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Vincent Lambert: Ärzte dürfen Wachkomapatient weiter am Leben erhalten

Vincent Lambert: "Vegetative Reaktionen sind normal" Zur Großansicht
AFP

Vincent Lambert: "Vegetative Reaktionen sind normal"

Darf man den französischen Wachkomapatienten Vincent Lambert sterben lassen? Ja, entschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte. Ein anderes Gericht hat nun aber verfügt, dass der 39-Jährige weiter künstlich ernährt werden darf.

Sein Schicksal entfachte im Sommer eine internationale Debatte über Sterbehilfe: Vincent Lambert liegt seit einem Motorrad-Unfall im Jahr 2008 im Wachkoma. Die Angehörigen des 39-Jährigen streiten darüber, ob die künstliche Ernährung eingestellt werden soll - und man Lambert sterben lassen darf. Ein Familiendrama, das in einen Justizmarathon mündete, der bis heute anhält. Das jüngste Urteil in dem Fall: Die behandelnden Ärzte dürfen Lambert weiter am Leben erhalten.

Das Verwaltungsgericht der ostfranzösischen Stadt Châlons-en-Champagne lehnte es ab, die Ärzte der Uni-Klinik Reims zur Einstellung der künstlichen Ernährung des 39-Jährigen zu zwingen. Die Ärzte seien nicht an eine frühere Entscheidung von Medizinern gebunden, urteilten die Richter - auch wenn diese höchstrichterlich abgesegnet worden sei.

Bei dem Verkehrsunfall vor sieben Jahren wurde Lamberts Schädel schwer verletzt. Seitdem liegt der Mann im Wachkoma, ist querschnittsgelähmt und wird nur mit Ernährung durch eine Magensonde am Leben gehalten. Nach Ansicht seiner Ärzte besteht keine Aussicht auf Besserung. Während die Ehefrau und sechs der insgesamt acht Geschwister Lamberts Sterbehilfe befürworten, kämpfen seine Eltern - strenggläubige Katholiken - und die zwei restlichen Geschwister vehement dagegen.

Der Fall hat schon mehrere Gerichte beschäftigt. Frankreichs oberstes Verwaltungsgericht billigte im vergangenen Jahr eine Einstellung der künstlichen Ernährung, die Lamberts damals behandelnder Arzt am Universitätsklinikum Reims beschlossen hatte. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg befürwortete diese Entscheidung im vergangenen Juni.

Lamberts neue Ärztin Daniela Simon leitete daraufhin eine neue "kollegiale Prozedur zur Einstellung der Pflege" des Wachkomapatienten ein - setzte diese aber zur allgemeinen Überraschung eine Woche später aus. Hintergrund waren unter anderem Drohungen, Lambert zu entführen. Ein Neffe Lamberts rief deswegen das Verwaltungsgericht von Châlons-en-Champagne an, um die Ärzte zu zwingen, die künstliche Ernährung zu stoppen.

Das Gericht lehnte dies aber ab. Die Ärzte hätten wegen ihrer "beruflichen und moralischen Unabhängigkeit" das Recht, einen bereits eingeleiteten Prozess des Sterbenlassens wieder auszusetzen, hieß es zur Begründung.

