes heißt.

Ein knappes Jahr lang drangsalierte Frank B. die Frau, die sich nach vier Jahren Beziehung von ihm getrennt hatte - obwohl er doch überzeugt war, mit ihr die Richtige gefunden zu haben. "Wir sind auf einen Abgrund zugesteuert - und ich habe gelenkt", sagt der 43-Jährige.

Stalking: "Ich hab' mich dann selbst vergessen"
DDP

Stalking: "Ich hab' mich dann selbst vergessen"

Frank B., Vater einer Tochter, ist ein groß gewachsener Mann mit dichten, dunkelbraunen Haaren und blauen Augen in einem jugendlichen, sympathischen Gesicht. Es ist schwer vorstellbar, dass er einem anderen Menschen das Leben zur Hölle gemacht haben soll.

Die Beweise stecken in zwei dicken Aktenordnern - akkurat abgeheftet vom einstigen Stalker höchstpersönlich, verstaut in einem alten Büroschrank im Hobbykeller eines gediegenen Reihenhauses. Sie sind gefüllt mit penibel geführten Listen über Anrufe, Kurzmitteilungen, Briefe und E-Mails; die Inhalte stichwortartig aufgeführt. Sie belegen, dass Frank B. sein Opfer teilweise bis zu 50 Mal an einem Tag anrief; der Frau auf virtuellem Wege an einem Wochenende mehr als 80 Liebesschwüre schickte.

"Diese Zettelwirtschaft ist meine Waffe gegen die Rückfallgefahr", sagt Frank B. und verzieht das Gesicht. Er schämt sich für diese Vergangenheit, keine acht Jahre sind seither vorbei.

Als ihn seine damalige Freundin verlässt, von einem Tag auf den anderen, wie er sagt, hat er plötzlich keinen Lebensinhalt mehr. "Ich hatte nicht damit gerechnet." Anzeichen will B. keine bemerkt haben. "Ich fühlte mich so wohl mit ihr, hielt uns für das perfekte Paar, wollte endlich eine Familie gründen - und dann geht sie weg. Zack. Als hätte es mich nie gegeben."

"War ich ihr nicht mal mehr einen Anruf wert?"

Frank B. igelt sich ein, verlässt das Haus nur noch, um zur Arbeit zu gehen. Seine Apathie endet am 21. Juni 2001, als seine Ex-Freundin einen Teil der Möbel aus der gemeinsamen Wohnung holt, heimlich, als er im Büro ist.

Der damals 36-Jährige fühlt sich brutal vor den Kopf gestoßen. "Ich dachte: War ich ihr nicht mal mehr einen Anruf wert?" Wut und Enttäuschung kulminieren. Frank B. versinkt im Selbstmitleid. Er trauert, ist depressiv, demütigt sich und fleht seine ehemalige Freundin an, zu ihm zurückzukommen.

"Ich hab' mich dann selbst vergessen", sagt Frank B. rückblickend. "Es war wie eine Sucht. Ich wollte sie nicht ängstigen, ich wollte sie nur wieder für mich haben." Er legt ihr Blumen vor die Tür, schickt ihr Theaterkarten und Liebesbriefe. Sie reagiert gar nicht oder genervt, vermeidet die direkte Konfrontation, belügt ihn, um ihn abzuschütteln.

Frank B. verfolgt sie, sitzt nachts im Auto vor ihrer Haustür, hört die Musik, die sie einst gemeinsam hörten - und wartet auf ein Zeichen von ihr.

Menschen, die dem Kontrollwahn eines Stalkers unterliegen, leiden - aber der Stalker selbst auch. Seine Gedanken kreisen nur noch um die Person ihrer Begierde, sie gehen regelrecht fremdgesteuert durchs Leben.

"Stalker haben den inneren Druck, die angebetete Person immer weiter zu bedrängen. Sie wollen das oft gar nicht, können aber nicht anders", sagt Wolf Ortiz-Müller. Der Psychologe ist der Leiter der bundesweit ersten Beratungsstelle "Stop Stalking" in Berlin. Das Projekt versucht, den Tätern zu helfen - und damit auch den Opfern. "Alleinige Strafverfolgung reicht nicht aus. Nur wenn die Täter aufhören, sind die Opfer nachhaltig geschützt." Beratung für Stalker gibt es sonst nirgends in Deutschland. Das Team leistet Pionierarbeit; sogar aus den USA, Neuseeland und Finnland gab es bereits Anfragen für Interviews.

