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Sterbehilfe-Debatte im Bundestag: Wie wollen wir sterben?

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Sterbehilfe-Debatte im Bundestag: Wie wollen wir sterben?

Wenn kranke Menschen sich den Tod wünschen, darf man ihnen dabei helfen? Der Bundestag diskutiert eine Neuregelung der Sterbehilfe. Hier die wichtigen Positionen im Überblick.

Würdevoll sterben - kaum ein Thema wird in Deutschland so kontrovers diskutiert. Wenn ein Mensch sterbenskrank ist und leidet, soll ihm dann sein Arzt ein tödliches Medikament verabreichen dürfen? Sollte es Vereine geben, die einen Kranken zum Tod begleiten? Und wie wollen wir todkranke Menschen am Ende ihres Lebens betreuen? Am Donnerstag diskutiert der Bundestag erstmals in großer Runde über eine Neuregelung der Sterbehilfe.

Vier Stunden sind angesetzt, es dürfte eine emotionale Debatte werden. Verschiedene Arbeitsgruppen stellen ihre Positionspapiere vor. Die Abgeordneten sollen über die Parteigrenzen hinaus nach ihrem Gewissen entscheiden. Über einen konkreten Gesetzentwurf wird voraussichtlich im Herbst 2015 abgestimmt.

Worüber wird debattiert? Im Fokus der Diskussion steht die assistierte Selbsttötung. Das bedeutet: Eine Person leistet Hilfe zum Suizid, etwa durch die Beschaffung eines tödlichen Medikaments. Der Patient muss es selbstständig einnehmen, das Mittel darf nicht verabreicht werden, der Beschaffer nicht einmal die Hand des Todkranken führen. Eine Frage ist: Wer soll das zum Tod führende Medikament besorgen dürfen?

Wie ist die momentane Gesetzeslage? Beihilfe zum Suizid ist nicht strafbar. Umstrittene Vereine wie "Sterbehilfe Deutschland" des ehemaligen Hamburger Justizsenators Roger Kusch sind nicht verboten. Ärzte befinden sich in einer gesetzlichen Grauzone. Ihnen ist die Hilfe zur Selbsttötung in einigen Bundesländern durch die dortigen Berufsordnungen untersagt. Bei einem Verstoß drohen ihnen theoretisch berufsrechtliche Konsequenzen bis hin zum Entzug der Zulassung.

Wer will was?

  • Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) fordert ein umfassendes Verbot der organisierten Hilfe zur Selbsttötung - darunter fallen Sterbehilfevereine aber auch ärztlich unterstützter Suizid. "Es darf nicht sein, dass Selbsttötung gleichsam als Behandlungsvariante neben anderen angeboten wird", sagte Gröhe im SPIEGEL. Er will stattdessen den Ausbau des Hospiz- und Palliativwesens ausweiten. Laut NDR plant das Ministerium 150 bis 200 Millionen Euro im Jahr für die Betreuung schwerstkranker Menschen ein.

  • Eine Mehrheit der Unionsfraktion unterstützt Gröhe, darunter Fraktionschef Volker Kauder und CSU-Chef Horst Seehofer. "Die verkehrteste Antwort wäre: Wir greifen zur Pille", so Seehofer. Ausgenommen von einem Verbot der organisierten Sterbehilfe seien Angehörige. "Auch behandelnde Ärzte, die im Einzelfall einem Patienten ein Medikament zum Suizid zur Verfügung stellen, geraten nicht in die Gefahr der Strafverfolgung, wenn sie es nicht zum regelmäßigen Gegenstand ihres 'Behandlungs'-Angebots machen", hieß es in dem Papier, das die Abgeordneten Claudia Lücking-Michel (CDU), Michael Brand (CDU) und Michael Frieser (CSU) vorstellten.

  • Nach den Plänen von Bundestagsvizepräsident Peter Hintze (CDU), SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und der stellvertretenden SPD-Fraktionsvorsitzenden Carola Reimann soll der ärztlich assistierte Suizid ausdrücklich erlaubt werden - allerdings nach klaren Kriterien. Demnach soll ein Arzt einem Patienten, der an einer unumkehrbar zum Tode führenden Krankheit leidet und einen sehr starken Leidensdruck verspürt, künftig ein zum Tod führendes Medikament zur Verfügung stellen dürfen, wenn er und ein weiterer Mediziner dieses Leiden nachvollziehen können. Die Arbeitsgruppe will einen entsprechenden Passus in das Bürgerliche Gesetzbuch eintragen, ins Umfeld des Paragrafen 1901a zur Patientenverfügung. Damit wäre das Berufsrecht der Ärzte an der Stelle ausgesetzt, Mediziner und Patienten sollen so Rechtssicherheit bekommen, sagte Hintze dem SPIEGEL. "Entscheidend ist, dass niemand einem anderen vorschreiben sollte, wie er zu sterben hat und wie viel Leid er am Lebensende aushalten soll." Allerdings soll die Regelung nicht für Patienten mit schweren Depressionen gelten. Und: Die Arbeitsgruppe spricht sich gegen organisierte Sterbehilfe und damit auch Sterbehilfevereine aus. Begründung: Vielen der dort Behandelten, könne auch anders geholfen werden.

