Star-Biograf Andrew Morton "Cruise will die Bastion Deutschland nehmen"

Skandale sind seine Spezialität. Andrew Morton, Autor einer neuen umstrittenen Biografie des Scientologen und Schauspielers Tom Cruise, spricht im Interview mit SPIEGEL ONLINE über Gerüchte-Journalismus, Sekten-Hysterie und die kühnen Ambitionen des wohl berühmtesten Filmstars der Welt.


SPIEGEL ONLINE: Mr. Morton, Ihr Buch hat in Deutschland die Diskussion um Tom Cruise, seinen Film "Valkyrie" und seine Mitgliedschaft in der Scientology-Sekte neu beflügelt, stellt Cruise jedoch eigentlich als - gelinde gesagt - Spinner bloß. Nehmen Sie Scientology nicht ernster, als es der Sekte gebührt?

Morton: Nein. Erstens ist das ein Buch über Tom Cruise und nicht über Scientology. Und zweitens gehen durch die Diskussion um Scientology mehr und mehr ehemalige Mitglieder an die Öffentlichkeit. Wenn Sie mich allerdings fragen, ob Scientology für die Welt so gefährlich werden kann wie Iran, antworte ich: natürlich nicht. Aber sobald es einen persönlich betrifft, ist es sehr wohl eine Bedrohung. Scientology zerstört Familien.

SPIEGEL ONLINE: Viele Leute sagen, Scientology sei keine Kirche, sondern eine Firma.

Morton: Ja, Scientology organisiert das Leben seiner Anhänger. So betrachtet gibt es gar keinen Unterschied zu vielen anderen Selbsthilfe-Gurus. Dianetik ist nur eine Frühform davon. Scientology startete 1951, nach dem Zweiten Weltkrieg, während des Korea-Krieges, im Kalten Krieg. Und da verspricht L. Ron Hubbard plötzlich, er wisse, wie die Menschen die Zukunft meistern können. Und das mit all seinen Vorurteilen gegen Alkohol, Atheismus und Homosexualität. Diese Vorurteile haben sich erst später in ein religiöses Gedankengebäude und so zur Basis einer ganzen Organisation entwickelt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Brite - im Vereinten Königreich kümmert die Sekte doch niemanden. Was soll denn die Gefahr in diesen wirren Ideen von ein paar wenigen Menschen sein?

Morton: Sie haben Recht, es sind ja tatsächlich sehr wenige Menschen. Aber ihr Einfluss wächst. Vor 20 Jahren war die Organisation am Ende, es gab interne Schismen. Heute ist das anders, zumindest in den USA - in Arizona etwa, in Florida und vor allem in Hollywood. Diese Leute sind unerbittlich und sehr zielgerichtet.

SPIEGEL ONLINE: Und Control-Freaks wie Cruise.

Morton: Oh ja, er ist ein sehr konzentrierter Performer.

SPIEGEL ONLINE: Als zum Zeitpunkt Ihrer Buchveröffentlichung ein Video im Internet kursierte, das Cruise bei einer Rede vor Scientologen zeigt, verglich ihn der deutsche TV-Historiker Guido Knopp mit Goebbels. Was halten Sie davon?

Morton: Das ist Quatsch. Goebbels war Repräsentant eines Staates, dem eine riesige Propaganda-Maschine zur Verfügung stand. Cruise vertritt dagegen eine religiöse Gruppe und verfügt sicher nicht über die rhetorischen Mittel wie Goebbels. Und was das Video angeht: Der Satz "Should we clean this place up?" ist doch nur der feurige Abschluss einer Versammlung - eine Aufforderung, die Welt zu verbessern. Jede andere Interpretation ginge sicher zu weit - und täte den Scientologen zu viel Ehre an, weil sie sich nach so einem Nazi-Vergleich in eine Pose der moralischen Überlegenheit werfen können.

SPIEGEL ONLINE: Sie nennen in Ihrem Buch kaum Quellen. Mit wie vielen Scientology-Mitgliedern haben Sie eigentlich gesprochen?

Morton: Mit einer Menge.

SPIEGEL ONLINE: Und wie groß war die Menge?

Morton: Oh, das waren bestimmt 50 oder 60, aber natürlich mit dem Fokus auf das Umfeld von Cruise und den inneren Zirkel. Ich sprach mit Leuten, die dicht dran waren, als Cruise zur Sekte stieß oder als er Nicole Kidman einführte. Ich habe nicht mit Scientology-Mitgliedern an der Basis gesprochen - ich würde ja auch keine Biografie über Angela Merkel schreiben und den gemeinen Wähler befragen.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch suggerieren Sie eine Nähe zu den handelnden Personen, die Sie gar nicht hatten. Ständig heißt es "Nicole dachte dies, Nicole fühlte jenes" - aber Sie haben nie mit Nicole Kidman persönlich gesprochen. Warum machen Sie den Lesern etwas vor?

Morton: Sie können gerne meine Schreibtechnik kritisieren. Aber so habe ich auch schon meine anderen Biografien geschrieben, über Prinzessin Diana, Monica Lewinsky oder Madonna.

SPIEGEL ONLINE: Diana haben Sie auch nie getroffen.

Morton: Doch, bei gesellschaftlichen Anlässen.

SPIEGEL ONLINE: Aber nicht für Ihr Buch.

