Statistisches Bundesamt Jugendämter nehmen 61.400 Minderjährige in Obhut

Überforderte Eltern, Schutz vor Misshandlung und unbegleitete Einreisen aus dem Ausland: 2017 haben Jugendämter 61.400 Minderjährige aus unterschiedlichen Gründen vorübergehend in Obhut genommen.

Kinder (Symbolbild)
imago/ Winfried Rothermel

Kinder (Symbolbild)


Deutsche Jugendämter haben im vergangenen Jahr rund 61.400 Kinder und Jugendliche vorübergehend in Obhut genommen. Das teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mit.

Ein Drittel der Betroffenen war bei den sogenannten Inobhutnahmen jünger als 14 Jahre. In jedem zweiten dieser Fälle war Überforderung der Eltern der Grund. Außerdem spielten der Schutz vor Vernachlässigung (21 Prozent) und vor Misshandlung (14 Prozent) eine wichtige Rolle.

Von den in Obhut genommen Jugendlichen ab 14 Jahren reisten 51 Prozent unbegleitet aus dem Ausland ein. Überforderung der Eltern war in 18 Prozent der Fälle der Grund, in acht Prozent waren es allgemeine Beziehungsprobleme. Rund jedes zehnte Kind und knapp jeder dritte Jugendliche war zuvor von zu Hause ausgerissen.

Inobhutnahmen sollen als vorläufige Schutzmaßnahme dienen, in jedem zweiten Fall war die Maßnahme den Angaben zufolge 2017 nach spätestens zwei Wochen beendet. 43 Prozent der Kinder kehrten zu ihren Eltern oder Sorgeberechtigten zurück, 32 Prozent kamen in ein Heim oder zu einer Pflegefamilie. Dagegen kehrte nur knapp jeder fünfte betroffene Jugendliche nach Hause zurück, rund jeder Vierte zog in ein Heim, eine Pflegefamilie oder eine betreute Wohnform. 20 Prozent mussten in andere Einrichtungen gebracht werden, etwa eine Jugendpsychiatrie.

Im Vergleich zum Vorjahr seien deutlich weniger minderjährige Flüchtlinge in Obhut genommen worden, nachdem sie ohne Begleitung eingereist waren, erklärte das Bundesamt. Genauere Vergleiche seien wegen einer Gesetzesänderung nicht möglich. Auch seien für die Jahre 2015 und 2016 wegen der hohen Arbeitsbelastung der Jugendämter Erfassungsfehler nicht auszuschließen.

Der Sozialverband AWO kritisierte, die Personallage in Jugendämtern lasse eine intensive Arbeit mit Familien nicht mehr zu. Dies führe dazu, dass sich Krisen zuspitzten und Inobhutnahmen notwendig würden. Auch Kitas und Einrichtungen für Familienbildung und Erziehungshilfen müssten besser gefördert werden.

Katja Mast, Vizechefin der SPD-Bundestagsfraktion, will "Familien weiter stärken und Kinder noch mehr vor Gefährdungen schützen". "Die enge Kooperation aller relevanten Akteure muss einen noch stärkeren Stellenwert einnehmen", sagte sie. Ein weiterer wichtiger Schritt werde sein, Kinderrechte im Grundgesetz zu verankern.

bbr/dpa/AFP



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