Stalker müssen begreifen, dass sie einer Sucht verfallen sind

Durch das Inkrafttreten des Paragrafen 238, dem "Gesetz zur Strafbarkeit beharrlicher Nachstellungen", dem sogenannten Anti-Stalking-Gesetz, wurde Stalking ab 31. März 2007 erstmals als Straftat gesetzlich definiert.

Laut polizeilicher Kriminalstatistik gab es im Jahr 2007 insgesamt 179.449 Fälle, die unter Nachstellung (Stalking), Freiheitsberaubung und Nötigung fallen. Allein die Berliner Justizverwaltung verzeichnete im selben Jahr 1048 Ermittlungsverfahren gegen Stalker, in nur etwa zehn Prozent der Fälle kam es jedoch zur Anklage.

In der Beratungsstelle "Stop Stalking" in einem Altbau in Berlin-Steglitz arbeiten seit einem Jahr bis zu fünf Psychologen und Sozialarbeiter. Mehr als 340 Kontakte konnte das Team bisher verzeichnen, in 60 Fällen entwickelten sich mehrmalige Gespräche. Die Beratung ist kostenlos, sie wird unter anderem durch Bußgelder von Stalkern und Spenden finanziert.

Die Beratungsstelle kooperiert mit Rechtsanwälten, Opferberatungsstellen und vor allem mit der Polizei. "Die meisten Betroffenen kommen noch vor einer möglichen Verurteilung zu uns", sagt Psychologe Ortiz-Müller. Geholfen werden könne den Stalkern jedoch nur, wenn sie sich ihrer Sucht bewusst seien. Oft seien sie erschrocken, wenn man ihnen ihr Handeln vor Augen halte.

Frank B. wird diesen Moment der Erkenntnis nicht vergessen. Er verlor seinen Job, weil er nachts zu oft auf der Pirsch war, detailliert Buch über seinen krankhaften Terror führte und seine beruflichen Projekte dadurch stark vernachlässigte.