Morton: Das war ja eine einzigartige Situation, die Diana-Biografie war auf ihre Initiative hin entstanden, nur durfte das zunächst niemand wissen. Cruise hingegen hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, um zu verhindern, dass ich über ihn schreibe. Es wäre einfach nicht glaubwürdig, wenn diese Biografie autorisiert wäre. Im Übrigen behielt ich bei dem Diana-Buch, dessen Quellen angezweifelt wurden, Recht. Das wird sich auch bei der Cruise-Biografie herausstellen. Und außerdem habe ich gar nicht alles aufgeschrieben, was mir zugetragen wurde.

SPIEGEL ONLINE: Stattdessen kolportieren Sie immer wieder Gerüchte - etwa, dass Cruises Frau Katie Holmes mit dem Sperma des Scientology-Gründers Hubbard befruchtet wurde. Schaden Sie damit nicht Ihrer Glaubwürdigkeit?

Morton: Ich behaupte gar nicht, dass diese Gerüchte stimmen, sondern gebe nur wieder, was für ein Riesenzirkus um Cruise gemacht wird. Mich wundert, dass diese Sache mit der Insemination in Deutschland überhaupt aufgegriffen wurde. Hätte ich die Episode um Holmes rausgelassen, würden Sie mich jetzt übrigens fragen: "Sind Sie wirklich sicher, dass das nur ein Gerücht ist? Warum haben Sie das nicht recherchiert?"

SPIEGEL ONLINE: Sie sind in einer vertrackten Lage: Ihr Ruf als Enthüller führt dazu, dass Prominente Sie meiden. Ist es für einen Journalisten wie Sie nicht zum Verzweifeln, dass Sie nie ganz nah ran kommen?

Morton: Die Frage ist, wie nah man an Tom Cruise überhaupt heranzukommen vermag. Schauen Sie mal ins Archiv und lesen Sie, wie andere Journalisten ihn wahrgenommen haben. Immer stand da ein Schlusssatz wie "er verschwand hinter dem Vorhang" oder "er verließ die Bühne". Er ist ein Mensch, der durch seine Selbstkontrolle entgleitet.

SPIEGEL ONLINE: Und kommt dennoch als Freak rüber - auch in Ihrem Buch.

Morton: Finden Sie? Cruise erscheint in meinem Buch auch als talentierter Schauspieler, als hingebungsvoller Vater, als Romantiker, als jemand, der keine Drogen- oder Alkoholeskapaden hat.

SPIEGEL ONLINE: Und als ein Mann, der bei Oprah Winfrey auf dem Sofa herumhampelt. Kann man so jemanden tatsächlich als Bedrohung empfinden?

Morton: Nun, er ist mit Sicherheit einer der einflussreichsten Prominenten der Welt.

SPIEGEL ONLINE: Und jetzt soll der Sofa-Hampler die biederen deutschen Konservativen mit seiner Rolle als Stauffenberg für sich - und vor allem für Scientology - einnehmen?

Morton: Das denke ich, ja. Mit allem Respekt vor der Figur Stauffenberg: "Valkyrie" ist eher ein Arthouse-Projekt für einen Nischenmarkt. Bisher hat Cruise sich voll auf seine Hauptmärkte konzentriert, also die USA und auch Japan. Um Deutschland hat er sich nie richtig gekümmert - das tut er erst jetzt mit diesem Projekt.

SPIEGEL ONLINE: In Großbritannien erscheint Ihr Buch nicht einmal. Sind sie nicht in derselben Position wie Cruise und schielen auf Deutschland als Absatzmarkt?

Morton: Nein. Ich habe bereits 2005 mit der Recherche zu dem Buch begonnen, also noch bevor "Valkyrie" so heftig diskutiert wurde. Und mein Markt waren immer die USA, weil Cruise ein All-American-Hero ist. Deutschland hat mich erst zu interessieren begonnen, als der Plan mit dem Stauffenberg-Film kam.

SPIEGEL ONLINE: Wann treffen die ersten Klagen der Scientology-Anwälte bei Ihnen ein?

Morton: Ich denke, das ist ein historischer Moment für Scientology. Die normale Reaktion wäre, zu klagen, einzuschüchtern, mir nachzustellen - wie Ron L. Hubbard das Vorgehen gegen unliebsame Personen skizziert hat. Sollte Scientology dieses Mal still halten, würde man sich als eine erstaunlich erwachsene Organisation erweisen. Das wäre clevere PR.

SPIEGEL ONLINE: Also kann die Sekte machen, was sie will. Wenn sie klagt, beweist das, wie kontrollsüchtig sie ist - und wenn nicht, wirkt sie noch mächtiger, weil reifer und erwachsener.

Morton: Das haben Sie nicht ganz Unrecht. Gut möglich ist aber auch, dass sie einfach in zwei Jahren klagen, wenn sich der Rummel gelegt hat.

SPIEGEL ONLINE: Und was plant Cruise in Deutschland?

Morton: Er wird vermutlich sehr viel Zeit hier verbringen, um seinen Film zu promoten. Das ist sein Job. Deutschland ist ja eine der letzten Bastionen gegen seinen Glauben - und Cruise will die Bastion Deutschland nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn er hier seinen Job erledigt hat - wo könnte ihn sein Weg noch hinführen?

Morton: Denken Sie an Figuren wie Bono, Bob Geldof oder Arnold Schwarzenegger. Sie alle sind auf die eine oder andere Art und Weise in die Politik gegangen. Ich frage mich, ob Cruise nicht denselben Weg einschlagen wird.

Die Fragen stellten Thorsten Dörting und Patricia Dreyer



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