Sterbehilfe im europäischen Ausland

kis/AFP

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1. Absurd
holy10 09.10.2015
" Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg befürwortete diese Entscheidung im vergangenen Juni." Zu Mitschreiben: Der EuGH für MENSCHENRECHTE stimmt zu einen Menschen verhungern zu lassen. Kommt nur mir das absurd vor? Diese ganze Dikussion hat eine gefährlich Richtung, denn unterm Strich geht es doch um die Frage nach lebenswertem Leben. Es haben sich schon einmal Menschen dazu aufgeschwungen diese Frage für andere zu beantworten. Das ging nicht gut aus.
2. Herren - und Frauen - über Leben und Tod
noalk 09.10.2015
Damit werden Mediziner genau das, was sie vorgeben, nicht zu sein, aber anderen vorwerfen, es zu sein.
3. Lieber holy10 ...
yomo 09.10.2015
... es ist sicher schwer sich vorzustellen, dass es Menschen geben soll, die Sterbehilfe nicht absurd finden. Aber die gibt es - glauben Sie mir. Und es sind keine Massenmörder. Aber holy10 ist Ihnen bestimmt nicht einfach so eingefallen. Der Name ist Programm! Habe ich recht? Sollte mir mal etwas geschehen, das mich in eine ähnliche Situation bringt, wie dieser Chomapatient, so hoffe ich sehr, dass meine Patientenverfügung nicht Ihnen in die Hände fällt.
4. Wenn Tod warum Verhungern?
ahai 09.10.2015
Wer einmal einen dterbenden begleitet hat wurd miterlebt haben daß sterben kein schöner Prozess ist. Dda in diesem Land Sterbehilfe verboten ist muss jeder Patient (wenn er noch etwas mitbekommt) am eigenen Körper miterleben wie er zu Grunde geht.Erst nicht mehr selbstständig Toilette gehen können, sich im Bett in die Pfanne erleichterten, Fremdhinternabputzen,irgenwann Windeln. Das heißt erst mal die Würde verlieren und ganz tief sinken. Wenn man dann schnellstmöglich sterben möchte um diesen entwürdigenden Prozess abzukürzen bleibt einem nur daß Verhungern. Da haben es die Tiere doch richtig gut-die dürfen schnell einschlafen und müssen den Verfall nicht richtig miterleben
5. Antwort
holy10 09.10.2015
Zitat von yomo... es ist sicher schwer sich vorzustellen, dass es Menschen geben soll, die Sterbehilfe nicht absurd finden. Aber die gibt es - glauben Sie mir. Und es sind keine Massenmörder. Aber holy10 ist Ihnen bestimmt nicht einfach so eingefallen. Der Name ist Programm! Habe ich recht? Sollte mir mal etwas geschehen, das mich in eine ähnliche Situation bringt, wie dieser Chomapatient, so hoffe ich sehr, dass meine Patientenverfügung nicht Ihnen in die Hände fällt.
"Aber holy10 ist Ihnen bestimmt nicht einfach so eingefallen. Der Name ist Programm! Habe ich recht?" Nein haben sie nicht, aber da ihnen anscheinend eine große Portion Überheblichkeit in die Wiege gelegt wurde, stört sie das sicher nicht. Und sollte ich jemals in eine Situation geraten in der ich zwar nicht mit meiner Umwelt kommunizieren kann, aber dennoch ein Bewußtsein habe, hoffe ich das nicht so ein "barmherziger" Mensch wie sie meinem Leben ein Ende setzt. Oder sind sie der Meinung Vincent Lambert lebt schon nicht mehr oder es ist zumindest nicht "menschenwürdig"?
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Arten der Sterbehilfe
Aktive Sterbehilfe
Der Tod eines Menschen wird absichtlich und aktiv herbeigeführt. Zum Beispiel, indem ein Arzt eine tödliche Dosis Medikamente verabreicht. Diese Form der Sterbehilfe ist in Deutschland verboten (Tötung auf Verlangen oder Totschlag oder gar Mord).
Passive Sterbehilfe
Lebensverlängernde Maßnahmen wie zum Beispiel künstliche Ernährung werden auf Wunsch des Sterbewilligen eingestellt. Er erhält eine schmerzlindernde Behandlung, die Grundpflege und Seelsorge werden beibehalten. In Deutschland ist diese Form bei entsprechendem Patientenwillen straflos.
Indirekte aktive Sterbehilfe
Ein Arzt verabreicht einem Patienten auf dessen Wunsch hin schmerzlindernde Medikamente, zum Beispiel Morphin. Eine lebensverkürzende Wirkung wird in Kauf genommen, ist aber nicht beabsichtigt. Diese Form ist in Deutschland straflos, aber die Grenze zur aktiven Sterbehilfe ist fließend.
Assistierte Selbsttötung
Eine Person leistet Beihilfe zum Suizid, etwa durch Beschaffung eines tödlichen Mittels. Der Patient muss es selbständig einnehmen, bei der Handlung darf nicht einmal jemand seine Hand führen. Beihilfe zum Suizid ist in Deutschland nicht strafbar. Ärzten drohen theoretisch jedoch berufsrechtliche Konsequenzen bis hin zum Entzug der Approbation: "Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten", heißt es in Paragraf 16 der Muster-Berufsordnung, wie sie als Empfehlung vom Deutschen Ärztetag beschlossen wurde. Allerdings haben mehrere Landesärztekammern die Formulierung abgewandelt oder gar nicht in ihre Berufsordnungen übernommen. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, kann sich laut SPIEGEL an keinen Fall erinnern, in dem es in den vergangenen Jahren wegen Sterbehilfe zum Entzug der Approbation gekommen wäre.
Patientenverfügung
In Deutschland haben Volljährige die Möglichkeit, in einer Patientenverfügung im Voraus schriftlich festzulegen, ob und wie sie in bestimmten Situationen ärztlich behandelt werden möchten (Paragraf 1901a, Bürgerliches Gesetzbuch). Diese Angaben sind - sofern bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind - für Ärzte verbindlich. Ausführliches Info-Material stellt das Justizministerium zur Verfügung.


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