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Seite 1
MonaM 19.02.2009
1. Sich wehren, mit allen gebotenen Mitteln!
Zitat von sysopAls seine Freundin sich von ihm trennte, geriet das Leben von Frank B. aus den Fugen. Dann begann er, ihr nachzustellen. Der 43-Jährige wurde zum Stalker. Jetzt gibt es ein Projekt, das Tätern Hilfe anbietet. Wie soll man mit Stalking umgehen?
Stalking ist alles andere als ein Kavaliersdelikt. Die/der Angegriffene sollte unbedingt die rechtlichen Möglichkeiten nutzen, die das Strafrecht (§ 238 StGB: Nachstellung) seit zwei Jahren bietet. Danach wird der erfüllte Straftatbestand Nachstellung "mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft". Außerdem sind Maßnahmen nach dem Gewaltschutzgesetz (z.B. Platzverweise, Kontaktverbote, Wohnungszuweisungen usw.) und auch allgemein zivilrechtliche Unterlassungsansprüche gegen Stalker möglich. Das Opfer darf sich bloß nicht einschüchtern oder entmutigen lassen. "Verschmähte Liebe" ist keine Rechtfertigung für Psychoterror.
Gertrud Stamm-Holz 19.02.2009
2.
Zitat von MonaMStalking ist alles andere als ein Kavaliersdelikt. Die/der Angegriffene sollte unbedingt die rechtlichen Möglichkeiten nutzen, die das Strafrecht (§ 238 StGB: Nachstellung) seit zwei Jahren bietet. Danach wird der erfüllte Straftatbestand Nachstellung "mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft". Außerdem sind Maßnahmen nach dem Gewaltschutzgesetz (z.B. Platzverweise, Kontaktverbote, Wohnungszuweisungen usw.) und auch allgemein zivilrechtliche Unterlassungsansprüche gegen Stalker möglich. Das Opfer darf sich bloß nicht einschüchtern oder entmutigen lassen. "Verschmähte Liebe" ist keine Rechtfertigung für Psychoterror.
Das sagt sich so leicht. Wer mehrmals umgezogen ist und trotzdem sein Anhängsel nicht los wird, der ist sehrwohl eingeschüchtert. Bei all dem kommt noch die Komponente der Glaubwürdigkeit dazu. Sind die Behörden wirklich so leicht zu überzeugen? Steckt nicht doch einfach nur Geltungsdrang dahinter? Oder die pure Einbildung? Jeder Stalker gehört dringend auf die Couch. Die Fehlzündungen im Hirn lassen sich nicht einfach durch wegsperren bekämpfen. Sind die Leute wieder frei, der Tanz geht vermutlich von vorne los.
MegairadieFurie, 19.02.2009
3.
Zitat von sysopAls seine Freundin sich von ihm trennte, geriet das Leben von Frank B. aus den Fugen. Dann begann er, ihr nachzustellen. Der 43-Jährige wurde zum Stalker. Jetzt gibt es ein Projekt, das Tätern Hilfe anbietet. Wie soll man mit Stalking umgehen?
und wie immer...es wsird wem geholfen? Den TÄTERN ich frage mich immer, wann man mal den OPFERN helfen will, die werden nämlich in unserem Justizsystem allein gelassen, und das nicht nur bei Stalking, sondern generell.. Man schiebt lieber den Tätern das Geld in den Hintern. NEIN...STRAFE für den Täter, HILFE für die Opfer. Es gibt für mich keine ENtschuldigung für derartige Taten, aber bei uns genügt schon die "schlimme KIndheit". DAS muss aufhören.
MonaM 19.02.2009
4. Selbstverantwortung?
Zitat von Gertrud Stamm-HolzDas sagt sich so leicht. Wer mehrmals umgezogen ist und trotzdem sein Anhängsel nicht los wird, der ist sehrwohl eingeschüchtert. Bei all dem kommt noch die Komponente der Glaubwürdigkeit dazu. Sind die Behörden wirklich so leicht zu überzeugen? Steckt nicht doch einfach nur Geltungsdrang dahinter? Oder die pure Einbildung? Jeder Stalker gehört dringend auf die Couch. Die Fehlzündungen im Hirn lassen sich nicht einfach durch wegsperren bekämpfen. Sind die Leute wieder frei, der Tanz geht vermutlich von vorne los.
Ich würde es lieber so formulieren: Jedes Stalking-Opfer hat einen Anspruch an den Staat, ihm den Peiniger vom Leib zu halten, wenn nötig, indem man diesen "wegsperrt". Der Schutz und die Gewährleistung eines normalen Lebens der/des Angegriffenen muss Vorrang haben. Anschließend kann man (die zuständigen staatlichen Organe) sich darüber Gedanken machen, wie man den Täter zur Raison bringt. Wie beim Parallel-Thread "Keine Verjährung für Sexualdelikte?" stellt sich die Frage, ob der Täter automatisch als Marionette seiner Triebe und Begierden angesehen werden muss. Wo bleibt die Selbstverantwortung des Menschen?
sinta, 19.02.2009
5.
Zitat von MonaMIch würde es lieber so formulieren: Jedes Stalking-Opfer hat einen Anspruch an den Staat, ihm den Peiniger vom Leib zu halten, wenn nötig, indem man diesen "wegsperrt". Der Schutz und die Gewährleistung eines normalen Lebens der/des Angegriffenen muss Vorrang haben. Anschließend kann man (die zuständigen staatlichen Organe) sich darüber Gedanken machen, wie man den Täter zur Raison bringt. Wie beim Parallel-Thread "Keine Verjährung für Sexualdelikte?" stellt sich die Frage, ob der Täter automatisch als Marionette seiner Triebe und Begierden angesehen werden muss. Wo bleibt die Selbstverantwortung des Menschen?
Braucht ein Stalker nicht. Die handeln nämlich in der irrigen Annahme, dass sie recht haben. Und wenn ihnen kein direktes Kommunikatiosnmittel mehr zur Verfügung steht, handeln sie halt über dritte. Was soll *das* denn für ein Projekt sein? Würde mich ja echt mal interesssieren ...
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