  • Die Bundesärztekammer lehnt Hintzes Vorstoß ab, die assistierte Selbsttötung für Mediziner rechtlich zu regeln, und unterstützt Gröhe. "Wir möchten nicht die Profis für den Tod sein", sagte Frank Ulrich Montgomery kürzlich.

  • Die SPD-Politikerinnen Kerstin Griese und Eva Högl haben ein Papier aufgesetzt, das die organisierte Sterbehilfe ausschließt und Vereinen wie Einzelpersonen eine regelmäßige Suizidassistenz untersagt. Damit blieben Einzelfälle weiter straffrei - auch für Ärzte. Mit denen will Griese verhandeln, wie man entsprechenden Spielraum in das Berufsrecht integrieren könnte. Außerdem will sie wie Gröhe die Palliativangebote stärken.

  • Eine der liberalsten Positionen vertritt die Gruppe um Grünen-Politikerin Renate Künast. Sie plädiert in einem Positionspapier dafür, Sterbehilfevereine unter klaren Auflagen zuzulassen. Der Staat müsse die Vereine verpflichten, nur Unkosten deckend zu arbeiten. Ein Verbot der Vereine werde keine "Vermeidung von Selbsttötung sein, sondern die Reise ins Ausland" befördern, schrieb Künast in einem Gastbeitrag für den "Tagesspiegel". Unterstützt wird die Grünen-Politikerin von Parteikollege Kai Gehring und Petra Sitte (Linke).

Die katholische Kirche lehnt Sterbehilfe ab - auch den assistierten Suizid. Die Evangelische Kirche Deutschland betonte in einer Stellungnahme die "kirchliche Ablehnung von Selbsttötung und Beihilfe zur Selbsttötung".

Wie schwer eine Entscheidung fällt, wie unterschiedlich jeder einzelne Fall ist, zeigen die Worte des früheren EKD-Vorsitzenden Nikolaus Schneider. Seine Frau Anne ist an Krebs erkrankt, Schneider trat daher von seinem Amt als Ratsvorsitzender zurück. Er würde seine Frau zum assistierten Suizid begleiten, sagte er. Nicht aus Überzeugung, er lehnt Sterbehilfe ab. Sondern aus Liebe.

Sterbehilfe im europäischen Ausland

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insgesamt 78 Beiträge
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1. Not-wendig
nomadas 13.11.2014
Ja, sie wird kommen, die Sterbehilfe, ohne Zweifel. Da geht es weder um Moral, noch um Religion. Da geht es ganz nüchtern, um die Fakten: Wir sind in der Phase III der Bevölkerungsentwicklung dazu ein Gesundheitssystem, das vor dem Kollaps steht. Krankheit, Alter & Pflege, unbezahlbar, nicht zu finanzieren. All diese knallharten Zwänge, führen -logischerweise- zur aktiven Sterbehilfe. Lasst sie gehen und ruhen in Frieden. Amen
2. Letzte Hilfe
nord1icht 13.11.2014
Vielleicht hätte man ruhig auf die Kampagne letzte-hilfe.de verweisen können, der sich viele namhafte Menschen angeschlossen haben.
3. Wenn ich Suizid in Betracht ziehe...
unwesen 13.11.2014
... dann mach ich das, ob es rechtlich geregelt ist oder nicht. Wenn ich Hilfe dazu benoetige, werde ich danach fragen. Das einzige, was eine Verschaerfung der Gesetze bewirken wuerde, ist dass ein Mensch, dem ich genug Liebe und Vertrauen zubringe, um ihn um Hilfe zu bitten, dafuer bestraft wird, mich zu erloesen. [[Ich rede da auch nicht einfach vor mich hin; zwar plane ich keinen Freitod, und erwarte auch nicht, das jemals zu tun. Dafuer bin ich wahrscheinlich zu jung und gesund. Andererseits war ich mal in der Situation, dass ich gebeten wurde, Beihilfe in Erwaegung zu ziehen. Gluecklicherweise ist der Betroffene von dem Thema nach einiger Zeit abgerueckt, und lebt inzwischen unter genuegend verbesserten Bedingungen. Aber ich habe einen gewissen Einblick, wie sich so eine Situation anfuehlt, wie es dazu kommt, und wie wenig Hoffnung da in Sicht ist.]] Die meisten Menschen, die hier debattieren, haben solche Einblicke nicht. Ich empfinde es als regelrecht empoerend, dass sie dann versuchen ein selbst bestimmtes, halbwegs wuerdevolles Lebensende zu verhindern.
4.
MMXV 13.11.2014
'Töten auf Verlangen' gibt es bei uns doch schon längst - bei der Abtreibung, und da wird die Zustimmung zur Tötung noch nicht mal vom Opfer eingeholt sondern quasi durch Fremdbstimmung ermöglicht. Warum jetzt so zimperlich ? Könnte nicht alles staatliche Töten - hier mal so, dort mal anders - etwas mit bornierter polit. Ideologie zu tun haben statt mit normalem Menschenverstand ?
5. völlig klar
Kaldahan 13.11.2014
Jeder Totkranke der gepflegt werden muss bringt der Pharmaindustrie eine Menge Geld.. Deswegen darf ein Mensch sich nicht das Leben nehmen.. egal wie3 sehr er leidet. Hab ich kein Verständnis dafür. Wenn ein Totkranker sich das Leiden ersparen möchte.. lasst ihn gehen.. jeder hat das recht auf Würde ... und vorallem in Würde sterben zu dürfen.
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